Aus: Alzheimer Info 3/18

Fragen an Dr. Horst Bickel, Technische Universität München

Alzheimer Info: In den vergangenen Jahren haben unterschiedliche Studien darauf hingewiesen, dass die Zahl der Erkrankten in den westlichen Ländern nicht so stark ansteigt wie befürchtet. Welche Faktoren werden für den Rückgang der Zahlen verantwortlich gemacht?

Dr. Horst Bickel: Tatsächlich haben mehrere Studien in Nordamerika und Westeuropa einen Rückgang des Neuerkrankungsrisikos beobachtet. Welche Ursachen dafür verantwortlich gemacht werden können, ist jedoch noch weitgehend unklar. Nicht sehr wahrscheinlich ist es, dass ein einzelner Faktor für diesen Rückgang ausschlaggebend war. Dafür bieten die bisherigen Studien keinen Anhaltspunkt. Eher sind es die allgemein verbesserten Lebensbedingungen, die zu größerer Gesundheit beigetragen haben, namentlich die erfolgreichere Vorbeugung und Behandlung von kardiovaskulären Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes und Schlaganfällen, die Reduktion des Rauchens, größere körperliche und geistige Aktivität, gesündere Ernährung sowie eine gestiegene Bildung und die damit verbundene Steigerung der kognitiven Reservekapazität.

Mehr Bewegung, geistige Anregung und gesunde Ernährung werden zur Demenzprävention empfohlen. Kann man diesen Zusammenhang wissenschaftlich belegen?

Aus zahllosen Studien wissen wir, dass es Beziehungen zwischen körperlicher Aktivität, geistiger Regsamkeit, vernünftiger Ernährung und dem Demenzrisiko gibt. Diese Beziehungen wurden allerdings nahezu ausschließlich in so genannten Beobachtungsstudien festgestellt. Streng genommen handelt es sich dabei zwar nur um Indizien, denn für einen Beweis von kausalen Zusammenhängen reichen die Ergebnisse von Beobachtungsstudien nicht aus. Dennoch kann man sagen, dass derjenige, der aktiv etwas gegen sein Demenzrisiko unternehmen will, gut beraten ist, wenn er die aus Beobachtungsstudien abgeleiteten Empfehlungen befolgt. Es ist nämlich sehr unwahrscheinlich, dass wir in absehbarer Zeit zweifelsfreie Kenntnisse über ursächlich wirksame Präventionsmaßnahmen besitzen werden. Denn diese Kenntnisse setzen aufwändige Studien voraus, die teilweise aus ethischen Gründen, generell aber aus ganz praktischen Gründen nicht durchführbar sind.

Wie wird sich die Zahl der Demenzerkrankungen in den nächsten Jahren entwickeln?

Wir können davon ausgehen, dass die Zahl der Menschen mit Demenz ansteigen wird. Das liegt vor allem am Wachstum der Altenbevölkerung und an der weiterhin steigenden Lebenserwartung, die für eine Zunahme der Höchstbetagten sorgt. Nach und nach rücken jetzt die Angehörigen der geburtenstarken Baby-Boom-Jahrgänge zwischen Nachkriegszeit und Pillenknick ins Alter vor. Dadurch kommt es auf Jahrzehnte hinaus zu  einem Anstieg der Altenbevölkerung.  Blieben die Erkrankungsraten konstant, so würde sich die Zahl der Demenzerkrankungen bis zum Jahr 2060 ungefähr verdoppeln. Die schon erwähnten Rückgänge im Krankheitsrisiko, die in manchen Studien beobachtet wurden, lassen jedoch hoffen, dass die Zunahme weniger steil sein wird. Wie hoch genau sie ausfällt, lässt sich im Augenblick von niemandem verlässlich beziffern. Keinesfalls sollte man sich jedoch im Vertrauen auf sinkende Erkrankungsrisiken der Illusion hingeben, die gesellschaftliche Herausforderung durch Demenzen schwäche sich bald schon ab. Dies wird in den nächsten von Alterung geprägten vier Jahrzehnten nicht der Fall sein.