Aus: Alzheimer Info 4/18

Ein Höhepunkt auf dem Alzheimer-Kongress in Weimar war der Besuch von Emma, einem Roboter zur Aktivierung und Betreuung von Menschen mit Demenz. Entwickelt wird er im Labor für Robotik der Fachhochschule Kiel von Hannes Eilers in Kooperation mit der Diakonie Altholstein. Seit Februar 2017 ist Emma regelmäßig zu Gast in einer Demenz-WG in Kiel. Eilers entwickelt ihre Anwendungen auf der Basis der Erfahrungen mit den demenzkranken Bewohnerinnen und Bewohnern weiter.
Im Moment hat Emma vier verschiedene Anwendungen im Programm, unter anderem eine Tanzstunde. Sie spielt dabei Musik, gibt Kommandos („links herum“, „rechts herum“, „Arme hoch“ usw.) und macht die Bewegungen auch vor. Außerdem kann sie eine Art Memory spielen und damit ein Gedächtnistraining durchführen. Emma misst dabei die Leistung des Bewohners und speichert sie. Die Betreuungskräfte können auf diese Weise sehen, wie sich die Leistung eines Bewohners über einen längeren Zeitraum entwickelt. In drei bis vier Jahren soll Emma serienreif sein und an Einrichtungen der stationären Altenpflege verkauft werden. Hannes Eilers schätzt, dass sie dann rund 40.000 Euro kosten wird.
Am Rande des Kongresses in Weimar konnten wir mit Hannes Eilers über Emma sprechen.

Alzheimer Info: Emma kommt bei den Teilnehmern hier auf dem Kongress sehr gut an. Viele behandeln sie fast wie eine richtige Person: Sie sprechen Emma an, streicheln ihr den Kopf und zeigen Mitleid, wenn sie von Ihnen etwas grob durch die Gegend geschoben wird. Wie reagieren Menschen mit Demenz auf Emma?

Hannes Eilers: Die meisten reagieren genau so, offen und positiv. Wir stellen fest, dass Empathie für den Roboter entsteht, etwa in dem Maße, wie sie auch für ein Haustier entstehen würde. Die Bewohner der Demenz-WG unterscheiden aber ganz klar zwischen anderen Menschen und „der Puppe“, wie sie Emma nennen. Mit Puppen spricht man auch, spielt mit ihnen und schreibt ihnen Gefühle und eine Persönlichkeit zu. Aber sogar kleine Kinder wissen ja, dass Puppen keine echten Menschen sind.

Ihnen schlägt aber auch viel Skepsis entgegen. Eine große Befürchtung ist, dass Roboter zukünftig in der Altenpflege eingesetzt werden könnten, um menschliche Arbeitskraft einzusparen.

Emma kann nichts leisten, was die Arbeitsleistung eines Menschen auch nur annähernd ersetzen könnte. Sie kann keine komplexen Bewegungen machen, keine schweren Gegenstände aufheben und kein zusammenhängendes Gespräch führen. Sie muss immer von Betreuungskräften begleitet werden und kann nicht eigenständig mit Bewohnern arbeiten. Deshalb kann sie nur ein zusätzliches Angebot sein. In Bezug auf Robotik und Künstliche Intelligenz sind wir einfach noch nicht so weit, wie Hollywood uns das manchmal weismachen möchte.

Emma hat das Potenzial, persönliche Daten zu verarbeiten, zum Beispiel den Beruf eines Bewohners. Damit kann ein Gedächtnistraining noch individueller gestaltet werden. Außerdem kann sie Daten über die Nutzer erheben, etwa ihre geistige Tagesform. Menschen mit Demenz können das unter Umständen nicht mehr überblicken. Was sagen Sie vor diesem Hintergrund zum Thema Datenschutz?

Pflegeeinrichtungen haben Standards zum Thema Datenschutz. Zum Beispiel sind persönliche oder medizinisch sensible Daten in einem abschließbaren Schrank, zu dem nicht alle Zugang haben. Diese Prinzipien kann man auf die Daten übertragen, mit denen Emma arbeitet. Alle sensiblen Daten können lokal gespeichert werden und müssen die Einrichtung nie verlassen. Emma kann allerdings eine Verbindung zum Internet herstellen, vor allem um Software-Updates herunterzuladen. Hier gilt: Man kann immer zwischen Kosten und Sicherheit wählen. Ein System, in dem persönliche Daten vor externem Zugriff sehr sicher geschützt sind (Stichwort NSA), kostet in der Entwicklung sehr viel Geld. Ein unsicheres System ist günstig. Und dazwischen sind viele Abstufungen denkbar. 

Außerdem sind bestimmte Funktionen, zum Beispiel Spracherkennung, zur Zeit mit einem hohen Sicherheitsstandard einfach nicht zu haben. Wenn ich mit dem Roboter fließend sprechen möchte, bin ich gezwungen, Audio-Daten zu einem ausländischen Anbieter zu schicken. Wenn ich das nicht möchte, kann ich diese Funktion nicht nutzen. Ich bezahle also mit meinen Daten für bestimmte Funktionen.

Ich habe den Eindruck, dass die wenigsten Menschen das überblicken können – oder wollen.

Das Wichtigste ist, dass man die Nutzer in die Entwicklung einbindet. Nur so kann man digitale Systeme entwickeln, die passend sind. Außerdem verstehen die Nutzer dann die Zusammenhänge eher und können selbst entscheiden, ob sie etwa Daten in die USA übertragen wollen oder nicht.

Wozu brauchen Menschen mit Demenz überhaupt einen Roboter? Ist menschlicher Kontakt nicht viel wichtiger? 

Wie gesagt kann Emma den echten Menschen nicht einmal annähernd ersetzen. Aber mit Emma zu spielen macht großen Spaß. Ich finde, es gibt bei uns eine Tendenz, ältere Menschen oder Menschen mit Demenz von neuen Technologien fernzuhalten. Gleichzeitig spielen wir alle gern mit unseren Smartphones.

Es gibt zu wenig passende Angebote für Menschen mit Demenz. Technik sollte aber so funktionieren, dass sie auch an diesem gesellschaftlichen Fortschritt teilhaben können.

Wir danken Ihnen für das Gespräch!

Das Interview führte
Astrid Lärm
DAlzG