Aus: Alzheimer Info 2/12

Kürzlich sorgte die Veröffentlichung einer Studie für großen Wirbel, die auf eine Ansteckungsgefahr durch die Alzheimer-Krankheit hindeutet. Tübinger Forscher hatten Mäuse genetisch so manipuliert, das in deren Gehirn das Eiweiß erzeugt und abgelagert wird, das sich auch bei Alzheimer-Patienten findet. Nachdem dieses Eiweiß in der Bauchhöhle von gesunden Versuchstieren gespritzt wurde, bildeten sich auch bei ihnen im Gehirn die typischen Ablagerungen.

Die Studie wirft mehr Fragen auf, als sie beantworten kann. Welche Aussagekraft haben Forschungsergebnisse, die an Tiermodellen gewonnen werden, welche nur einen kleinen Ausschnitt der Krankheit abbilden? Ist die Alzheimer-Krankheit auch von Mensch zu Mensch übertragbar? Welche Bedeutung hat das für das Zusammenleben mit den Betroffenen? Fördern derartige Erkenntnisse die Entwicklung neuer Medikamente?

Bisher gibt es keine Belege dafür, dass sich die Alzheimer-Krankheit beim Menschen wie eine Infektionskrankheit ausbreiten kann. Daran ändern auch die Ergebnisse einer Beobachtungsstudie aus Utah, USA, nichts, bei der der Lebensweg von über 1200 Ehepaaren über einen Zeitraum von 15 Jahren verfolgt wurde. Das erstaunlichste Ergebnis dieser Untersuchung war, dass Partner von Patienten mit Alzheimer-Krankheit ein sechsfach erhöhtes Risiko für die Erkrankung hatten. Diese in den Medien teilweise als Belege für eine Übertragung der Krankheit von Mensch zu Mensch gewertete Beobachtung lässt sich aber wahrscheinlich besser durch die erhöhte psychosoziale Belastung der Pflegenden erklären, verursacht durch die jahrelange Betreuung des kranken Lebenspartners.

Nach heutigem Stand der Forschung gilt es insgesamt als äußerst unwahrscheinlich, dass man sich bei einem Menschen mit Alzheimer-Krankheit anstecken kann. Daher erscheint es völlig absurd, sich den Betroffenen nur noch mit Mundschutz und Gummihandschuhen zu nähern. Wir sollten dabei auch keinesfalls vergessen, dass die persönliche Nähe oft ein ebenso wichtiger therapeutischer Baustein ist wie die Medikamente. Diese Nähe sollte nicht durch unsinnige Schutzmaßnahmen beeinträchtigt werden.

Auch wenn es keine direkten Hinweise auf eine Ansteckungsgefahr gibt, sollte man doch offen sein für neue Ideen über die biologischen Entstehungsmechanismen der Krankheit. Obwohl wir mittlerweile viel mehr über die Krankheit wissen als noch Alois Alzheimer vor über 100 Jahren, bleiben viele Fragen weiterhin unbeantwortet. Falls sich bestätigen sollte, dass die Alzheimer-Krankheit tatsächlich gewisse Merkmale einer Infektionskrankheit aufweist, könnte das einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung neuartiger Medikamente haben.

Außerdem müsste darüber nachgedacht werden, ob Menschen mit Alzheimer-Krankheit als Spender von Organen und Blut in Frage kommen. Auch wenn sich die Krankheit im Alltag nicht von Mensch zu Mensch überträgt, wäre eine Übertragung durch Bluttransfusion denkbar. Zur Klärung dieser und ähnlicher Fragen bedarf es jedoch weiterer Forschung. Der konkrete Umgang mit den Betroffenen sollte davon nach heutigem Kenntnisstand unberührt bleiben.

PD Dr. Robert Perneczky
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Technische Universität München