Aus: Alzheimer Info 2/05

Dienstagvormittag, 10.00 Uhr. Es klingelt an der Haustür: Die Musiktherapeutin kommt. Sie hat eine Gitarre, mehrere andere Instrumente und Lieder im Gepäck. Eine Stunde bleibt sie bei der pflegebedürftigen, demenzkranken Frau B., tritt mit ihr auf verschiedene Weise in Kontakt: mit Musik für die Seele. Sie hat offene Ohren für Erinnerungen, sie nimmt sich Zeit, die stummen und ungehörten Wünsche und Bedürfnisse der Patientin zu erspüren - Zeit für Begegnung.

Die Musiktherapeutin gehört zu einem Team aus jungen Absolventinnen des Studiengangs Musiktherapie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, die im Anschluss an ihr Studium "Musik auf Rädern", ein ambulantes musiktherapeutisches Dienstleistungsunternehmen, gegründet haben. Seit Herbst 2003 reisen sie jeweils dorthin, wo Musiktherapie den Pflegealltag bereichern kann. Zu den Kunden gehören neben Pflegebedürftigen, die zu Hause versorgt werden, vor allem Einrichtungen der Alten- und Krankenpflege im Kreis Münster.

Die Angebotspalette von "Musik auf Rädern" ist vielfältig und farbig. Sie reicht von Einzel- und Gruppentherapien, Abendsingen, Mitwirkung bei Festen bis hin zur Gestaltung von Improvisationskonzerten und Tanztees mit live gespielter Kaffeehausmusik und Schlagern der 20er bis 40er Jahre. Auch spezielle Angebote für pflegende Angehörige und ein Gitarrenkurs für das Pflegepersonal gehören dazu.

Der Schwerpunkt der musiktherapeutischen Arbeit liegt auf der Begleitung demenzkranker Menschen. Auf der Basis einer validierenden Grundhaltung reicht das Spektrum dessen, was innerhalb der Therapie passieren kann, von sanft gespielter und gesungener Musik zur Atmung bis zu Rollstuhl-Tanz zu Grammophonklängen, von Musik, die das Einschlafen begleiten kann, bis zu gemeinsam erzeugten Klängen und Rhythmen auf leicht spielbaren Instrumenten. Musik schafft Raum für Selbstausdruck. Über Musik kann die Vergangenheit lebendig und die kulturelle Herkunft in Erinnerung gerufen werden.

Die Kosten für die Musiktherapie werden in der Regel nicht von den Krankenkassen getragen, es bestehen jedoch unterschiedliche finanzielle Förderungsmöglichkeiten. Gerade im Bereich der stationären Pflege und Betreuung haben viele Verantwortliche erkannt, dass Musiktherapie besonders für Demenzkranke eine überaus wichtige Zugangsform sein kann, die mit etwas Phantasie auch zu finanzieren ist.

Dass der Kundenkreis von "Musik auf Rädern" stetig wächst, ist eine erfreuliche und ermutigende Erfahrung. Sie beweist, dass es auch in Zeiten knapper Kassen möglich ist, den großen Bedarf an pflegeergänzenden Leistungen auf die eine oder andere Weise zu decken.

Barbara Keller
Musiktherapeutin bei Musik auf Rädern, Münster