Aus: Alzheimer Info 2/00

Otto Binswanger hat 1894 ein Krankheitsbild beschrieben, das durch ausgeprägte Veränderungen im Marklager des Gehirns, zahlreiche kleine und tiefliegende Hirninfarkte und enorm erweiterte Hirnkammern bei unversehrter Hirnrinde gekennzeichnet ist. Die Bezeichnung "Binswangersche Krankheit" wurde 1902 von Alois Alzheimer geprägt. Alzheimer erkannte auch die zugrunde liegende Ursache: eine besonders schwere Arteriosklerose von Blutgefäßen, die das Marklager versorgen. Deswegen wird die Binswanger-Krankheit auch als "Subkortikale arteriosklerotische Enzephalopathie" bezeichnet. Sie gehört also zu den gefäßbedingten Ursachen einer Demenz, die in der Bevölkerung wesentlich seltener sind als die Alzheimer-Krankheit.

Die Symptome setzen meist in der zweiten Lebenshälfte ein, oft bei Personen mit langjährigem Bluthochdruck oder anderen Risikofaktoren für Gefäßerkrankungen. Meist finden sich in der Vorgeschichte mehrere kleine Schlaganfälle mit geringfügigen körperlichen Symptomen. Die Hirnleistungsstörung setzt meist schleichend ein und zeigt einen langsam fortschreitenden Verlauf. In dieser Hinsicht besteht eine Ähnlichkeit zur Alzheimer-Krankheit.

In der Regel liegen aber schon im Frühstadium körperliche Krankheitszeichen vor wie Sprechstörung, einseitige Muskelschwäche, kleinschrittiger oder torkelnder Gang, Neigung zu Stürzen und Verlust der Blasenkontrolle, die bei entsprechendem Schweregrad der geistigen Leistungseinschränkungen für Alzheimer-Patienten ungewöhnlich wären. Persönlichkeitsveränderungen, Antriebsschwäche und Stimmungslabilität sind häufiger als bei der Alzheimer-Krankheit.

Zur symptomatischen Besserung der geistigen Leistungen werden Nootropika eingesetzt. Wie bei der Alzheimer-Krankheit zeigen sie aber nur bei einem Teil der Patienten Wirkungen von geringem Ausmaß und begrenzter Dauer. Ob Hemmstoffe der Acetylcholinesterase, die in der Behandlung der Alzheimer-Krankheit die am besten belegten Effekte haben, auch bei gefäßbedingten Hirnleistungsstörungen wirksam sind, wird gegenwärtig untersucht.

Prof. Dr. Alexander Kurz
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Klinikum rechts der Isar, Technische Universität München

Literaturempfehlung:

Beitrag von P. Martinez-Lage und V. C. Hachinski "Vaskulär bedingte kognitive Beeinträchtigung und Demenz" in Band 4 des von H. Helmchen herausgegebenen Handbuches "Psychiatrie der Gegenwart", S. 167-204.