Aus: Alzheimer Info 2/18

Mit Kommunikation gelingt vieles

Menschen mit Demenz wollen nach der  Diagnose so lange wie möglich selbstständig bleiben und weiterhin zuhause leben. Bei meiner Mutter war es ganz genauso. Aber irgendwann war es nicht mehr möglich, zumal eine räumliche Distanz von  400 km zwischen ihrem und meinem Wohnort bestand. Damit war auch die erste Frage: Wo ein Heim suchen? In welcher Stadt? In beiden Orten haben wir uns diverse demenzfreundliche Heime angesehen. Die Hinweise der örtlichen Alzheimer-Gesellschaften haben uns dabei sehr geholfen. Die Entscheidung fiel nach langer Überlegung auf den Ort, in dem mein Mann und ich leben. Zumal keine Verwandten und nur noch wenige Freunde im Heimatort meiner Mutter lebten. Damit war Ärger vorprogrammiert: Länderwechsel! Meine Mutter zog von Niedersachen nach Hessen. Heime werden aber in der Regel für Bewohner vor Ort von den Trägern gebaut. Es gehörte schon Überredungskunst dazu, eine Einrichtungsleiterin davon zu überzeugen, meine Mutter auf die Warteliste zu setzen. Wir hatten Glück. Es hat nicht lange gedauert und wir sind mit meiner Mutter und ihren Möbelstücken, die ihr das Leben in der neuen Umgebung erleichtern sollten, umgezogen. Alles war nach ihren Wünschen: Einzelzimmer, eigenes Bad, durchgängiger Balkon, Gemeinschaftsräume und jede Menge Aktivitäten: Konzerte, Sport, Ausflüge auf dem Rhein usw.

Meine Mutter war gewohnt, allein ihre Freizeit zu gestalten. Das sorgte erneut für Probleme in der Einrichtung: Sie läuft weg! Auch hier war Überzeugungskraft von Nöten: Sie läuft  nicht weg – sie ist aktiv und lebt ihr Leben wie bisher. Dazu gehören Spaziergänge und hin und wieder ein Ausflug in ein Weinlokal, gemeinsam mit einer anderen Bewohnerin. Wir haben diese Angelegenheit vertraglich geregelt, indem ich die Verantwortung für ihre Ausflüge übernommen habe. Sie war oft unterwegs, aber schon nach kurzer Zeit war sie in dem kleinen Vorort bekannt und wurde oftmals von netten Einheimischen wieder in das Heim zurückbegleitet.

Inzwischen lebt sie dort seit fast 14 Jahren. Wir haben viel erlebt: mehrere Einrichtungsleiterinnen, eine nicht mehr überschaubare Anzahl von Pflegepersonen, jede Menge engagierte Ehrenamtliche und auch viele Angehörige, die sich intensiv um die Bewohner kümmern. 

Wie überall gibt es Positives und Negatives aus dem Heimleben zu berichten. Aber mit der richtigen Kommunikation können viele Dinge, Kritik und Lob, angebracht werden.

Erschüttert hat mich allerdings ein Vortrag vom Träger des Heims über die Zeit, die Pflegekräften für die Bewohner zur Verfügung steht. Der Geschäftsführer und sein Referent für EDV und Verwaltung brachen die Zahl der Beschäftigten herunter, die laut hessischem Ministerium für Pflegeheime vorgeschrieben sind: 37,5 Minuten pro Bewohner pro Schicht! Und zwar für alle nachstehenden Aufgaben: Grundpflege, Behandlungspflege, Einzüge und Aufnahmen, Übergabezeiten, tägliche Dokumentation und Planung der Pflege- und Betreuungsleistungen, Notfallversorgung, Palliative Versorgung und Sterbebegleitung, Angehörigenkontakt, Beratung, Gespräche und Begleitung, Anreichen bei Schluckstörungen, Schlucktraining, Medikamentenmanagement, Kontakte mit dem Arzt, Begleitung des Medizinischen Dienstes bei Höherstufungen, Begleitung bei Besuchen von Behörden, Teamgespräche, Gespräche im Haus, Fallbesprechungen, Pflegevisiten, Ausbildung von Altenpflegeschülern… usw.  Ich benötige alleine für die Anreichung des Essens bei meiner Mutter bereits 45 Minuten. Nur mal so als Vergleich!

Monika Kaus
1. Vorsitzende der Deutschen Alzheimer Gesellschaft