Aus: Alzheimer Info 3/19

Ich gehöre zur sogenannten „Sandwich-Generation“: ein schwieriger Platz zwischen eigenen Kindern und hochbetagten Eltern. Dieser Spagat kostet viel Kraft! Mehr denn je brauchen wir hilfreiche Wege zur Balance. Mit meinen persönlichen Erfahrungen möchte ich zeigen, wie hilfreich es sein kann, wenn wir als Angehörige mehr Musik wagen.

Meine 87-jährige Mutter hat eine Demenzerkrankung. Bisher feste Pfeiler ihres Lebens bekommen Schlagseite und brechen weg. Zunehmend unsicher bewegt sie sich auf diesem Trümmerfeld. Wirbelstürme von angstvollen Gedanken stürzen sie in völlig unaufgeräumte Situationen, sind laut – zu laut. Ich sehe und fühle ihre verzweifelten Versuche, festen Boden zu orten, sich selbst wieder zu fühlen, Anknüpfungspunkte, Ordnung und Stabilität zu finden. Das ist schwer auszuhalten.

Durch ihre Erkrankung entfremden wir uns zunehmend. Manchmal finden wir kaum Zugang zueinander. Langsam frisst sich die Krankheit in das Bild von meiner Mutter als starke, stolze, lebensfrohe Frau. Ein Strom von Traurigkeit, Einsamkeit und Verzweiflung auf beiden Seiten!

Es gibt die Musik!

Musik ist Kommunikation – sie macht sie manchmal überhaupt erst möglich. In meiner Kindheit sangen wir viel miteinander – ein Vorteil, keine Voraussetzung, jetzt aber ein Geschenk! Ich spüre immer öfter, wie Musik hilft, ja rettet – uns beide!

Im Zuge der Qualifikation zur Musikgeragogin an der Fachhochschule Münster habe ich verschiedene Methoden und Wege der Vermittlung von Musik erlernt. Ich summe die Melodie eines bekannten Volksliedes. Und tatsächlich: Meine Mutter beginnt, leise zu singen, kaum verständliche Worte noch, bruchstückhaft. Ich singe den Text leise mit, gebe Anregung, Struktur, Hilfestellung. Die Botschaft kommt an! Wir nehmen einander wieder wahr, hören uns und hören uns zu. Wir ergänzen uns lachend und staunen beide, dass Melodie- und Textpassagen doch so präsent sind.

Im Gesicht meiner Mutter spiegelt sich Erleichterung, eine vorsichtige Freude: „Ich kann’s noch!“ Das Langzeitgedächtnis für Musik ist besonders stabil und zuverlässig.

Ihre Worte werden lauter, klarer, verständlich. Als mir bei der zweiten Strophe der Text fehlt, singt sie unbeirrt weiter, fast schon mit einem gewissen Stolz: „Ich weiß, du nicht …“

Musik ist Struktur, Ordnung und Orientierung

Musik entfacht ein Feuerwerk für Gehirn und Gefühl, dockt an viele Hirnregionen an, die umgehend ihre Botenstoffe für Gefühle, Erinnerungen und Bilder, für Bewegung und Miteinander losschicken.

Ich nehme meine Mutter jetzt ganz anders wahr und bin glücklich! Gestik, Mimik und Körperhaltung zeigen, wie das Gefühl der Verlorenheit schwindet. Wir treffen uns auf Augenhöhe, sie ist nicht mehr hilflos und klein. Sie wippt zur Melodie, gewinnt an Selbstbewusstsein, sieht mich an, singt mich an, spürt sich wieder und scheint in ihrem Stuhl geradezu zu wachsen. Wir kommen uns immer näher. Sie blättert im Liederbuch mit Großdruck und Bildern: Sie betrachtet eine gelbe Postkutsche und schon startet sie mit „Hoch auf dem gelben Wagen“. Musik ist Gedächtniskunst!

Wir sind wieder im Kontakt miteinander. Der Kreislauf aus Verzweiflung, Unsicherheit und Einsamkeit – ein komplett verwirbeltes Lebensgefühl – ist durchbrochen. Musik, die ordnet und strukturiert, hilft uns beiden. Wir hören aufeinander, wir agieren zusammen. Und wenn wir beide den Text vergessen haben, lachen wir gemeinsam über unser rudimentäres „Lalala“.

Wir haben gemeinsame Zeit des Glücks wiedergefunden. Es wäre zu einfach zu behaupten, Musik mache immer fröhlich, glücklich oder entspannt. Aber sie berührt, aktiviert und verbindet. Sie verändert das Lebensgefühl. Nicht nur Glücks- und Kuschelhormone werden durch Musik auf den Weg in den Körper geschickt, sogar Hirnstrukturen verändern sich hin zu größerer Vernetzung, Dynamik und Nutzbarkeit.

Wir als pflegende Angehörige erleben im Alltag oft Hilflosigkeit und Überforderungen. Da ist es schwer, Gemeinsamkeit, aber auch Geduld, Wertschätzung und Achtung zu bewahren. In schwierigen Pflege- und Betreuungssituationen kann Musik ein praktikabler und wirkungsvoller Rettungsanker sein – für alle. Lasst uns mehr Musik wagen!

Elke Eisenburger, Herford
Musikgeragogin, Gesundheitspädagogin, Krankenschwester
Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Musikgeragogik