Aus: Alzheimer Info 2/19

„Kommunizieren unmöglich“ – so erklingt es öfter in Gesprächen von Außenstehenden, wenn über Demenzkranke gesprochen wird. Und auch Familienangehörige oder Partner von Menschen mit Demenz erleben im Laufe der Krankheit die Kommunikation als etwas, worüber es gut tut, sich unter „seinesgleichen“ auszutauschen.

Die „vertraute“ Kommunikation mit Aussagesätzen, Fragen und dazu passenden Antworten können demenziell erkrankte Menschen irgendwann nicht mehr führen. Besonders der Wechsel der Gesprächspartner in einer Unterhaltung gelingt häufig nur noch schwer. Die Kommunikation verläuft „einseitig“ und kann für aufmerksame Begleiter zumindest verblüffend, wenn nicht sogar zunächst leicht beängstigend sein.

Demenz verändert Wahrnehmung und Sprache

Wenn Angehörige um solche Veränderungen wissen, kann ihnen der Umgang mit ungewöhnlichen Situationen leichter fallen. Damit geht es sowohl den Angehörigen als auch den Erkrankten besser. Gerade ein Mensch, der sich seines „Geistes“ unsicher geworden ist und der nicht mehr wie früher bewusst auf „kesse Sprüche“ seinerseits vertrauen kann, freut sich umso mehr über gelungene Momente der Verständigung mit seinen nahen Angehörigen, zu denen er beitragen kann.

Die Veränderung im Wahrnehmungs- und damit auch im Kommunikationsverhalten von Menschen mit Demenz geschieht allmählich und sehr individuell und ist abhängig von Vorgeschichte und Krankheitsverlauf. Hier zeigt sich ganz besonders deutlich, dass die Art, wie ein Mensch mit seiner Umwelt in Verbindung tritt, eine immer ganz eigene und persönliche ist. In jedem Fall wird die Art und Weise der Kommunikation durch die Persönlichkeit geprägt. Eine Einschränkung hier kann als besonders schmerzlicher Verlust für die Angehörigen empfunden werden. Meine eigenen Erfahrungen mit meiner Mutter wie diejenigen der Angehörigen in meinen Gruppen und Seminaren bestätigen das.

Die Antworten „stimmen“ nicht mehr

Das Kurzzeitgedächtnis, das dafür zuständig ist, neue Informationen aufzunehmen und für den Abruf verfügbar zu machen, baut viel schneller ab als das Langzeitgedächtnis – sehr zum Leidwesen der Demenzkranken, aber auch von Angehörigen, die immer wieder überraschende Situationen erleben. Da ist zum Beispiel die fürsorgliche Ehefrau, deren Mann mittlerweile in einer Pflegeeinrichtung lebt. Auf ihre Frage „Hast Du schon gegessen?“ vernimmt sie mit Erstaunen ein „Nein“ – in bestem Wissen, dass das so sei! An die Mahlzeit im Speiseraum, an der er bereits kurz zuvor teilgenommen hatte, hat ihr Mann keine Erinnerung mehr. Und genau in dieser, „Wahrheit“, die für den Demenzkranken gilt, liegt für die Angehörigen das Problem: Sie bekommen eine Antwort, die „nicht stimmt“! Wie können sie damit umgehen?

„Du bist ok so!“

Durch Kommunikation treten wir in Kontakt mit anderen Menschen und wünschen uns eine positive Rückmeldung, ein Verstehen. Also ist es wichtig, dass wir unseren Angehörigen so etwas wie „Du bist ok so“ oder „Ich finde dich in Ordnung so“ signalisieren. Eine mögliche Antwort der Ehefrau im oben beschriebenen Beispiel wäre: „Wir können uns später um das Essen kümmern. Die Sonne scheint so schön, hast du Lust, dass ich dich in den Garten schiebe?“ Die Angst, dass ihre Worte nicht verstanden werden, ist überflüssig: Bedeutungen SPÜREN in unterschiedlichen Ausprägungen kann jeder Demenzkranke auch im weit fortgeschrittenen Stadium!

Wir leben und erleben uns auch durch unser Erzählen sowie durch Reaktionen unseres Gegenübers. Menschen mit Demenz haben dieses „Erzählen“ umso nötiger, da das Kurzzeitgedächtnis immer weniger funktioniert – demzufolge gibt es immer wieder die „Notwendigkeit“, von sich zu erzählen. Die meisten Demenzkranken schildern also Dinge, die sie tatsächlich einmal getan haben oder auch gerne getan hätten – in der Aussage ist dies oft nicht zu unterscheiden.

Eine neue Kompetenz entwickeln

Angehörige stehen vor der Aufgabe, eine neue „Kompetenz“ zu entwickeln, die des verstehenden Zuhörens und der Einfühlungsfähigkeit. „Sich einfühlen“ heißt dann mit Blick auf Kommunikation: Ich betrachte die Welt aus der Position meines Gegenübers – und nicht aus meiner! Damit ist schon einmal eine gemeinsame Sicht gewährleistet, ich gehe nicht mit meinen Maßstäben an das, was der oder die andere sagt. In diesem Falle heißt verstehen nicht „gut finden“ oder „wahr finden“, sondern die Botschaft: Ich verstehe, was du sagen willst oder meinst. Und genau um dieses „Verstehen“ geht es in der Kommunikation – übrigens nicht nur im Umgang mit Menschen mit Demenz.

Menschen mit Demenz können auf ihre Geistesfähigkeiten nicht mehr zurückgreifen und sind dadurch selbst unglaublich verunsichert, sie brauchen dieses „Verstehen“ als Zeichen noch mehr. Angehörige lernen dabei das Verstehen neu und können so zu „Brückenbauern“ im Umgang mit Menschen mit Demenz werden. Diese Aussicht kann Mut machen: Ein Lächeln, ein Händedruck, ein Wort oder ein Zucken der Mundwinkel reichen als Signal oft schon aus und das schöne Gefühl gegenseitigen Verstehens wird möglich.

Kerstin Simon
Dipl.-Neurobiologin, Gesundheitsberaterin, Shiatsu-Therapeutin, Empathische Kommunikation; Trainerin für Achtsamkeit, Resilienz und Persönlichkeitsentwicklung