Aus: Alzheimer Info 3/14

In der Art und Weise wie Alzheimer diagnostiziert wird, kündigt sich ein Wandel an. Während die Krankheit bisher mit Hilfe der typischen Symptome wie Gedächtnisverlust bestimmt wird, könnten in Zukunft ausschließlich Laborwerte und bildgebende Verfahren (Biomarker) zur Diagnose eingesetzt werden. Im Mai 2018 veröffentlichte ein Komitee von Forschern aus den USA neue Kriterien. Diese sind aber vor allem für die Forschung relevant, nicht für die Diagnose der Erkrankung in der Arztpraxis.

Herkömmliche Diagnose der Alzheimer-Krankheit

Die herkömmliche Diagnose der Alzheimer-Krankheit stützt sich auf die charakteristischen Symptome (Gedächtnis- und Orientierungsstörungen, Veränderungen im Verhalten usw.), den allmählich fortschreitenden Verlauf und den Ausschluss anderer möglicher Ursachen der kognitiven Beeinträchtigungen (z. B. Depression, Durchblutungsstörungen, Vitaminmangel). Die Krankheit wird auf diese Weise also erst zu einem Zeitpunkt erkannt, wo sie bereits zu deutlichen Veränderungen von geistiger Leistungsfähigkeit und Verhalten geführt hat.

Die Krankheit beginnt lange vor den Symptomen

Seit langem ist aber bekannt, dass der Krankheitsprozess – also die Ablagerung von beta-Amyloid-Protein (Eiweiß) außer-halb der Nervenzellen und die Zusammenballung von Tau-Protein innerhalb der Zellen sowie die dadurch verursachten Funktionsstörungen der Nervenzellen und ihr anschließender allmählicher Verlust, schon viele Jahre, wahrscheinlich sogar Jahrzehnte, vor dem Auftreten der ersten Symptome einsetzt. Man spricht vom „präklinischen“ Stadium der Krankheit.

Was sind „Biomarker“?

In den zurückliegenden zehn Jahren sind Labormethoden und bildgebende Verfahren entwickelt worden, die es erlauben, den Krankheitsprozess bereits im präklinischen Stadium festzustellen. Im einzelnen handelt es sich um Messungen von beta-Amyloid und Tau in der Hirn-Rückenmarks-Flüssigkeit (durch eine Liquorpunktion) und den Nachweis der beiden Proteinablagerungen mit Hilfe von bestimmten Markiersubstanzen (in der Positronen-Emissionstomographie). Auch die Darstellung der Schrumpfung (Atrophie) des mittleren Schläfenlappens (mit Hilfe der Kernspintomographie) zählt zu diesen Untersuchungsmethoden. Zusammenfassend werden sie als „Biomarker“ bezeichnet.

Die Treffsicherheit und Vorhersagekraft der Biomarker wurde in Studien an Menschen untersucht, die entweder keine oder nur geringfügige Symptome aufwiesen. Diese Untersuchungen haben gezeigt, dass der Vorhersagewert dieser Indikatoren bei kognitiv gesunden Menschen relativ gering, bei Menschen mit kognitiven Auffälligkeiten dagegen hoch ist. Auch weiß man, in welcher zeitlichen Reihenfolge die Biomarker „positiv“ werden, also die Krankheit anzeigen.

Neue Diagnosekriterien

Für die Forschung sind die neuen Diagnosekriterien von großer Bedeutung. Gegenwärtig befinden sich Medikamente in Erprobung, welche die Entstehung der beschriebenen Proteinablagerungen verhindern sollen oder sie aus dem Gehirn entfernen. Im Unterschied zu den bisher verfügbaren Medikamenten greifen die neuen Wirkstoffe unmittelbar am Krankheitsprozess an. Man vermutet, dass sie umso effektiver sind, je früher sie eingesetzt werden, am besten noch bevor Symptome autreten. Dafür ist eine möglichest genaue Frühdiagnose mithilfe der Biomarker erforderlich.

Bedeutung für die Praxis

In der Praxis spielt die Früherkennung der Alzheimer-Krankheit anhand von Biomarkern bisher eine geringe Rolle. Die derzeit verfügbaren Medikamkente sind wegen fehlender Wirksamkeitsnachweise weder im präklinischen Stadium noch im Stadium leichtgradiger Symptome zugelassen. Deswegen hat der Nachweis der Krankheit in dieser Verlaufsphase keine Konsequenz für die Therapie. 

Größer ist die Bedeutung der Biomarker in unklaren Fällen von Demenz. Hier sind sie dazu geeignet, die Alzheimer-Krankheit von anderen Ursachen abzugrenzen, beispielsweise von einer Frontotemporalen Degeneration. Falls die Biomarker-Befunde gegen eine Alzheimer-Krankheit sprechen, muss nach einer alternativen (eventuell behebbaren) Ursache gesucht werden, die auch einer anderen Form der Behandlung bedarf.

Prof. Dr. Alexander Kurz
Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München und Vorstandsmitglied der Deutschen Alzheimer Gesellschaft