Aus: Alzheimer Info 4/03

Günter Meyer ist Mitinhaber der Pflegestation Meyer & Kratzsch, ambulante Krankenpflege für Psychiatrie mit Fachschwerpunkt Gerontopsychiatrie in Berlin

Stellen wir uns vor, eine Angehörige, die ihren demenzkranken Ehemann pflegt, ruft bei Ihnen an, weil sie Unterstützung bei der Pflege braucht. Wie geht es dann weiter?

Günter Meyer: Zunächst findet in der Wohnung des Betreffenden, eventuell auch im Krankenhaus, ein Beratungsgespräch statt, bei dem eine Sozialarbeiterin und eine leitende Pflegekraft dabei sind. In dem Gespräch wird geklärt, welcher Pflegebedarf besteht und in welchem Umfang wir tätig werden sollen. Ferner geht es um die Kostenseite: liegt eine Einstufung in die Pflegeversicherung vor, können die Betroffenen einen Eigenanteil leisten, oder soll eventuell ein Antrag beim Sozialamt gestellt werden? Wenn all dies geklärt ist, wird ein Pflegevertrag abgeschlossen, in dem Pflegeleistungen und Kosten festgehalten werden.

Nehmen wir an, der Betroffene hat die Pflegestufe 2, also Anspruch auf Pflegeleistungen im Umfang von 921 € pro Monat. Was kann ein ambulanter Pflegedienst dafür leisten?

Es gibt keine Zeitvorgaben, sondern es gilt bestimmte Leistungskomplexe zu erbringen, wie z. B. große Körperpflege, Hilfe bei der Nahrungsaufnahme, Darm-­ oder Blasenentleerung. Diese haben einen bestimmten Punktwert und daraus wird dann der Preis berechnet. Für die 921 €, die im Rahmen der Pflegestufe 2 monatlich zur Verfügung stehen, kann eine Mitarbeiterin z. B. morgens eine große und abends eine kleine Körperpflege durchführen. Bei Demenzkranken kommt es vor, dass sie sich gegen die Körperpflege sträuben. Dann muss die Pflegekraft versuchen, Vertrauen aufzubauen und den Kranken zu motivieren.

Immer wieder sind Angehörige unzufrieden, weil die Pflegekräfte sehr häufig wechseln und die Kranken dadurch zusätzlich verwirrt werden. Wie kann das vermieden werden?

Gerade für Demenzkranke ist eine Bezugspflege sehr wichtig. Wir versuchen, Kontinuität in der Pflege u.a. durch das Tandemmodell zu erreichen. Das heißt: An allen Wochentagen wechseln sich im Frühdienst wie im Spätdienst zwei Mitarbeiterinnen ab. In der Urlaubszeit oder als Krankheitsvertretung werden zwei weitere Mitarbeiterinnen eingesetzt. So wird der Kranke über das Jahr also von fünf bis sechs Personen gepflegt.

Vielfach haben Angehörige den Eindruck, dass die Pflegekräfte nicht richtig mit Demenzkranken umgehen können.

In der Ausbildung erfahren Pflegekräfte meist nur wenig über psychiatrische Krankheiten. Für unseren Pflegedienst ist die Grundvoraussetzung, dass die Mitarbeiterinnen die Bereitschaft haben, alte Menschen zu pflegen, die an einer psychiatrischen Krankheit leiden. Wir führen regelmäßig Fortbildungen durch, machen Fallbesprechungen und arbeiten mit einem Weiterbildungsträger zusammen.

Können Ihre Mitarbeiterinnen aktivierende Pflege leisten? Kennen sie die Biografien der Pflegebedürftigen?

Ja, Aktivierung ist immer ein Ziel. Wir versuchen die Selbstständigkeit, z. B. bei der Körperpflege, zu stärken. Spezielle therapeutische Programme können wir leider in diesem Rahmen nicht durchführen. Die Biografien zu kennen, ist uns ganz wichtig. Wir haben einen Biografiebogen entwickelt, fragen Pflegebedürftige wie Angehörige gleich zu Beginn nach wichtigen biografischen Daten und schreiben das dann fort.

Wird die zu Beginn festgelegte Pflegeplanung an die sich verändernden Bedürfnisse angepasst?

Alle sechs bis acht Wochen überprüfen wir die Pflegeplanung, ferner nach einer akuten Erkrankung oder einem Krankenhausaufenthalt. Alle zwei Monate wird eine Pflegevisite durch eine geschulte Pflegefachkraft durchgeführt.

Wo sehen Sie die Grenzen der ambulanten Pflege?

Unsere Mitarbeiter können zwei­ oder dreimal am Tag kommen. Wenn nötig, kann eine Tagespflegeeinrichtung genutzt werden. Bei alleinlebenden Demenzkranken werden die Grenzen erreicht, wenn sie eine Versorgung rund um die Uhr benötigen.

Was sollte geschehen, um die ambulante Versorgung Demenzkranker zu verbessern?

Viele Pflegedienste können sicher einiges durch Schulung der Mitarbeiterinnen und bessere Organisation des Personaleinsatzes verbessern. Ein großes Problem ist, dass die Leistungskomplexe, die die Pflegeversicherung vorschreibt, auf die körperliche Pflege zugeschnitten sind. Sehr hilfreich wären Zeitmodule, die auch eine psychosoziale Betreuung der Kranken ermöglichen. Dagegen sträuben sich die Pflegekassen. Ich halte das für eine massive Benachteiligung psychisch Kranker.

Die Pflegekassen finanzieren die Pflege, die Krankenkassen die medizinische Behandlungspflege (z. B. Verabreichen von Spritzen). Kommen die Betroffenen damit zurecht?

Das ist ein ganz großes Problem, wenn z. B. ein Pflegebedürftiger den Bescheid bekommt, dass die Übernahme der Behandlungspflege abgelehnt wird. Vielen Menschen sind diese Verwaltungsbescheide völlig unverständlich. Die Kranken und ihre Angehörigen sollten nicht zum Spielball zwischen Pflege­ und Krankenkassen werden.

Wie sehen Sie die Zukunft der ambulanten Pflege?

Wir müssen eine sinnvolle Kombination von Pflege durch die Familie und professioneller Pflege finden. Die pflegenden Angehörigen müssen entlastet und gestärkt werden. Nur so kann eine vorzeitige Übersiedlung ins Pflegeheim und damit ein massiver Bruch in der Biografie des Betroffenen hinausgeschoben werden.

Das Interview führte
Hans-Jürgen Freter
Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V., Berlin