Aus: Alzheimer Info 3/14

Die Alzheimer-Krankheit ist mit einer großen Angst vieler Menschen verbunden. Niemand will im Alter einen Verlust der geistigen Leistungsfähigkeit hinnehmen müssen, und viele möchten dagegen ankämpfen, beispielsweise durch Sport, Ernährungsumstellung oder geistige Regsamkeit. Der Einsatz vorbeugender Strategien setzt aber voraus, dass die Krankheit frühzeitig erkannt wird – idealerweise viele Jahre vor dem Auftreten erster Symptome. Nur dann könnten medikamentöse oder nicht-medikamentöse Maßnahmen Eigenständigkeit und Lebensqualität aufrecht erhalten – sofern es Interventionen mit solchen Wirkungen gäbe.

Ein wichtiger Ansatzpunkt für die Früherkennung der Alzheimer-Krankheit sind die fehlgeformten und im Übermaß im Gehirn abgelagerten Eiweißstrukturen. Ihre Entstehung beginnt nämlich schon viele Jahre bevor die ersten Gedächtnisdefizite bemerkbar werden. Daher versuchen Forscher weltweit, Nachweismöglichkeiten zu entwickeln, welche diese Ablagerungen unabhängig vom Vorhandensein klinischer Symptome anzeigen.

Ein anderes Verfahren der Früherkennung ist die Darstellung von Funktionsstörungen der Nervenzellen durch die Messung ihrer Fähigkeit zur Aufnahme von Zucker als Energiequelle. Die bisher verfügbaren Tests zur Früherkennung erfordern entweder eine Untersuchung der Hirn-Rückenmarksflüssigkeit oder die Anwendung einer geringen Strahlendosis. Beides ist erheblich aufwändiger als eine Blutentnahme und manchmal für die Patienten belastend. Auch wären sie als Vorsorgeuntersuchung in der allgemeinärztlichen Praxis nicht durchführbar. Außerdem erreichen diese Tests keine zufriedenstellende Genauigkeit der Vorhersage.

Vor diesem Hintergrund haben die in dem renommierten medizinischen Journal „Nature Medicine“ veröffentlichten Ergebnisse einer amerikanischen Forschergruppe um Mark Mapstone große Aufmerksamkeit erregt. Sie zeigen nach Meinung der Autoren erstmals, dass die Messung der Konzentrationen von zehn Blutfetten (Lipiden) drei Jahre vor dem Auftreten von Gedächtnisstörungen zuverlässige Hinweise auf das Vorliegen der Alzheimer-Krankheit geben kann.

In die Studie wurden Teilnehmer mit Gedächtniseinschränkungen oder ohne Gedächtnisprobleme eingeschlossen. Sie wurden fünf Jahre lang im Hinblick auf ihre geistige Leistungsfähigkeit untersucht. Bei den Teilnehmern, die schon am Anfang der Studie Gedächtnisstörungen zeigten, und bei denen, die im Verlauf der Studie Gedächtnisdefizite entwickelten, wiesen die Konzentrationen der gemessenen Blutfette ein völlig anderes Muster auf als bei den Teilnehmern, deren Gedächtnisleistung unauffällig blieb.

Gegen die Studie lassen sich mehrere kritische Einwände vorbringen. Vor allem ist die Vorhersage von Gedächtnisstörungen nicht gleichbedeutend mit dem Nachweis der Alzheimer-Krankheit als deren Ursache. Darüber hinaus ist der Vorhersagezeitraum von drei Jahren sehr kurz. Eine Früherkennung, die dem Auftreten von Symptomen nur unwesentlich vorausgeht, würde für vorbeugende Maßnahmen nicht genügend Zeit einräumen. Ferner wurde von den ursprünglich einbezogenen 525 Personen nur eine sehr kleine Gruppe in den statistischen Analysen berücksichtigt. Es ist also nicht auszuschließen, dass der Aufsehen erregende Befund ein Zufallsergebnis darstellt oder lediglich für diese hochgradig ausgewählte Patientengruppe Gültigkeit hat. Daher muss die Aussagekraft des Bluttests in unabhängigen Untersuchungen geprüft und bestätigt werden. Schließlich ist völlig unklar, ob zwischen den im Blut gemessenen Fettstoffen und den für die Krankheit charakteristischen fehlgeformten und im Gehirn abgelagerten Eiweißstrukturen ein Zusammenhang besteht.

Fazit

Die Untersuchung von Blutfetten bereichert die diagnostische Forschung um eine innovative und besonders praxisnahe Methode. Von einem einfach anzuwendenden und preisgünstigen Vorhersage-Test ist die Wissenschaft aber noch weit entfernt. Die Entwicklung auf dem Gebiet der Früherkennung der Alzheimer-Krankheit muss auch unter dem Blickwinkel der bisher fehlenden therapeutischen Möglichkeiten betrachtet werden.

Gegenwärtig gibt es keine Medikamente, die im Frühstadium der Krankheit eingesetzt werden können, um das Fortschreiten zu fassbaren Leistungseinschränkungen und schließlich zur Demenz zu verhindern oder zumindest hinauszuzögern. Auch für die eingangs erwähnten Faktoren des Lebensstils wie körperliche oder geistige Aktivität fehlt bisher der Nachweis einer vorbeugenden Wirkung. Es ist völlig offen, ob und wann Interventionen mit entsprechenden Effekten zur Verfügung stehen werden. Wenn daher ein Test mit hinreichender Genauigkeit (für den dargestellten Bluttest ist das nicht der Fall) die Krankheit nachweist und damit das Fortschreiten zu kognitiven Störungen und Demenz vorhersagt, schafft er ein Wissen, welches das Leben des Betroffenen überschatten kann. Deswegen muss die Anwendung solcher Verfahren von einer umfassenden Aufklärung über die möglichen Konsequenzen für den Betroffenen und seine Angehörigen begleitet werden.

Dr. Panagiotis Alexopoulos und Prof. Dr. Alexander Kurz
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München

Literatur (englischsprachiger wissenschaftlicher Artikel):
Mapstone M. et al.: Plasma phospholipids identify antecedent memory impairment in older adults. Nat Med. 2014 Mar 9. doi: 10.1038/ nm.3466.