Aus: Alzheimer Info 4/10

Menschen mit Demenz verlieren zunehmend die Fähigkeit verbal, über die Sprache, zu kommunizieren. Wie steht es aber mit der Körpersprache? Verändert sich die nonverbale Kommunikationsfähigkeit der Betroffenen? Grundsätzlich ist es so, dass die körpersprachlichen Fähigkeiten bei den allermeisten Formen der Demenz länger erhalten bleiben als die verbalen. Es kommt allerdings zu einem immer größer werdenden Ungleichgewicht zwischen ihrer Wahrnehmungs- und Ausdrucksfähigkeit: Bis weit in die Krankheit hinein können sie einen großen Teil unserer nonverbalen Signale richtig entschlüsseln. Wesentlich schneller verlieren sie jedoch die Fähigkeit, nonverbale Signale so zu produzieren, dass wir sie auch verstehen können.

Was sie wahrnehmen können

Menschen mit Demenz sind zumeist in der Lage, mimische Signale richtig zu deuten: Sie interpretieren ein Lächeln als Anzeichen von Freude und Stirnrunzeln sowie zusammengepresste Lippen als Hinweise für Ärger. Am Klang unserer Stimme, an unserer Körperhaltung sowie an unserer Geschwindigkeit erkennen sie, ob wir entspannt oder gestresst, gut gelaunt oder verärgert sind. Sie erkennen eine angebotene Hand oder ein Winken als Grußgesten. Daran, wie wir sie berühren und wie nahe wir ihnen kommen, lesen sie ab, ob wir sie mögen oder nicht.

Menschen mit Demenz merken es, wenn wir versuchen, etwas vor ihnen zu verbergen. Vor allem aber sind sie durch körpersprachliche Signale anderer Menschen, also beispielsweise durch deren gute Laune, Wut oder Unruhe ansteckbar: In dem Bemühen, zu verstehen, warum ein anderer Mensch ruft oder klopft, imitieren sie dieses Verhalten; und wenn man sie anstrahlt, verfliegen im Nu die Wut oder die Traurigkeit, die sie gerade eben noch empfunden und ausgedrückt haben.

Was sie falsch verstehen können

Menschen mit Demenz schätzen sehr wohl einen freundlichen Blickkontakt. Schauen wir sie aber zu lange und zu intensiv an, kommt es vor, dass sie dies als aggressiv fehldeuten – sie fühlen sich bedroht und bedrängt.

Menschen mit Demenz reagieren positiv auf ruhige, tiefe, gelassen und freundlich klingende Stimmen. Wenn nun insbesondere Frauen „Babysprache“ mit ihnen sprechen, also mit einer zu hohen, zu lauten und zu schrillen Stimme auf sie einreden, dann fühlen sie sich gestresst und bedroht – die einen ziehen sich ängstlich zurück, die anderen beginnen um sich zu schlagen.

Wie alle Menschen lieben es auch von Demenz Betroffene, angelächelt zu werden. Gewissermaßen allergisch reagieren sie jedoch auf ein aufgesetztes Lächeln – sie sehen es sofort, wenn unsere Augen nicht mitlachen, und reagieren ängstlich, misstrauisch oder verärgert.

Was sie ausdrücken können

Menschen mit Demenz nutzen die nonverbale Kommunikation auch nicht anders als andere. Was sie allerdings von kognitiv gesunden Menschen unterscheidet, ist die Tatsache, dass sie zum einen immer weniger eindeutige Signale aussenden: Ihre mimischen Signale werden mit dem Fortschreiten der Erkrankung immer spärlicher, und selbst für nahe Angehörige immer schwerer zu interpretieren. Der Blick der Augen wird häufig leerer, und ihre Stimme klingt in vielen Fällen zunehmend monoton. Auch ihre Gesten werden immer unverständlicher. An ihrer Körperhaltung lässt sich allerdings recht lange erkennen, ob sie wach, fit und kommunikationsbereit oder aber erschöpft und ruhebedürftig sind; ob sie Angst empfinden oder Vertrauen.

Zum anderen geben sie ihren Gefühlen immer ungeschminkter Ausdruck: Haben wir sie erfreut, umarmen und küssen sie uns; haben wir sie jedoch verärgert, so strecken sie uns die Zunge heraus oder imitieren uns.

Was wir daraus folgern können

Die Kommunikation mit Menschen im fortgeschrittenen Krankheitsstadium kann dann gelingen, wenn wir bereit sind, nicht nur ihre, sondern auch unsere eigene Körpersprache immer wieder sorgfältig zu beobachten und zu überprüfen. Wichtig ist vor allem, den Klang der eigenen Stimme zu kontrollieren und die eigene Geschwindigkeit erheblich zu reduzieren. Darüber hinaus sollten wir uns angewöhnen, alles, was wir sagen, gestisch und pantomimisch zu untermalen.

Und wenn es mit der verbalen Verständigung gar nicht mehr klappt, hilft nur eines: Winken, Lachen, Faxen machen … denn diese nonverbalen Kontaktformen verstehen und genießen sie in der Regel.

Dr. Svenja Sachweh
Kommunikationstrainerin für Pflege und Betreuung, Bochum

 

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Dr. phil. Svenja Sachweh
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Literaturhinweise:

  • Svenja Sachweh: Spurenlesen im Sprachdschungel. Kommunikation und Verständigung mit demenzkranken Menschen. Verlag Hans Huber, Bern 2008
  • Zeichensprachen – Signale des emotionalen Ausdrucks von Menschen mit Demenz. Lehr-DVD, Bezug: www.zfg.uzh.ch