Aus: Alzheimer Info 4/13

Wenn ich komme, liegt die Geige von Herrn B. bereits spielfertig auf dem Tisch. Manchmal höre ich schon beim Eintreten in die Wohnung Geigentöne – dann spielt er „sein“ Stück, eine wunderbare Kombination aus einer Brahms-Sinfonie und dem Lied „Die Blümelein, sie schlafen“. Oder er und seine Frau hören unsere Aufnahmen mit Geigenduos, die Frau B. während der vielen Geigenstunden mitgeschnitten hat.

Seit zweieinhalb Jahren komme ich nun wöchentlich zu Familie B., und was ich in dieser Zeit erleben durfte, hat mich immer wieder sehr berührt. Herr B. ist 70 Jahre alt und war in seinem akademischen Beruf außerordentlich geschätzt. Als ich ihn im Frühjahr 2011 kennenlerne, erlebe ich einen freundlichen aber auch sehr selbstkritischen Mann. Lob ist für ihn schwierig anzunehmen. Wenn ich mich begeistert über sein Geigenspiel zeige, entgegnet er trocken: „Na ja, das Wetter draußen ist ja auch ganz schön.“

Ich spüre, dass ihm die mangelnde Konzentrationsfähigkeit, bedingt durch seine vor eineinhalb Jahren diagnostizierte Alzheimer-Krankheit, zu schaffen macht. Er spürt diese Veränderung und auch eine Unsicherheit, weil er nach 50 Jahren erstmals wieder die Geige in die Hand nimmt. Aber ich spüre auch seine Freude: er hat als Kind Geigespielen gelernt und entdeckt nun diese Fähigkeit für sich wieder.

Das Unglaubliche zeigt sich schon nach den ersten Wochen unseres gemeinsamen Musizierens: Herr B. wird nach und nach immer besser, und auch das mehrstimmige Zusammenspiel stellt für ihn keine Hürde da. Frau B. hat den Verlauf unserer Geigenstunden eindrucksvoll dokumentiert. Auch wenn die rein kognitiv-rationalen Leistungen wie Notenlesen oder Rhythmushalten für ihn nach und nach schwieriger werden, so sind doch bei seinem Geigenspiel eindeutige Verbesserungen festzustellen, wie z. B. sein schöner, sauberer Geigenton, das Auswendigspielen und die phantasievollen Improvisationen. Wir spielen jetzt Stücke auswendig, die Herr B. vor gut zwei Jahren gelernt hat.

Vor allem aber hat Herr B. Lebensfreude gewonnen. Als wir letztens innerhalb eines Stückes abbrechen mussten, lächelte er mich an und sagte: „Ist gar nicht schlimm, das machen wir einfach noch einmal!“ Ich guckte erstaunt – das sind doch eigentlich meine Worte! Wir mussten lachen.

Herr B. hat am Beginn seiner Alzheimer-Erkrankung erstmals wieder angefangen, Geige zu spielen. Diese in der Kindheit erworbene Fähigkeit ist bei ihm nicht verloren gegangen. Auch mit einer fortschreitenden Demenzerkrankung ist es ihm möglich, instrumentale Fähigkeiten zu reaktivieren und sogar dazuzulernen.

Von einem „normalen“ Geigenunterricht unterscheiden sich die therapeutischen Geigenstunden insofern, als es hier ausnahmslos um die Freude am Musizieren und des Erlebens der eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen geht – das Lernen geschieht ganz intuitiv! Das aktive instrumentale Musizieren fördert neben der emotionalen Ausgeglichenheit und kognitiven Stimulierung das Erleben der eigenen Ressourcen: in einer gelösten, vertrauensvollen und fröhlichen Atmosphäre haben auch Gespräche Raum.

Während des Musizierens tauchen biographische Details aus der Erinnerung auf, die schon vergessen schienen! Durch regelmäßiges instrumentales Musizieren sind sogar hochkomplexe Leistungen wie das Auswendigspielen möglich, und damit stellt sich ein Gefühl der Freiheit, des Selbstvertrauens und des Glücks ein.

Julia Alexa Kraft
Geigerin und Musiktherapeutin (HPP), Berlin
julia-alexa.kraft[at]musiktherapie.de