Aus: Alzheimer Info 4/10

Kontakt ist ein menschliches Grundbedürfnis

Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen, und Kommunikation ist die Brücke zum anderen Menschen. Wir suchen Kontakt zu Anderen und ermöglichen einander so Beteiligung, Anteilnahme, Austausch, Identifikation, Gemeinschaft und Beziehung. Dazu brauchen wir nicht notwendigerweise Worte. Kontakt können wir auch mit einer einladenden Geste, mit einem Augenaufschlag oder einem freundlichen Lächeln herstellen. Und doch ist der sprachlicher Kontakt etwas Besonderes. Wir besprechen unsere Pläne und Träume miteinander, wir teilen unsere Erinnerungen und Erfahrungen, unsere Gefühle und Befürchtungen.

Von klein auf treten wir über die Sprache mit anderen Menschen in Beziehung. Sie bildet eine oft unreflektierte und doch viele Handlungen begleitende Brücke in die Gemeinschaft. Die meisten unserer Enttäuschungen und Konflikte haben ihre Ursache in Missverständnissen, und somit häufig in der sprachlichen Kommunikation.

Noch wissen wir viel zu wenig, wie demenzkranke Menschen fühlen, auf welche Weise sie ihre Umwelt wahrnehmen und wie sie das Miteinander mit einem anderen Menschen erleben. Es ist mit Sicherheit falsch anzunehmen, dass ein Mensch mit Demenz grundsätzlich nichts versteht. Mit dem Fortschritt der Erkrankung verändert sich allerdings die Sprachwahrnehmung. Der Wortschatz schwindet und ebenso die Fähigkeit, die passenden Begriffe zu finden. Ganz sicher bleibt jedoch das Bedürfnis erhalten, in Beziehung zu treten und Teil der Gemeinschaft zu sein.

Kontaktaufnahme mit einem demenziell erkranktem Menschen

In der Begegnung mit einem Menschen, der an Demenz erkrankt ist, gelingt uns der Kontakt am leichtesten, wenn wir die ersten Momente richtig nutzen. Damit er weiß, dass er gemeint ist, spreche ich ihn oder sie mit dem Namen an. Das tue ich immer, egal wie oft am Tag ich Kontakt aufnehmen will. Ich schaue die angesprochene Person an und vergewissere mich so, dass sie sich gemeint fühlt. Ich warte auf die Erwiderung meines Blicks. Dann atme ich ein: Auf diese Weise gebe ich ihr genug Zeit, sich einzufinden. Das Atmen vor dem Sprechen macht meine Stimme warm und volltönend. Es stärkt meine Konzentration auf das Gegenüber und bewirkt eine Entschleunigung. Beides ist im Kontakt zu einem Menschen mit Demenz von unschätzbarem Wert.

Die drei A für den Auftakt sind also: Ansprechen mit dem Namen – Ansehen – Atmen.

Fehlende Informationen verstärken die Verwirrung

Menschen mit Demenz verlieren zunehmend die Fähigkeit, die fehlenden Informationen eines einfach so dahin gesagten Satzes aus dem Zusammenhang zu erschließen. Ein Satz wie: „Wir können heute Nachmittag kommen.“, ist wertlos, weil die Informationen „Du und ich“ und „in die Praxis von Dr. X“ fehlen. „Du wirst heute gebadet“ hat wenig Verständigungswert, denn der Mensch mit Demenz kann sich mit Sicherheit nicht mehr erinnern, dass heute, wie jede Woche, Schwester Anita von der Sozialstation zum Baden kommt. Mit der Aufforderung „Verschluck Dich nicht!“ kann es passieren, dass die angesprochen Person sich jetzt gerade verschluckt, weil sie zum Kau- oder Trinkvorgang auch noch nachdenkt, was sie denn wohl stattdessen machen soll.

Sätze und Zusammenhänge, die für den Menschen mit Demenz nicht eindeutig zu verstehen sind, verstärken die Verwirrung und den Verlust der Orientierung im Augenblick. Sie führen somit unter Umständen zu Rückzug, Abwehr, Aggression und Wut. Wer so redet verstärkt unabsichtlich Hilflosigkeit und Abhängigkeit. Zudem besteht die Gefahr, wenn ein Mensch mit Demenz zu Abwehr und Aggression neigt, dass wir unbeabsichtigt einen verhängnisvollen Teufelskreis in Gang setzen. Die Art und Weise, wie wir miteinander sprechen, ist zwar kein Allheilmittel, sie ist jedoch die häufig unreflektierte Begleitung durch den Alltag und somit auch die Quelle von Schwierigkeiten. Es lohnt sich, gut auf die eigenen Worte zu achten.

Klare Formulierungen geben Orientierung und Würdigung

Die Grenze zwischen zwei Menschen ist dort, wo mein Ich endet und Dein Du beginnt. Auch mit meiner Sprache kann ich klar zwischen mit und dem Anderen unterscheiden, indem ich von „ich“ und „Du“ oder „Sie“ und nicht im vereinnahmenden „wir“ spreche. Damit geht unmerklich eine Würdigung der einzigartigen Person und Persönlichkeit des Anderen einher.

Wer einen Anderen aktivieren will, bleibt am besten im grammatikalischen Aktiv und vermeidet wo möglich das Passiv. Auf diese Weise erfährt der Mensch mit Demenz, wer handelt. Und es ist leicht, ihn einzuladen sich an der Aktivität zu beteiligen: „Du kannst jetzt baden. Schau Hans, das Wasser läuft schon in die Wanne. Hans, hier ist Dein Handtuch. Schwester Anita ist da und hilft dir dabei.“

Eine große Hilfe im Gespräch mit Menschen, die an einer Demenz erkrankt sind, ist die Anwendung von Wörtern mit Signalcharakter. Sie fördern die Konzentration auf das Hier und Jetzt. Dazu zählen neben dem Eigennamen die Worte „jetzt“, „hier“, „hin“, „in“, „auf“, „so“, „also“. Diese hat auch der demenzkranke Mensch sehr früh gelernt. Sie tauchen bereits in den Zweiwortsätzen der Zweijährigen auf.

So ermöglicht der Begleiter dem Angesprochenen, sich gemeint zu fühlen, und weist ihn auf das Hier und Jetzt hin. Pausen und stimmliche Modulation durch das Absenken der Stimme zwischen den einzelnen Sätzen helfen dem Gesprächspartner, die einzelnen Gedanken zu verarbeiten.

Bildhafte Sprache stimuliert die Sinne

Jeder kann mit einer bildhaften Sprache das Gehirn eines Menschen anregen, Bilder aus Sprache zu erzeugen, und so eine Brücke zwischen dem Alltag und schlummernden Erinnerungen anbieten.

Das beginnt zum Beispiel beim Getränk zum Abendessen, da gibt es dann Pfefferminztee, Apfelsaftschorle, Bier oder Mineralwasser. Und zu essen gibt es vielleicht knuspriges Roggenbrot mit Bauernbutter, weißem Presssack, Schweizer Emmentaler, Gurkenscheiben und gehobelte Zwiebeln?

Wenn ich morgens aus dem Fenster schaue, bekommt der Tag Farbe und Kontur, indem ich beschreibe, was ich sehe: den azurblauen oder regengrauen Himmel, die frühlingsbunte Wiese oder das von der Sommersonne dürr gewordene Gras, die scharlachroten Rosen. Auch Oberflächen erhalten neues Leben durch Worte: das kuschelig weiche Handtuch, die raue Bürste, der seidige Schal, der kratzige Pullover.

Sprache gewinnt so eine die Sinne stimulierende Wirkung. Sie weckt innere Bilder und Erinnerungen. Das kann der Beginn einer Verständigung sein, die auch für einen selbst anspruchsvoll ist. Daher ist es eine kreative Aufgabe, den eigenen Sprachschatz mit wohltuenden, farbigen, fröhlich bunten, lieben vollsanften Wörtern zu füllen.

Wie in vielen anderen Bereichen des Alltags braucht der Mensch mit Demenz auch verbal unsere Hilfestellung. So kann ihm die Sprache als Brücke zum anderen Menschen, zu seinen Erinnerungen und zum Leben in seiner ganzen Fülle so lange wie möglich erhalten bleiben.

Friederike Leuthe
Leiterin des Bodelschwingh-Hauses, Erlangen

 

Kontakt:

E-Mail: friederike.leuthe[at]diakonieneuendettelsau.de

Literaturhinweis:

Friederike Leuthe: Richtig sprechen mit dementen Menschen. Reinhardt-Verlag, München 2009