Aus: Alzheimer Info 2/07

Störungen der Hirnleistung, die eine Beeinträchtigung bei Alltagstätigkeiten hervorrufen und schließlich zur Pflegebedürftigkeit führen, werden in acht von zehn Fällen durch Krankheiten hervorgerufen, die durch einen fortschreitenden Untergang von bestimmten Nervenzellgruppen gekennzeichnet sind. Die häufigsten davon sind Alzheimer-Krankheit, Stirnhirndegenerationen, Parkinson-Krankheit und die mit ihr eng verwandte Lewy-Körper-Krankheit. Diese Prozesse sind ausnahmslos Schwellenkrankheiten, die sich erst dann in Symptomen äußern, wenn nach vielen Jahren des Verlaufs ein großer Teil der betroffenen Nervenzellen verloren gegangen ist.

Schwere Störungen der Hirnleistung, die mit Einschränkungen der Alltagsbewältigung einhergehen (Demenz), stellen aus diesem Blickwinkel Spätstadien der genannten Prozesse dar. Ihnen gehen symptomfreie Phasen und Verlaufsabschnitte mit geringfügigen klinischen Krankheitszeichen voraus. Der lange Krankheitsverlauf eröffnet die Möglichkeit der Früherkennung in Stadien, in denen nur minimale Symptome vorliegen. Die nachfolgend vorgestellten Verfahren und Techniken werden in Spezialeinrichtungen und Forschungsinstituten entwickelt und zu wissenschaftlichen Zwecken eingesetzt. Für bestimmte Fragestellungen können Patienten vom Allgemeinarzt oder Nervenarzt zur Durchführung dieser Untersuchungen überwiesen werden.

Tests stellen Leistungsminderung fest

Den Anstoß für eine ärztliche Untersuchung zur Frühdiagnostik bildet in vielen Fällen eine Minderung des geistigen Leistungsvermögens, die vom Patienten selbst oder von seinen Bezugspersonen wahrgenommen wird. Bei Erkrankungen des Stirnhirns stehen Veränderungen der gewohnten Verhaltensweisen und Umgangsformen im Vordergrund. Durch psychologische Tests lässt sich feststellen, ob die Leistungen des Untersuchten dem Erwartungswert seiner Altersgruppe entsprechen oder unterhalb dieses Durchschnitts liegen.

Meist werden mehrere Bereiche geprüft wie Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Sprache, planendes und ordnendes Denken sowie Verarbeitung optisch-räumlicher Informationen. Aus dem Muster beeinträchtigter und erhaltener Funktionen kann man darüber hinaus schließen, welche Abschnitte des Gehirns durch den vermuteten Krankheitsprozess geschädigt sind. Ein der Altersnorm entsprechendes Untersuchungsergebnis schließt allerdings nicht völlig aus, dass das Leistungsvermögen zuvor überdurchschnittlich war und in den Durchschnittsbereich abgesunken ist. Damit muss besonders bei Personen mit guter Ausbildung und hoher Intelligenz gerechnet werden. In einem solchen Fall empfiehlt sich eine Wiederholungsuntersuchung in entsprechendem zeitlichen Abstand.

Labormethoden und bildgebende Verfahren suchen die Ursache

Wenn die psychologischen Tests unterdurchschnittliche Leistungen in mindestens einem Funktionsbereich anzeigen, versucht man, die zu Grunde liegende Ursache nachzuweisen. Hierfür enthält schon die Vorgeschichte des Patienten wichtige Anhaltspunkte. Schleichender Beginn und allmähliche Verschlechterung weisen auf die Alzheimer-Krankheit hin; plötzliches Einsetzen in Verbindung mit Schlaganfällen oder ähnlichen akuten Ereignissen sprechen für Durchblutungsstörungen; Veränderungen der Persönlichkeit und der Umgangsformen wecken den Verdacht auf eine Stirnhirndegeneration; Bewegungsstörungen lassen an eine Parkinson- oder Lewy-Körper-Krankheit denken; Veränderungen von Stimmung und Antrieb deuten auf eine Depression hin.

Um festzustellen, ob ein Untergang von Nervenzellen vorliegt und welche Regionen des Gehirns davon betroffen sind, werden Labormethoden und bildgebende Verfahren eingesetzt. Eine gestörte Nervenzellfunktion äußert sich in einem herabgesetzten Verbrauch von Zucker, der sich mit Hilfe der Positronen-Emissionstomografie darstellen lässt. Das Verfahren zeigt die regionale Verteilung der Nervenzellaktivität an und lässt krankheitstypische Muster erkennen.

Die Auflösung von Nervenzellen hat zur Folge, dass Zellbestandteile in das umgebende Gewebe und in die Hirnrückenmarksflüssigkeit freigesetzt werden. Proben davon können aus dem Rückenmarkskanal entnommen werden (Liquorpunktion). Vermehrte Mengen von Zellbestandteilen (z. B. Tau, NSE) sind ein zuverlässiger Hinweis auf einen Zelluntergang.

Durch das Absterben von Nervenzellen verändert sich die chemische Zusammensetzung des Hirngewebes, unter anderem kommt es zu einer Abnahme von Bausteinen der Zellhaut. Diese chemischen Veränderungen lassen sich durch die Magnetresonanz-Spektroskopie nachweisen. Wenn in einem Abschnitt des Gehirns ein großer Teil der Nervenzellen verloren geht, hat das eine Schrumpfung des betreffenden Gebietes zur Folge. Die Größenabnahme kann durch die Computertomografie, mit größerer Genauigkeit durch die Magnetresonanztomografie, sichtbar gemacht werden.

Keine endgültige Gewissheit

Mit den dargestellten Labormethoden und bildgebenden Verfahren lassen sich die wichtigsten Krankheiten, die zu einer schweren Hirnleistungsstörung führen, im Stadium minimaler Symptome mit bemerkenswerter Präzision identifizieren. Der Nachweis einer Funktionsminderung von Nervenzellen durch die Positronen-Emissionstomografie und die Bestimmung von Nervenzellbestandteilen in der Hirnrückenmarksflüssigkeit zeigen die Krankheitsprozesse früher an als die Darstellung der Größenabnahme bestimmter Hirnregionen durch die Computertomografie oder Kernspintomografie.

Keine der dargestellten diagnostischen Techniken weist aber eine vollkommene Treffsicherheit auf. Das Vorliegen eines Krankheitsprozesses ist durch einen auffälligen Untersuchungsbefund nicht endgültig bewiesen, durch ein durchschnittliches Ergebnis aber auch nicht sicher widerlegt. Aus diesem Grund darf sich die Früherkennung nicht auf Laborbestimmungen und technische Untersuchungen allein stützen. Sorgfältige klinische Diagnostik, umfassende Beratung des Patienten und Beobachtung des weiteren Krankheitsverlaufs sind unerlässlich.

Neue Behandlungsverfahren müssen nachziehen

Die Fortschritte bei der Früherkennung von demenzverursachenden Krankheiten eilen der Entwicklung von Behandlungsmöglichkeiten voraus. Die gegenwärtigen Medikamente verzögern das Fortschreiten der Symptome, können aber den Krankheitsprozess nicht in einem frühen Stadium aufhalten. Es ist zu hoffen, dass in naher Zukunft die Verbindung von zielsicherer Frühdiagnostik und wirksamer krankheitsbeeinflussender Therapie das Ziel der Vorbeugung gegen Demenzen in greifbare Nähe rückt.

Prof. Dr. Alexander Kurz
Zentrum für Kognitive Störungen, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Technische Universität München