Aus: Alzheimer Info 2/14

Medikamente gegen die Unruhe – muss das sein?

„Meine Mutter lebt seit wenigen Wochen im Pflegeheim“, berichtet eine besorgte Tochter am Alzheimer-Telefon. „Sie ist seitdem sehr unruhig, läuft den ganzen Tag umher, geht in fremde Zimmer - auch nachts - und stört die anderen Bewohner. Sie ist bereits mehrfach gestürzt. Bei meinem letzten Besuch, habe ich meine Mutter sehr schläfrig und im Rollstuhl sitzend angetroffen. Ich wollte mit ihr wie üblich spazieren gehen, aber sie konnte sich kaum auf den Beinen halten. Sie wirkte auf mich sehr apathisch. Ich frage mich, ob sich ihre Krankheit so schnell verschlechtert hat, oder ob man ihr Medikamente zur Beruhigung gegeben hat.“

Gemeinsam versuchen wir eine Antwort auf diese Frage zu finden: Ich gebe der Anruferin folgende Erklärung: „Unruhe, Nervosität und Ängste sind normale körperliche und emotionale Zustände, die Menschen erleben, wenn sie an Demenz erkranken. Im Pflegeheim erleben demenzkranke Menschen diese Zustände oft verstärkt, weil sie sich in der neuen Umgebung nicht zurechtfinden und auch der Tagesablauf ein völlig anderer ist als zu Hause. Nach einer Eingewöhnungsphase – die durchaus drei Monate oder länger dauern kann – kann die Verunsicherung auch wieder abnehmen.

„Der schläfrige und apathische Zustand Ihrer Mutter könnte auch ein Hinweis auf eine akute Erkrankung sein. Sie sollten deshalb die Mitarbeiter/innen im Heim darauf ansprechen, Ihre Sorge mitteilen und ggf. auch direkt nachfragen, welche Medikamente Ihre Mutter derzeit bekommt. Als Tochter haben Sie – zumindest wenn Sie über eine Vollmacht verfügen oder gerichtlich bestellte Betreuerin Ihrer Mutter sind – ein Recht auf Einsicht in die Pflegedokumentation und Mitentscheidung bei der medizinischen Behandlung.“

Wenn Unruhe- und Angstzustände bei Menschen mit Demenz auftreten, setzen Angehörige wie Pflegekräfte oft große Hoffnung in eine medikamentöse Behandlung. Obwohl Medikamente in einigen Fällen Angst- und Unruhezustände tatsächlich zu lindern vermögen, haben sie doch häufig unerwünschte Nebenwirkungen. Sie können die Auffassungsgabe, die Konzentration sowie das Sprachverständnis und das Ausdrucksvermögen Demenzkranker beeinträchtigen und außerdem Muskelsteifigkeit, Muskelschwäche, Antriebslosigkeit und Schläfrigkeit auslösen. Damit ist nicht selten auch ein erhöhtes Sturzrisiko verbunden. Oft zeigen diese Medikamente auch gar keine oder eine gegenteilige Wirkung bei Menschen mit Demenz.

Am Alzheimer-Telefon werden Angehörige deshalb einerseits über die möglichen Nebenwirkungen beruhigender Medikamente informiert, ganz besonders aber über nicht-medikamentöse Alternativen. Wichtig ist, dass Angehörige und Pflegekräfte im Heim an einem Tisch zusammen kommen, um ohne gegenseitige Vorwürfe gemeinsam nach guten Lösungen für alle Beteiligten zu suchen. Fallbesprechungen mit Angehörigen, Pflegenden, Betreuungskräften und eventuell Ergo- oder Physiotherapeuten können sehr hilfreich sein.

Folgende Aspekte sollten dabei besprochen werden:

  • Was beschreiben die Pflegekräfte im Heim als problematisch im Umgang mit dem demenzkranken Bewohner?
  • Auf welche Weise hat das Heim/ Pflegepersonal bislang darauf reagiert? Welche Verhaltensweisen, welche Veränderungen haben sich als positiv erwiesen?
  • Welche Vorlieben und Lieblingsbeschäftigungen hatte / hat der Bewohner? Lassen sich diese (abgewandelt) im Heim umsetzen?
  • Braucht es mehr Orientierung und Beschäftigung für den Kranken im Pflegeheim? Können Abläufe, Tätigkeiten und Beschäftigungsangebote individueller an den Kranken angepasst werden?
  • Ist mehr Hilfe von außen nötig, beispielsweise häufigere Besuche von Angehörigen, Besuchsdienst, Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie o. a.?
  • Wurden andere angstlösende und beruhigende Alternativen erprobt? (Musik zum Einschlafen, Nachtlicht, pflanzliche Beruhigungsmittel wie Kakao, Melisse, Hopfen, ätherische Öle in Duftlampen oder zum Einreiben, Kuscheltiere, sportliche Aktivitäten u. a. m.)?

Das am Alzheimer-Telefon über viele Jahre gesammelte Wissen und die Erfahrungen vieler Angehörigen belegen, was auch die Fachwelt inzwischen als erwiesen ansieht: Unruhe und Angstzustände bei Demenzkranken lassen sich mit sedierenden Medikamenten meist nicht befriedigend lindern. Im Gegenteil: Diese fördern oft die Sturzgefahr, schränken die Mobilität ein und behindern die Förderung der verbliebenen Ressourcen von demenzkranken Menschen. Der kreative Einsatz nicht-medikamentöser Alternativen lohnt sich für alle Beteiligten!

Ellen Nickel
Alzheimer-Telefon