Aus: Alzheimer Info 1/19

Svea Jäger ist Logopädin und fachliche Leiterin beim Ergotherapiezentrum S. Kleindienst in Grömitz. Sie hat uns einige Fragen dazu beantwortet, wie Logopädinnen und Logopäden Menschen mit Demenz unterstützen können.

Alzheimer Info: Logopädie bringt man allgemein mit der Unterstützung bei Sprachstörungen in Verbindung. Wie können Logopäden Menschen mit Demenz bei Problemen mit der Nahrungsaufnahme unterstützen? Helfen sie auch den Angehörigen? Was sind die Ziele der Logopädie in diesem Fall?

Svea Jäger: Das primäre Ziel bei der Behandlung von Menschen mit Demenz ist zunächst, die Teilhabe am Leben so lange wie möglich zu erhalten. Dazu gehört es, die selbstständige Nahrungsaufnahme zu sichern und Alternativen wie die Ernährung über eine Magensonde hinauszuzögern. Da auch die Kommunikationsfähigkeit mit fortschreitender Erkrankung abnimmt und somit Verständigungsprobleme mit Angehörigen und Pflegepersonen auftreten können, bieten Logopäden verschiedene Übungsprogramme an, zum Beispiel für Sprachverständnis und Wortfindung, und zeigen individuelle Bewältigungsstrategien auf.

Zu Beginn der Therapie findet ein Anamnesegespräch mit den Angehörigen statt, bei dem diese auch beraten werden. Oftmals sind sie zutiefst beunruhigt, wie es weitergehen soll, daher gehört die Aufklärung und Sensibilisierung der Angehörigen ebenfalls zu den Aufgaben einer Logopädin bzw. eines Logopäden. Informationen über den Behandlungsablauf und -verlauf sollten stets weitergeleitet werden, damit Kommunikationsprobleme zwischen Angehörigen und Betroffenen vermieden werden können und Sicherheit im Umgang miteinander gegeben ist.

Bei der Ernährungssituation wird mit der geraden Sitzposition, der Kostanpassung und Essensregeln gearbeitet. Aber auch das Üben logischer Handlungsabfolgen, zum Beispiel das Essen auf den Löffel nehmen und zum Mund führen, ist Teil der Behandlung.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie einen Patienten mit Demenz kennenlernen?

Die oberste Regel ist für mich das aktive Zuhören. Menschen mit Demenz haben häufig einen hohen Redebedarf. Auch wenn sie für Menschen in ihrem Umfeld scheinbar unverständlich und durcheinander reden, bringen sie damit doch ihre Gefühle zum Ausdruck. Deshalb ist es wichtig, dass sie Gehör finden. Ich bespreche den Krankheitsverlauf zusammen mit der oder dem Betroffenen, den Angehörigen und/oder dem Pflegepersonal. Hierbei wird erörtert, wo die hauptsächlichen Schwierigkeiten liegen (Sprache oder Schlucken) und wie weit die Demenz fortgeschritten ist.

Die Begleitung beim Essen bringt viele Erkenntnisse über die Betroffenen und ihre Ressourcen, deshalb nehme ich an verschiedenen Mahlzeiten von Patienten teil. Mithilfe meiner Beobachtungen erstelle ich einen individuellen Therapieplan und formuliere Therapieziele, die genau an den aktuell vorhandenen Ressourcen der oder des Patienten anknüpfen.

Flüssigkeitszufuhr ist wichtig. Was kann man tun, wenn der oder die Betreffende sich beim Trinken verschluckt?

Hier gilt besondere Vorsicht. Beim Verschlucken gelangt die Flüssigkeit in die Lunge und fördert damit oftmals die Entwicklung einer Lungenentzündung. In jedem Fall sollte ein Arzt konsultiert werden, wenn der Verdacht besteht, dass Nahrung oder Flüssigkeit in die Lunge gelangt ist.

Wenn sich jemand verschluckt, sollte man in der akuten Situation Folgendes tun:

  • Den Oberkörper der oder des Betroffenen in eine gerade Position bringen,
  • das Kinn möglichst tief zur Brust neigen
  • und mehrmals nachschlucken lassen.

Auf keinen Fall sollte man auf den Rücken klopfen! Dadurch können die Speisen weiter nach unten Richtung Lunge befördert werden. Versuchen Sie, Ruhe zu bewahren, und fordern Sie die bzw. den Betreffenden zum Husten auf, um das Verschluckte aus den Atemwegen hoch zu husten.

Die Kost sollte entsprechend angepasst werden, die Flüssigkeiten reicht man angedickt, um die Fließgeschwindigkeit zu reduzieren. Abhängig vom Schweregrad der Demenz und dem Sprachverständnis lehnen die Betroffenen angedickte Getränke leider häufig ab, da sie sie als unnatürlich empfinden. Hier sind dann kreative Ideen gefragt: Probieren Sie es doch mal mit Saftschorlen in verschiedenen Geschmacksrichtungen und trinken Sie ebenfalls etwas – das kann anregend wirken.

Was kann man tun, wenn eine Schluck-Apraxie vorliegt, also der Vorgang / die Bewegung des Schluckens an sich nicht mehr richtig ausgeführt wird?

Es gibt leider kein Allheilmittel für eine Schluckstörung. Der Schluckakt an sich ist so komplex, dass er in verschiedenen Bereichen gestört sein kann und somit auch die verschiedensten Behandlungsmaßnahmen benötigt.

Grundsätzlich gilt dennoch: Schaffen Sie eine ruhige Atmosphäre bei den Mahlzeiten, unterstützen Sie den Demenzkranken, eine gerade Körperhaltung (90°-Winkel) einzunehmen und den Kopf nach vorne zu neigen („Kopf auf die Brust legen“).

Speziell für die Therapie bei Demenz geschulte Logopäden kennen verschiedene kleine Handgriffe und „Tricks“, um das Schlucken zu erleichtern. Wir beobachten die Schwierigkeiten unserer Patienten und entwickeln dann mitunter auch ganz neue individuelle Lösungen.

Gibt es Speisen oder Darreichungsformen, die bei Schluckstörungen besonders geeignet sind?

Götterspeise (Wackelpudding) ist besonders gut geeignet: Durch die Kälte kann sie im Mundraum gut wahrgenommen und kontrolliert werden. Trinkgefäße sollten eine möglichst große, weite Öffnung oder direkt einen Nasen-Ausschnitt haben. Damit wird vermieden, dass der Kopf beim Schlucken in den Nacken gelegt wird. Schnabeltassen sind eher nicht geeignet. Griffverdickungen für Besteck helfen den Betroffenen ungemein bei der Nahrungsaufnahme. Neben den Spezialbestecken, die man im Fachhandel kaufen kann, funktioniert hier auch ein Stück Moosgummi-Röhrchen, das man über den Griff des vorhandenen Bestecks schiebt. Werden die Speisen angereicht, sollte die helfende Person vor der oder dem Erkrankten sitzen und somit die Kopfkontrolle unterstützen. Geflügel, Mischbrot, Streichkäse, Schmierwurst und Weißbrot (ohne Rinde) können leicht geschluckt werden und sind somit besser geeignet als beispielsweise paniertes und trockenes Fleisch, Käse mit Nuss-/ Pfefferstücken oder Reis.

Wie findet man einen Logopäden oder eine Logopädin, die sich mit Demenz auskennt?

Der Deutsche Bundesverband der akademischen Sprachtherapeuten (www.dbs-ev.de) sowie der Deutsche Bundesverband für Logopädie e.V. (www.dbl-ev.de) helfen Angehörigen, einen wohnortnahen Spezialisten für die Therapie bei Demenz zu finden. Damit die Krankenkassen die Behandlung übernehmen, ist allerdings eine ärztliche Verordnung erforderlich. Nicht immer sind den Ärzten die Unterstützungsmöglichkeiten der Logopädie bekannt, deshalb sollten Angehörige die Ärzte gezielt darauf ansprechen. Seit 2017 kann bei Demenz Logopädie als Dauerbehandlung „außerhalb des Regelfalls“ verordnet werden. Dadurch belastet sie nicht das Budget der verordnenden Ärzte.

Wir danken Ihnen für das Gespräch!

Die Fragen stellte
Susanna Saxl
DAlzG