Aus: Alzheimer Info 2/18

Ingrid Fuhrmann gehört zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Alzheimer Gesellschaft und war einige Jahre auch Mitglied des Vorstands. Als pflegende Angehörige ihrer an Alzheimer erkrankten Mutter gründete sie zusammen mit anderen Angehörigen und Fachleuten 1989 die Alzheimer-Gesellschaft Berlin. Mittlerweile ist auch ihr Mann an einer Demenz erkrankt und lebt in einem Pflegeheim in Potsdam.

Alzheimer Info: Liebe Frau Fuhrmann, wie kam es dazu, dass Ihr Mann in ein Pflegeheim umgezogen ist?

Ingrid Fuhrmann: Bei meinem Mann entwickelte sich die Demenz langsam und lange Zeit konnte ich ihn gut zu Hause betreuen. Im Herbst 2016 bekam er eine Darmerkrankung, musste mehrfach in verschiedenen Krankenhäusern behandelt werden und ist seitdem stuhlinkontinent. Die Versorgung im ersten Krankenhaus war sehr schlecht, ich musste dort seine Körperpflege komplett übernehmen. Daher wusste ich, dass ich ihn mit der Inkontinenz nicht mehr zuhause versorgen konnte.

Das letzte Krankenhaus hat mir sehr kurzfristig mitgeteilt, dass mein Mann entlassen werden sollte. Daraufhin habe ich mich zusammen mit meinem Sohn auf die Suche nach einem Pflegeheim gemacht. In Berlin habe ich nur ein einziges Heim gefunden, das uns kurzfristig einen Platz anbieten konnte. Dies lag aber sehr abgeschieden und die Zimmer hatten keine eigenen Toiletten. Deshalb habe ich im näheren Umland gesucht. In einer Einrichtung in Potsdam war gerade ein Platz in einem großzügigen Doppelzimmer frei geworden, das mein Mann jetzt zusammen mit einem anderen Herrn bewohnt.

Diese Einrichtung ist eine relativ große Anlage mit mehr als 130 Pflegeplätzen. Wie gefällt es Ihnen dort?

Das Haus selber ist schön und großzügig. Heimleitung und Personal sind engagiert, freundlich und zugänglich. Auf der Pflegestation verbringe ich mit meinem Mann aber so wenig Zeit wie möglich, weil ich die Atmosphäre unter den Bewohnern der Station als bedrückend empfinde. Es gibt auch Unstimmigkeiten, und mein Mann hat dort kaum jemanden, mit dem er sich ein wenig unterhalten könnte.

Und wie ist die pflegerische Versorgung?

Der bundesweite Mangel an Pflegekräften ist auch hier sehr deutlich spürbar. Immer wieder hören Pflegekräfte auf und wechseln beispielsweise in eine Tagespflege oder sogar in einen anderen Beruf. Vor einigen Wochen hat die Stationsleitung gekündigt und bisher wurde kein Nachfolger gefunden. Die Lücken werden mit ständig wechselnden Leasingkräften gefüllt, die zwar gut pflegen, die Bewohner aber nicht kennen und keine Beziehung zu ihnen aufbauen können. Für die rund 25 Bewohner auf der Station sind tagsüber zwei Pflegekräfte zuständig, für die Tablettengabe kommt eine weitere dazu. Ich bin täglich von 13.30 bis etwa 19 Uhr bei meinem Mann. Wenn ich mittags komme, wechsle ich ihm als erstes die Windel, weil das regelmäßig dringend notwendig ist. Dabei hatte ich oft festgestellt, dass er morgens nicht gründlich vom Stuhlgang der Nacht gereinigt worden ist. Nachdem ich das mehrfach angesprochen habe, kommt es mittlerweile nur noch ganz selten vor. Allerdings frage ich mich oft, was wäre, wenn ich mich als Angehörige nicht so darum kümmern würde. Darüber hinaus helfe ich meinem Mann auch beim Abendessen und rede ihm geduldig zu, wenn er Essen einfach ablehnt. Mittags sind manchmal sehr motivierte Hilfskräfte da, die sich zu ihm setzen und ihn zum Essen anregen. Die Pflegekräfte selbst haben dafür kaum die Zeit.

Jeden Tag die Strecke bis nach Potsdam zu fahren und so viel Zeit mit Ihrem Mann zu verbringen klingt sehr anstrengend.

Sicherlich bin ich oft erschöpft und hätte auch gerne mehr Zeit für mich. Ich hätte aber keine Ruhe, wenn ich nicht zu ihm fahren würde. Es tut ihm gut, wenn ich da bin. Wenn ich komme, sagt er mit einem Ausdruck der Erleichterung: „Jetzt bist du da!“ – obwohl er das Heim akzeptiert und nie darum bittet, nach Hause zu dürfen. Ich hätte sehr große Sorge, dass mein Mann schneller geistig und seelisch abbaut, wenn ich ihn nicht besuche. Er ist durchaus noch an Politik und Wissenschaft interessiert. Das wirklich umfangreiche Beschäftigungsprogramm mit beispielsweise Basteln und Spielen ist nichts für ihn, nur die Musik-Angebote mag er. Wenn ich ihm eine Zeitung bringe, liest er noch interessiert darin und er geht auch gern nach draußen. Ich hätte Angst, dass er wie so viele andere Bewohner, die ich in dem Haus beobachte, innerhalb kurzer Zeit nur noch dasitzen und vor sich hinstarren würde, wenn ich ihn nicht ständig anregen und fördern würde. Für eine längere individuelle Ansprache haben die engagierten Mitarbeitenden im Heim aufgrund der prekären Situation im deutschen Pflegebereich leider sehr wenig Zeit.

Das Interview führte Susanna Saxl
DAlzG