Aus: Alzheimer Info 2/16

Der Besuch in einer Arztpraxis ist für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen oft belastend und mit Stress verbunden. Deshalb brauchen sie Ärzte, die sich mit der Erkrankung auskennen. Alzheimer Info hat bei den regionalen Alzheimer-Gesellschaften nachgefragt, wie die Situation vor Ort ist.

Die Alzheimer-Gesellschaften berichten, dass vor allem Hausärzte nicht immer gut auf Menschen mit Demenz vorbereitet sind. Manche diagnostizieren vorschnell eine Demenz, andere erkennen die Erkrankung nicht oder betrachten die Symptome als typische „Alterserscheinungen“. „Mein Eindruck ist, dass viele Hausärzte mit dem Thema überfordert sind“, sagt Waltraud Klein von der Alzheimer Gesellschaft Nördliches Rheinland-Pfalz.

Neben Unsicherheiten bei der Diagnose seien viele ungeübt im Umgang mit Betroffenen und Angehörigen. Das ist besonders für Patienten in der frühen Phase einer Demenzerkrankung ein Problem. Viele Betroffene versuchen lange, die eigenen Defizite zu überspielen und lassen sich nur schwer zu einem Besuch beim Arzt überreden. Der Verlust geistiger Fähigkeiten ist mit Scham und Angst verbunden. Angehörige geraten manchmal in eine schwierige Situation, wenn sie dem Arzt die Defizite des Betroffenen in dessen Anwesenheit „verraten“.

Klaus Wudmaska von der Alzheimer-Gesellschaft Plauen-Vogtland rät Angehörigen deshalb, vorab allein mit dem Arzt zu sprechen. Christa Matter von der Alzheimer-Gesellschaft Berlin empfiehlt Angehörigen außerdem, sich über Demenz zu informieren: „Es hilft Angehörigen, wenn sie selbst viel über die Erkrankung wissen. Dann sind sie sicherer im Gespräch und können dem Arzt auf Augenhöhe begegnen.“

Ein anderes Problem ist, dass Hausärzte oft nicht wissen, wo sich Menschen mit Demenz in ihrer Region beraten lassen können. Oft vergehen mehrere Monate, bis Betroffene nach einer Diagnose den Weg zu einer regionalen Alzheimer-Gesellschaft finden. „Es könnte viel früher eine Begleitung und Unterstützung geben, wenn Ärzte die Betroffenen schneller an die Beratungsstellen vermitteln würden“, meint Gisela Schmitz von der Alzheimer Gesellschaft Allgäu. Sie sucht die Hausärzte im Umkreis in regelmäßigen Abständen auf und bringt die Alzheimer-Gesellschaft wieder in Erinnerung. „Manche sind sehr engagiert und offen, viele sind aber wenig interessiert.“

Auch die Alzheimer-Gesellschaft Rheingau-Taunus sieht hier noch Verbesserungsbedarf und engagiert sich für eine bessere Vernetzung: „Wir möchten, dass alle Ärzte einen guten Überblick über Anlaufstellen und Unterstützungsmöglichkeiten für Menschen mit Demenz haben,“ sagt die 1. Vorsitzende Beate Heiler-Thomas, „deshalb erstellen wir eine Internetseite mit allen Anlaufstellen in der Region und beziehen dabei alle Akteure ein.“

Eine erfreuliche Ausnahme ist Münster, wo es ein starkes Bewusstsein für das Thema Demenz gibt. Das gilt für die Kliniken und Facharztpraxen ebenso wie für die Hausärzte. „Die LWL-Klinik in Münster hat in den vergangenen Jahren viel für die Weiterbildung von Hausärzten getan“, sagt Beate Nieding von der Alzheimer Gesellschaft Münster, „es gab dort regelmäßig Veranstaltungen und Fortbildungen zum Thema Demenz.“

Eine weitere Anlaufstelle für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen sind neurologische Praxen oder Fachkliniken. Hier erhalten Menschen mit Demenz eine differenzierte Diagnose und Informationen über weitere Behandlungsmöglichkeiten. Termine gibt es an vielen Orten aber erst nach langen Wartezeiten. Regionale Alzheimer-Gesellschaften berichten, dass Betroffene bis zu sechs Monate auf einen Termin warten. In ländlichen Regionen sind die Wartezeiten besonders lang, und Betroffene haben oft einen weiten Weg zur nächsten neurologischen Praxis oder Fachklinik.

Christa Matter weist in diesem Zusammenhang auf die Situation von Menschen mit einer Frontotemporalen Demenz (FTD) hin: „Die ärztliche Versorgung von FTD-Erkrankten ist ein zunehmendes Problem. Diese Menschen haben oft einen langen Weg hinter sich, bevor sie eine Diagnose bekommen – über Hausarzt, Facharzt, Klinik, nicht selten über die Psychiatrie. Da gibt es noch sehr viel Aufklärungsbedarf. Wir haben einen regelmäßigen FTD-Stammtisch für Ärzte und Angehörige, mit dem wir die Vernetzung untereinander verbessern wollen.“

Neben den Hausärzten sollten z. B. auch Zahnärzte, Hals-Nasen-Ohrenärzte, Augenärzte und ihre Praxismitarbeiter besser auf Demenz vorbereitet sein. „In vielen Facharztpraxen geht man sehr wenig auf Menschen mit Demenz ein“, sagt Waltraud Klein, „dort steht immer die Funktionalität der Praxis im Vordergrund. Es gibt feste Abläufe, und wer sich an diese nicht mehr anpassen kann, hat ein Problem.“

Beate Nieding von der Alzheimer Gesellschaft Münster meint: „Problematisch ist oft der Besuch beim Zahnarzt. Das liegt nicht unbedingt an den Zahnärzten selbst, viele Menschen haben einfach eine Abwehr- Haltung und verbinden etwas Unangenehmes mit dem Besuch beim Zahnarzt.“ Am Schlimmsten sind für Betroffene lange Wartezeiten.

„Menschen mit Demenz sind oft sehr unruhig im Wartezimmer und fragen ständig ‚Wann bin ich dran?‘“, sagt Klaus Wudmaska. Er empfiehlt Angehörigen, das Problem anzusprechen, wenn sie einen Termin vereinbaren. Um die Wartezeit zu überbrücken, sollten Angehörige etwas zur Unterhaltung und vielleicht ein paar Naschereien mitbringen. Er rät außerdem, den Arztbesuch mit etwas Schönem zu verbinden, etwa einem Besuch im Café.

Damit die Untersuchung beim Arzt gut verläuft, empfiehlt Christa Matter, schon vorher mit dem Arzt zu sprechen: „Angehörige können den Arzt darauf vorbereiten, welche Einschränkungen der Betroffene hat. Dann weiß der Arzt, dass er zum Beispiel nicht einfach sagen sollte: ,Heben Sie mal den Arm‘, sondern die Bewegung besser selbst vormacht.“

Die Berichte der Alzheimer-Gesellschaften zeigen, dass die ärztliche Versorgung von Menschen mit Demenz regional sehr unterschiedlich ist und ihre Qualität von Einzelpersonen abhängt: In der Stadt ist sie meist besser als auf dem Land. Und es gibt überall sehr engagierte Ärzte und Praxismitarbeiter, die Menschen mit Demenz gut versorgen. Betroffene und Angehörige können sich aber nicht darauf verlassen, dass ihr Hausarzt dazu gehört.

Astrid Lärm
Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V., Berlin