Aus: Alzheimer Info 4/07

Für Demenzkranke führt ein Krankenhausaufenthalt häufig zu einer Krise und dauerhafter Verschlechterung des Gesundheitszustandes. Sehr viele Krankenhäuser stellen mit einer unübersichtlichen Architektur, mit fehlender Tagesstrukturierung, mit starren Abläufen und mit einem auf die Versorgung Demenzkranker nicht eingestellten Personal ein geradezu demenzförderndes Milieu dar. Zudem wird der Versorgungsauftrag nach Einführung der Fallpauschalen (DRGs) zunehmend an Wirtschaftlichkeitskriterien gemessen. Das Personal muss unter noch mehr Zeit- und Leistungsdruck arbeiten. Davon sind Demenzkranke, die auf eine zeitintensivere und individuellere Betreuung angewiesen sind, besonders betroffen. Im Folgenden werden einige positive Ansätze vorgestellt.

Kompetenzerweiterung beim Pflegepersonal

Im Klinikum Bergmannsheil in Bochum ist eine freigestellte Fachkraft für den Aufbau einer demenzbezogenen Kompetenz beim Pflegepersonal zuständig. Sie führt Fortbildungen und Fallbegleitungen durch.

Erhöhung der Betreuungsdichte

Das Konzept des "Rooming-In", das z. B. in fortschrittlichen Berliner Krankenhäusern praktiziert werden kann, ermöglicht es Angehörigen, Demenzkranke im Krankenhaus zu begleiten und dort zu übernachten. Weitere Anstrengungen beziehen sich auf eine zusätzliche Betreuung durch geschulte Ehrenamtliche. Diese können z. B. Gruppenangebote mit Leben füllen, wie das von der Alzheimer Gesellschaft Bochum initiierte Café Memory, oder Demenzkranke ohne Angehörige in ihren Zimmern besuchen.

Verbesserung der Orientierung

Einige Krankenhäuser bemühen sich, durch eine Veränderung des räumlichen Milieus Demenzkranken die Orientierung zu erleichtern. So arbeitet die Geriatrische Klinik in Nürnberg z. B. mit großen Uhren und Kalendern und kennzeichnet die Zimmer der Patient/innen mit Fotos oder biographisch bedeutsamen Gegenständen.

Besserer Informationsfluss

Damit die Krankenhausmitarbeiter/innen sich ein Bild über einen demenzkranken Patienten machen können, ist es wichtig sie bei der Aufnahme mit wesentlichen Informationen zu versorgen. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft erarbeitet derzeit einen "Informationsbogen", der Angehörigen voraussichtlich Anfang 2008 zur Verfügung gestellt werden kann.

Gerontopsychiatrische Konsiliar- und Liaisondienste

Neben diesen "kleinen Lösungen" gibt es Modellprojekte mit umfassenderen Zielsetzungen. Eine erfolgreiche Konzeption setzt z. B. der Gerontopsychiatrische Konsiliar- und Liaisondienst des Psychiatrischen Krankenhauses Kaufbeuren um. Das interdisziplinäre Team besteht aus einem Facharzt, zwei Krankenschwestern für Psychiatrie, einer Ergotherapeutin und einer Schreibkraft. Neben der intensiven Patientenbegleitung während des Krankenhausaufenthalts sind alle Berufsgruppen in Aktivitäten im Umfeld der Patient/innen einbezogen. Dazu gehören die Angehörigenberatung, die Entlassungsplanung und der Aufbau häuslicher Hilfenetze. Zudem werden für das Krankenhauspersonal Fortbildungen und Fallbegeleitungen zum Thema Demenz durchgeführt.

Aktuelle Modellprojekte

In vier Krankenhäusern in Nordrhein-Westfalen wird zurzeit im Rahmen eines Modellprojekts erprobt, wie der Umgang mit Demenzkranken verbessert werden kann. Dabei geht es u. a. um das Informations- und Entlassungsmanagement und die Qualifizierung des Personals. Ein Projekt im St. Franziskus-Hospital in Münster, das bereits abgeschlossen ist und in die Dauerfinanzierung überführt wurde, hat Maßnahmen zur Verhinderung eines postoperativen Altersdelirs, also eines akuten Verwirrtheitszustands nach Operationen, entwickelt. Zwei geschulte Pflegekräfte betreuen delirgefährdete Patient/innen vor, während und nach operativen Eingriffen. Mit der Maßnahme konnte die durchschnittliche Delirhäufigkeit um rund die Hälfte gesenkt werden. Ein weiteres Modellprojekt am Heidelberger Bethanien-Krankenhaus erprobt derzeit eine Geriatrisch-Internistische Station für Akuterkrankte Demenzpatienten (GISAD). Neben strukturellen und organisatorischen Veränderungen wird das Personal im Umgang mit schwierigen Verhaltensweisen von Patient/innen geschult.

Ausblick

Bundesweit gibt es leider nur wenige "Inseln", in denen die beschriebenen Konzepte praktiziert werden. Viele Krankenhausträger sehen zwar Handlungsbedarf, es fehlt jedoch an einem einfach nachvollziehbaren Finanzierungsmodell. Das bedeutet, jedes Krankenhaus muss mit den Kostenträgern in komplizierte und langwierige Verhandlungen einsteigen, um eine Gegenfinanzierung für zusätzliche Personalkosten zu erreichen. Zudem ist in der Einführungsphase neuer Konzepte mit Anlaufschwierigkeiten zu rechnen, die für die Träger ein hohes finanzielles Risiko darstellen.

Sabine Kirchen-Peters
Saarbrücken