Aus: Alzheimer Info 2/19

Das Kompetenzzentrum Demenz für das Land Brandenburg (in Trägerschaft der Alzheimer-Gesellschaft Brandenburg) hat 2017 und 2018 im Rahmen des Pilotprojektes „Leben in guter Nachbarschaft“ in zwei brandenburgischen Pflegeeinrichtungen Gesprächskreise für Bewohnerinnen und Bewohner ohne Demenzerkrankung angeboten. Ziel des Projektes war es, den Austausch von Menschen mit und ohne Demenz in stationären Einrichtungen zu fördern. Die Teilnehmenden sollten mehr über das Thema Demenz erfahren und gemeinsam Ideen für ein gelungenes Zusammenleben in der Einrichtung entwickeln. Sonja Köpf vom Kompetenzzentrum Demenz sprach mit uns über die Idee des Projektes und ihre Erfahrungen zur Förderung einer guten Nachbarschaft in Pflegeeinrichtungen.

Wie ist die Idee zum Projekt „Leben in guter Nachbarschaft“ entstanden?

Sonja Köpf: Seit vielen Jahren bieten wir die Schulungsreihe „Hilfe beim Helfen“ an. Diese Schulung richtet sich an Angehörige von Menschen mit Demenz. Bei uns kam irgendwann die Frage auf, wer die nicht an einer Demenz erkrankten Bewohnerinnen und Bewohner in Pflegeeinrichtungen eigentlich unterstützt oder berät. In stationären Einrichtungen entstehen im alltäglichen Miteinander Situationen und Konflikte mit Bewohnern, deren Verhalten als auffällig oder störend empfunden wird. Im Gespräch mit einer Pflegeeinrichtung wurde 2016 die Idee geboren, eine Art Schulung zum Thema „Leben in guter Nachbarschaft“ anzubieten.

Wie sind Sie auf den Namen des Projektes gekommen?

In einer Pflegeeinrichtung lebt man ja auch in einer Nachbarschaft mit den anderen Bewohnern – unser Anliegen war es, diese Nachbarschaft positiv zu befördern und Anreize für den Kontakt sowie für ein gutes Miteinander zu geben.

Wie waren die Gesprächstermine aufgebaut?

Beim ersten Termin ging es uns zunächst einmal um das gegenseitige Kennenlernen. Die Teilnehmenden haben von sich erzählt und berichtet, wie sie früher Nachbarschaft erlebt haben – wie zum Beispiel bei Umzügen Kontakt zu den neuen Nachbarn entstand und wie mit Konflikten umgegangen wurde. Dieser erste Austausch untereinander hat allen Teilnehmenden und auch uns verdeutlicht, dass auch die nicht an einer Demenz erkrankten Bewohner häufig kaum etwas voneinander wissen. Es gibt gar kein „Zeremoniell“, wenn Menschen neu in die Einrichtung ziehen – kein offizielles Kennenlernen, kein Begrüßungsritual oder einen festen Termin, bei dem die neu Eingezogenen begrüßt und vorgestellt werden.

Nach diesem Einstieg haben wir die Teilnehmenden gefragt: Sie wohnen hier Tür an Tür mit bislang unbekannten Menschen – wie geht es Ihnen hier in der Einrichtung mit Ihren Nachbarn? Hierauf haben wir viele Schilderungen über Probleme und Konflikte mit anderen Bewohnern bekommen: Da kommt eine Nachbarin plötzlich herein und geht ungefragt an den Kleiderschrank. Oder ein Bewohner fährt ständig mit seinem Rollstuhl auf dem Flur hin und her. Eine Teilnehmerin berichtete, dass ihre Tischnachbarin immer wieder während des Essens ihr Gebiss herausgenommen hätte. Es gab viele Berichte über „Zusammenstöße“ mit Nachbarn, die sich sonderbar verhalten oder die ständig Fragen wiederholen. Passend dazu gab es am Ende des ersten Termins für alle Teilnehmenden eine Hausaufgabe: Sie sollten sich bis zum nächsten Mal einen Nachbarn oder eine Nachbarin, die sie mit ihrem Verhalten stören, aussuchen und mehr über diesen Menschen herausfinden. Einen Tipp haben wir den Teilnehmenden auch noch gegeben: Sprechen Sie den Sohn oder die Tochter mal an und fragen, was Ihr Nachbar oder Ihre Nachbarin früher gerne gemacht hat.

Hatten alle ihre Hausaufgaben bis zum nächsten Termin gemacht?

Nicht alle, aber wir haben einige spannende Geschichten gehört. Es war schön zu erfahren, dass wir bei den Teilnehmenden Interesse für ihre Nachbarn wecken konnten. Mit diesen Schilderungen haben wir weitergearbeitet, Missverständnisse aufgeklärt und Ideen entwickelt, wie man seinen Nachbarn etwas Gutes tun könnte. An dieser Stelle haben wir auch einige grundlegende Informationen zum Thema Demenz eingeflochten und Erklärungen für die als störend oder auffällig empfundenen Verhaltensweisen anderer Bewohner gegeben. Die Teilnehmenden haben einige Situationen daraufhin anders bewertet.

Eine Bewohnerin hat uns zum Beispiel berichtet, dass ihre Nachbarin früher immer zum Sport gegangen ist – jetzt komme diese jedoch schon lange nicht mehr, obwohl sie selbst die Nachbarin doch am Abend zuvor daran erinnere. Bislang sei sie davon ausgegangen, die Nachbarin habe keine Lust mehr, zum Sport zu gehen. Nach unseren Gesprächen habe sie sich nun überlegt, dass sie die Nachbarin einfach morgens abholen und zum Sport begleiten möchte. Einzelne haben verstanden: Es sind oftmals die kleinen Dinge, die ein gutes Miteinander fördern können.

Wie ging es weiter?

Beim dritten Gesprächstermin ging es mit einem kurzen Rollenspiel los: Meine Kollegin und ich haben verschiedene Alltagssituationen und daraus entstandene Konflikte zwischen den Bewohnern angespielt und einen möglichen Lösungsvorschlag gezeigt. Im Anschluss haben wir gemeinsam mit den Teilnehmenden diskutiert: Welchen Anteil haben wir selbst an Konflikten? Worauf haben wir in schwierigen Situationen Einfluss, worauf nicht? Wie können wir selbst dazu beitragen, dass Situationen nicht eskalieren? Wie können wir Lösungen finden? Wir hoffen, dass wir allen mit unseren Ideen und Tipps einige gute Anregungen geben konnten, wie sie den Alltag in der Einrichtung positiv mitgestalten können.

In welcher Form war das Einrichtungspersonal in die Gesprächstermine eingebunden?

Eine gute und verlässliche Zusammenarbeit mit dem Einrichtungspersonal als Unterstützung vor Ort war für uns als Kursleiterinnen unerlässlich. Neben der Organisation der Räumlichkeiten haben die Kolleginnen aus der Pflege und der Sozialarbeit die Teilnehmenden für die Kurse angesprochen und zu unseren Terminen begleitet. Und dann gab es ja aufgrund der Hausaufgaben zwischen den Terminen einiges zu tun oder zu beobachten – auch hierbei haben die Kolleginnen uns unterstützt.

Welche Eindrücke und Erfahrungen nehmen Sie aus dem Projekt mit?

Ich war überrascht, dass sozialer Kontakt in den Pflegeeinrichtungen eher zufällig entsteht. Einige Bewohner haben in den Gesprächen betont, dass sie sich vom Personal mehr Anregungen und Gelegenheiten zur Förderung von sozialen Kontakten wünschen. Da ist unheimlich viel Potenzial, das auch die Pflege entlasten könnte und das man noch wecken kann! Ich halte Einrichtungen, die bewohnerorientiert gestaltet sind, für eine wesentliche Voraussetzung für gutes Zusammenleben – auch wenn gewisse strukturelle Gegebenheiten wie feststehende Essenszeiten sich sicherlich nicht immer leicht verändern lassen.

Wie geht es mit den Ergebnissen des Projektes weiter?

Aktuell sind wir dabei, eine kleine Handreichung für Pflegeeinrichtungen zu entwickeln. Unsere Botschaft lautet: Macht das doch auch bei Euch! In der Handreichung stellen wir das Konzept für die Gesprächseinheiten vor und geben Informationen und Hinweise zu den erforderlichen Rahmenbedingungen sowie zur konkreten Umsetzung.

Wie kann aus Ihrer Sicht ein gutes Miteinander gelingen?

Dafür braucht man drei „Schlüssel“: für Wohlbefinden sorgen, Alltagsstrukturen ermöglichen und soziale Kontakte fördern.

Vielen Dank für das Gespräch. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg bei der Entwicklung der Handreichung!

Das Interview führte
Annika Koch
DAlzG