Aus: Alzheimer Info 1/19

Essen und Trinken ist ein Thema, das Angehörige oft auch dann weiter beschäftigt, wenn Menschen mit Demenz bereits in einem Pflegeheim versorgt werden. Reiner Kaltschmitt besucht seine Frau Edith, die schon im Alter von 64 Jahren an einer Frontotemporalen Demenz erkrankt ist, täglich im Heim und unterstützt sie beim Abendessen. Er sprach mit uns darüber, wie viel Kreativität er entwickelt hat, damit seine Frau regelmäßig ausreichend Nahrung zu sich nehmen kann.

Alzheimer Info: Seit wann spielt das Thema „Essen“ eine besondere Rolle bei der Betreuung Ihrer Frau?

Reiner Kaltschmitt: Essen war bei ihr schon ganz früh ein besonderes Thema. Nach dem Beginn ihrer Krankheit hat sie noch fast acht Jahre lang zu Hause gelebt. In dieser Zeit hat sie auf dem immer gleichen Essen bestanden: Morgens zwei Scheiben Brot, dick bestrichen mit cremigem Honig von einem bestimmten Imker, mittags Puten-Cordon Bleu mit Maultaschen und Karotten und abends Pizzafleischkäse mit Karottensalat (1 kg Karotten und ein halbes Glas Honig). Ansonsten nur süße Sachen wie Pudding. Sogar für den Urlaub im Hotel mussten diese Dinge eingepackt werden.

Wann hat sich das verändert?

Vor knapp zwei Jahren hatte Edith einen Schlaganfall und ich konnte sie nicht mehr zu Hause versorgen. Im Heim hat sie dann notgedrungen begonnen, auch andere Speisen zu essen. Das ging eine Weile ganz gut. Vor acht Monaten hat sich die Situation aber drastisch verschlechtert und es traten starke Schluckstörungen auf. Mit festen Speisen kann sie nichts mehr anfangen. Sie schiebt das Essen im Mund herum, weiß aber nicht mehr, wie sie es schlucken könnte.

Wie ging es weiter, als das Schlucken so problematisch geworden ist?

Die Ärzte haben uns damals empfohlen, eine Magensonde legen zu lassen. Abgesehen von den Schluckstörungen und den kognitiven Einschränkungen ist meine Frau nämlich körperlich sehr gesund. Ediths Kinder haben sich jedoch strikt gegen eine Magensonde ausgesprochen. Sie waren der Meinung, dass diese nicht dem Willen ihrer Mutter entspräche. Ich wollte meine Frau aber nicht verhungern lassen und habe angefangen, herumzuexperimentieren. Zuerst hat sie sogenannte Astronautenkost, hochkalorische Nahrung in flüssiger Form, bekommen. Aber das ist keine Dauerlösung. Inzwischen funktioniert es mit dem Essen recht gut und Edith hat bisher kaum abgenommen. Allerdings ist es sehr zeitaufwendig, ihr das Essen anzureichen. Die 60 bis 90 Minuten, die man für eine Mahlzeit benötigt, hat das Pflegepersonal im Heim einfach nicht täglich. Deshalb fahre ich jeden Abend vom Geschäft aus ins Heim und übernehme das. Alleine kann meine Frau weder Speisen noch ein Glas zum Mund führen.

Was geben Sie ihr denn jetzt zu essen?

Ganz wichtig ist die Konsistenz der Speisen. Feste Nahrung und alles, was körnig oder krümelig ist, kann sie nicht mehr essen. Alles, was ich ihr gebe, ist so flüssig, dass sie es aus einem Glas trinken kann. Dafür lasse ich mir von der Küche das Essen pürieren und verdünne es dann mit etwas klarer Suppe, bis es cremig ist, ungefähr wie Trinkjoghurt. Meine Frau trinkt es dann in kleinen Schlucken und sehr langsam aus dem Glas. Auch wenn Edith heute nicht mehr sprechen kann, nimmt sie sehr genau wahr, was sie zum Essen angeboten bekommt, und sie probiert auch, ob es ihr schmeckt. Deshalb achte ich darauf, dass Kartoffeln, Gemüse, Fleisch usw. jeweils einzeln püriert werden und nicht als Einheitsbrei bei uns ankommen. Zum Abschluss bekommt sie immer etwas Süßes, Pudding oder Grießbrei beispielsweise, das mag sie besonders. Auch die Süßspeisen muss ich für sie verdünnen, aber natürlich mit Fruchtsaft statt Suppe. Das richtige Mischungsverhältnis habe ich im Laufe der Zeit durch Ausprobieren herausgefunden und es verändert sich immer wieder.

Was bekommt Ihre Frau ansonsten den Tag über zu essen?

Die Pflegekräfte geben ihr vor allem Joghurt, der gut zu schlucken ist, und manchmal auch Astronautenkost, wenn sie den Eindruck haben, dass sie zu wenige Kalorien aufnimmt. Die hochkalorische Nahrung verschreibt der Hausarzt und ich sorge immer dafür, dass ein Vorrat davon vorhanden ist.

Welche Maßnahmen sind außerdem zur Unterstützung nötig?

Eine Logopädin und eine Ergotherapeutin machen regelmäßig Schlucktraining. Dazu gehört insbesondere die Stimulation des Schluckreflexes durch eine leichte Massage im Bereich des Kehlkopfes über vibratorische Stimulation mittels eines Massagegerätes (Novafon R) sowie manuelle Stimulation in Anlehnung an das Castillo Morales Konzept. Beim Essen ist eine aufrechte Haltung wichtig, und Ediths Kopf muss leicht nach vorne geneigt sein. Außerdem achte ich darauf, dass sie zwischendrin aufstößt und so die Luft aus dem Magen lässt. Danach isst sie dann besser weiter. Wenn meine Frau sich verschluckt, machen wir erstmal Pause, damit sie in Ruhe abhusten kann. Es ist wichtig, dass beim Essen die ganze Zeit jemand bei ihr ist, weil sie sich jederzeit verschlucken kann. Wenn es mit dem Schlucken an manchen Tagen nicht so gut klappt, hilft ein Wechsel von kalten und warmen Speisen, den Schluckreflex anzuregen.

Ganz wichtig ist auch, dass die Umgebung ruhig ist und Edith nicht durch laute Geräusche oder hin- und herhastende Menschen abgelenkt wird. Auf eine ruhige Atmosphäre bei den Mahlzeiten wird im Heim zum Glück viel Wert gelegt.

Ist es nicht eine große Herausforderung, diese Aufgabe jeden Tag zu übernehmen?

Manchmal ist es stressig, wenn im Geschäft viel zu tun und die Zeit knapp ist. Urlaub machen kann ich tatsächlich nicht. Durch die Zeit mit meiner Frau habe ich aber auch Entschleunigung gelernt. Wenn ich bei ihr bin, schaue ich nie auf die Uhr. Ab und zu habe ich einen „freien“ Abend, wenn ich zur Angehörigengruppe gehe. Dann übernehmen die Pflegekräfte ausnahmsweise die Abendmahlzeit. Übrigens haben sich die Pflegekräfte einiges bei mir abgeschaut und verpflegen inzwischen auch andere Heimbewohner mit Schluckbeschwerden auf diese Weise.

Zum Glück ist meine Frau in einem sehr guten Pflegeheim, in dem auf jeden einzelnen Heimbewohner liebevoll und fürsorglich eingegangen wird. Meine Frau nimmt noch an allen Aktivitäten des Pflegeheims teil. Trotz des fortgeschrittenen Krankheitsverlaufs hat ihr Leben noch Lebensqualität, davon sind alle Angehörigen und Pflegekräfte überzeugt.

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute.

Das Interview führte
Susanna Saxl
DAlzG