Aus: Alzheimer Info 2/14

"Ambulant vor stationär“ – so lautet der Leitsatz für die pflegerische und medizinische Versorgung in Deutschland. Die ambulante Versorgung ist in der Regel kostengünstiger als die stationäre. Außerdem entspricht sie in den meisten Fällen den Wünschen pflegebedürftiger Menschen. Tatsächlich leben in Deutschland etwa zwei Drittel aller Demenz kranken in privaten Haushalten. Sie werden ganz überwiegend von Angehörigen, Freunden und Nachbarn betreut und gepflegt, teilweise mit Unterstützung von professionellen oder ehren amtlichen Helfern.

In den letzten Jahren ist eine Reihe von unterschiedlichen Angeboten entwickelt worden, die Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen ein besseres Leben mit und trotz Demenz ermöglichen wollen. Allerdings ist nicht überall die ganze Palette dieser Angebote vorhanden, manchmal ist die Finanzierung schwierig und oft fehlt auch eine Vernetzung der Angebote untereinander. Deshalb ist für Menschen mit Demenz und ihre Familien eine frühzeitige und kompetente Beratung besonders wichtig.

Für viele Menschen ist der Hausarzt der erste Ansprechpartner. Darum sollte sich ein guter Hausarzt mit der Diagnose und Behandlung von Demenzerkrankungen auskennen. Er sollte wissen, wann es ratsam ist, einen Facharzt hinzuzuziehen, und er sollte sowohl die Adresse als auch die Öffnungszeiten der nächsten Beratungsstelle für Demenz und Pflege zur Hand haben. Im optimalen Fall vereinbart er, wenn gewünscht, gleich aus der Sprechstunde heraus einen Beratungstermin für seinen Patienten.

In der Beratung bei einer örtlichen Alzheimer-Gesellschaft, einem Pflegestützpunkt, einer Demenz- oder Altenberatungsstelle kann gemeinsam überlegt werden, welche Unterstützungsangebote zum aktuellen Zeitpunkt individuell erforderlich sind. Dabei geht es einerseits um Entlastungsangebote für die Pflegenden, die oft erst in der Beratung erfahren, wie wichtig es ist, sich zu entlasten und Zeiten der Entspannung zu haben, um wieder Kraft zu schöpfen. Ebenso geht es darum, für die Erkrankten den Besuch einer Betreuungsgruppe, eines Sport- oder Musikangebotes zu besprechen.

Für die häusliche Betreuung und Pflege von Menschen mit Demenz gibt es keine Patentrezepte. Stets gilt es individuelle Lösungen zu finden, die abhängig sind von den Wünschen des Erkrankten, den aktuellen Krankheitssymptomen, den Möglichkeiten der Angehörigen, den zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln, sowie den Angeboten vor Ort, die in der Stadt anders sind als auf dem Land. Auch wenn entsprechende professionelle oder ehrenamtliche Dienstleistungen genutzt werden, bleibt es sehr wichtig, dass Verwandte, Freunde, Nachbarn einbezogen werden. Es ist in der Regel günstig, die Belastungen auf mehrere Schultern zu verteilen.

Eine Zukunftsvision wäre eine Gesellschaft, in der sich alle Bürger für diejenigen in ihrem Umfeld, ihrem Dorf oder Kiez mitverantwortlich fühlen, die Unterstützung brauchen, um am gemeinschaftlichen Leben teilzunehmen – seien es Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen, Rollstuhlfahrer oder Alleinerziehende mit kleinen Kindern. Wie Thomas Klie in seinem Buch „Wen kümmern die Alten“ zeigt, gibt es bereits einige Gemeinden in Deutschland, die sich auf den Weg gemacht haben, zur „sorgenden Gemeinschaft“ zu werden. Dort wird mit Stolz betont: „Wir sind Nachbarn!“ 

Wie Betreuung organisiert werden kann – ein Beispiel

Frau Koch kümmert sich um ihre demenzkranke Mutter, die im Nachbarhaus wohnt. Frau Koch ist berufstätig, deshalb muss an vier Tagen pro Woche jeweils von 8.30 bis 16.00 Uhr sichergestellt sein, dass sich jemand anderes um ihre Mutter kümmert. Die Mutter kann zwar noch ein bis zwei Stunden alleine bleiben, wird dann aber unruhig, bekommt Angst oder beginnt, alle Schränke auszuräumen. Außerdem vergisst sie das Essen und Trinken, wenn niemand sie daran erinnert. Weil sie mittlerweile auch viel Unterstützung beim An- und Auskleiden benötigt, wurde ihr die Pflegestufe 1 zuerkannt. Frau Koch hat sich an die örtliche Alzheimer-Gesellschaft gewandt, um zu klären, ob sich die Betreuung ihrer Mutter so organisieren lässt, dass sie weiterhin berufstätig sein kann. Aus Sicht der Tochter wäre eine Unterbringung in einer Tagespflege an vier Tagen pro Woche die günstigste Lösung. Doch ganz schnell war klar, dass es so einfach nicht ist:

  • Der Tagessatz in der auf Demenzkranke spezialisierten Einrichtung in ihrer Nähe beträgt 75 €. Mit den Leistungen der Pflegeversicherung lassen sich nur sechs Tage pro Monat finanzieren.
  • Eine kostengünstigere Tagespflege gibt es erst in 30 km Entfernung, dort ist die Aufnahme von Demenzkranken aber nur in Ausnahmefällen möglich.
  • Ein Schnupperbesuch in der Tagespflege vor Ort zeigte, dass Frau Kochs Mutter durch die fremde Umgebung stark verunsichert war. Für eine Eingewöhnung ist Zeit einzuplanen. Und gut wäre es, wenn sie regelmäßig an zwei Tagen pro Woche käme, damit sie einen festen Rhythmus entwickeln kann.
  • Außerdem würde der Fahrdienst die Mutter bereits um 7.45 Uhr abholen, also müsste Frau Koch sie bis dahin durch Unterstützung beim Waschen, Anziehen und Frühstücken fertig vorbereitet haben – eine Prozedur, die in der Regel mehr als eine Stunde erfordert.

Trotzdem entschließt sich Frau Koch schließlich, ihre Mutter für zwei Tage pro Woche in der Tagespflege anzumelden. Die zusätzlichen Kos-ten werden aus den Rücklagen „fürs Alter“ der Mutter bestritten. Für die anderen beiden Tage organisiert Frau Koch mit Unterstützung der Beraterin einen Betreuungsmix: Dienstags ist eine Nachbarin bereit, die Mutter von 9 Uhr bis 13 Uhr zu betreuen, mit ihr gemeinsam zu Mittag zu essen und sie dann zur Betreuungsgruppe der Alzheimer-Gesellschaft zu begleiten. Dort fühlt die Mutter sich sehr schnell wohl, weil sich eine ehrenamtliche Helferin um sie kümmert, mit der sie über ihr Lieblingsthema, Tortenrezepte, sprechen kann. Anschließend kann Frau Koch sie dort abholen.

Am schwierigsten war der Freitag zu organisieren. Schließlich engagierte die Tochter eine Haushaltshilfe, die vormittags für zwei Stunden in der Wohnung der Mutter sauber macht und sich auch um die Wäsche kümmert. Diese wird von der Mutter widerstrebend akzeptiert. Mittags bringt der „Fahrbare Mittagstisch“ eine warme Mahlzeit und der Fahrer geht erst, wenn die Mutter mit der Gabel in der Hand am Tisch sitzt. Und nachmittags schaut noch einmal für etwa zwei Stunden eine Dame aus der Kirchengemeinde vorbei, die mit der Mutter singt und Domino spielt.

Den Beitrag für die Betreuungsgruppe finanziert Frau Koch aus den „Zusätzlichen Betreuungsleistungen“ der Pflegeversicherung, die Aufwandsentschädigung für die Nachbarin und die Dame aus der Gemeinde sowie den Lohn der Haushaltshilfe aus dem Pflegegeld der Pflegestufe 1. Dieser Mix funktioniert zurzeit relativ gut. Wenn der Unterstützungsbedarf von Frau Kochs Mutter allerdings steigt und sie gar nicht mehr alleine bleiben kann, wird ein neues Arrangement notwendig.

Susanna Saxl
Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V., Berlin