Aus: Alzheimer Info 4/12

Die gegenwärtig verfügbaren und die in Entwicklung befindlichen medikamentösen Therapieverfahren setzen an unterschiedlichen Stellen des Krankheitsgeschehens an und verfolgen verschiedene Ziele. Die herkömmlichen Medikamente versuchen, die Folgen des Nervenzelluntergangs auszugleichen. Sie werden im Stadium der Demenz eingesetzt. Die neuen pharmakologischen Strategien zielen darauf ab, den Nervenzelluntergang zu verlangsamen. Ihre Anwendung ist besonders Erfolg versprechend in dem Krankheitsstadium, das der Demenz vorausgeht.

Leichte kognitive Störung und Demenz sind verschiedene Stadien der Krankheit

Die Symptome der Alzheimer-Krankheit werden durch einen allmählich fortschreitenden Untergang von Nervenzellen und Nervenzellkontakten hervorgerufen. Dieser Prozess beginnt in der Tiefe des Schläfenlappens und bleibt viele Jahre lang klinisch stumm. Wenn er den Hippokampus erreicht, eine für das Gedächtnis besonders wichtige Struktur des Gehirns, entstehen erste Symptome in der Form von zunehmender Vergesslichkeit. Sie ruft zunächst keine nennenswerte Einschränkung der Alltagstätigkeiten hervor. Dieses Krankheitsstadium wird als „leichte kognitive Störung“ bezeichnet. Wenn sich der Krankheitsprozess auf die angrenzenden Abschnitte der Hirnrinde ausbreitet, treten zu den Gedächtnisstörungen weitere Symptome hinzu und es kommt zu einer Behinderung bei den Tätigkeiten des täglichen Lebens. Dieses Zustandsbild nennt man „Demenz“.

Die Entstehung der Alzheimer-Krankheit

Die am weitesten verbreitete Theorie zur Entstehung der Alzheimer-Krankheit stellt die vermehrte Entstehung, Verklumpung und Ablagerung eines kleinen Eiweißstoffes (beta-Amyloid) in den Mittelpunkt des pathologischen Geschehens. Ein Ungleichgewicht zwischen Produktion, Abbau und Abtransport von Amyloid führt zu einer erhöhten Konzentration dieses Eiweißstoffes im Gehirn. Es bilden sich kleine Amyloid-Komplexe, die auf Nervenzellen und Nervenzellkontakte eine schädigende Wirkung haben. Aus den kleinen Komplexen entstehen nach und nach größere Ablagerungen, die Plaques. In den durch Amyloid geschädigten Nervenzellen ballt sich ein weiterer Eiweißstoff (Tau) zu den charakteristischen Neurofibrillenbündeln zusammen. Sie beeinträchtigen wichtige Stoffwechselvorgänge und tragen zum Untergang von Nervenzellen und Nervenzellkontakten bei.

Die Wirkungsweise der gegenwärtigen Medikamente

Auf die genannten Vorgänge haben die gegenwärtig zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit eingesetzten Arzneimittel (Antidementiva) keinen Einfluss. Sie korrigieren Veränderungen von Überträgerstoffen, die eine Folge des Nervenzelluntergangs sind. Dadurch verzögern sie die Zunahme der Symptome um mehrere Monate. Die Cholinesterase-Hemmer Donepezil, Galantamin und Rivastigmin (Handelsnamen: Aricept, Reminyl und Exelon) gleichen den Mangel an dem Überträgerstoff Acetylcholin aus, der für Gedächtnis und Aufmerksamkeit wichtig ist. Der Glutamat-Rezeptor-Antagonist Memantine (Handelsnamen: Axura, Ebixa) verbessert die Signalübertragung zwischen Nervenzellen der Hirnrinde. Die Wirksamkeit dieser Medikamente wurde nur für Betroffene im Stadium der Demenz nachgewiesen. Sie können daher erst eingesetzt werden, wenn der Krankheitsprozess bereits weit fortgeschritten ist und die Betroffenen einen großen Teil ihrer kognitiven Leistungen und Alltagsfähigkeiten verloren haben.

Neue Behandlungsansätze

Seit mehreren Jahren werden neue Behandlungsansätze erprobt. Ihr Ziel ist es, die Vorgänge zu beeinflussen, die zum Untergang von Nervenzellen und Nervenzellkontakten beitragen, um auf diese Weise den Krankheitsprozess selbst zu verlangsamen. Einige der getesteten Wirkstoffe hemmen die an der Produktion von Amyloid beteiligten Enzyme (Sekretase-Blocker), andere unterbinden die Zusammenballung und Ablagerung von Amyloid (Aggregations-Hemmer). Mit verschiedenen Strategien wird versucht, bereits entstandene Amyloid-Ablagerungen wieder aufzulösen. Sie machen sich das auch im Gehirn vorhandene Immunsystem zu Nutze, entweder durch die Gabe von Antikörpern, die das Amyloid erkennen und die körpereigene Abwehr dagegen in Stellung bringen (passive Immunisierung), oder durch die Verabreichung von synthetischen Amyloid-Bruchstücken, welche die Bildung von spezifischen Antikörpern anregen und auf diese Weise ebenfalls die körpereigene Abwehr mobilisieren (aktive Immunisierung). Neben den auf Amyloid bezogenen Strategien werden auch Behandlungsmöglichkeiten untersucht, welche die Zusammenlagerung von Tau verhindern oder rückgängig machen und dadurch den Verlauf des Krankheitsprozesses beeinflussen sollen.

Vor kurzem wurde bekannt, dass die gegen Amyloid gerichtete Antikörper-Therapie mit der Prüfsubstanz Bapineuzumab bei Patienten mit leichtgradiger bis mittelschwerer Alzheimer-Demenz die gesteckten Behandlungsziele nicht erreicht hat. Andererseits gibt es Hinweise darauf, dass die Therapie mit dem Antikörper Solanezumab in der Lage ist, den Krankheitsverlauf zu verzögern. Sollte sich dieses Ergebnis bestätigen, wäre zum ersten Mal eine Behandlungsform gefunden, die an einem zentralen Mechanismus der Krankheit angreift und klinisch bedeutsame Wirkungen erzielt. In diesem Fall wird es künftig darum gehen, die Alzheimer-Krankheit in einem Stadium zu erkennen, in dem die Betroffenen über zahlreiche kognitive Leistungen sowie Alltagsfähigkeiten verfügen, und durch eine frühzeitig einsetzende Therapie dafür zu sorgen, dass sie den Zustand der Demenz und der damit verbundenen Pflegebedürftigkeit erheblich später oder möglicherweise gar nicht mehr erreichen.

Dr. Timo Grimmer
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Klinikum rechts der Isar, Technische Universität München