Aus: Alzheimer Info 3/19

Gestärkt in den Alltag zurückkehren

Die Sorgen und Bedürfnisse von Angehörigen von Menschen mit Demenz stehen schon seit längerer Zeit im Mittelpunkt meiner therapeutischen Arbeit und so habe ich begonnen, Oasentage für sie zu organisieren. Ziel der Oasentage ist es, dass die Angehörigen zur Ruhe kommen. Sie sollen hier wieder einmal selbst mit ihren Themen und Bedürfnissen im Mittelpunkt stehen.

Als Ort für die ersten Veranstaltungen habe ich das Kloster Oberschönenfeld im Westen von Augsburg gewählt, und dort finden diese Tage der Auszeit immer noch statt. Mittlerweile biete ich die Oasentage auch mit meiner Kollegin Petra Stragies in den Regionen Pfaffenwinkel und Werdenfelser Land an. Hier haben wir uns für die Landvolkshochschule in der Wies und den historischen Gerbersaal in Schongau entschieden. Die Auswahl des Ortes ist wichtig, denn er soll Wärme, Geborgenheit und Wertschätzung vermitteln.

Mit der Diagnose „Alzheimer-Demenz“ beim Partner oder einem Elternteil bewegen sich auch die Angehörigen in eine neue, unbekannte Welt, in der die Aufgaben und Anforderungen kontinuierlich zunehmen. Selbstverständlich wirkt sich das auf ihre Gefühlswelt aus. Ein schlechtes Gewissen, Scham- und Schuldgefühle kommen immer wieder auf. Ängste, Trauer und Wut müssten verarbeitet werden – doch dazu bleibt meistens keine Zeit.

Dafür möchte ich den Teilnehmerinnen (es sind meist Frauen) an diesem Tag Gelegenheit geben. Um sich auf die Entspannung und die vielfältigen Anregungen einlassen zu können, ist eine vertrauensvolle Atmosphäre wichtig. Dadurch und durch die enge Begleitung können sie sich vorsichtig, aber doch mutig mit der eigenen Gefühls- und Erfahrungswelt auseinandersetzen. So habe ich im Austausch mit den Teilnehmerinnen auch gelernt, dass innere Antreiber (beispielsweise „Sei stark!“ und „Streng Dich an!“), sogenannte Glaubenssätze wie „Wenn es hart auf hart kommt, hilft mir sowieso niemand“ und das vor dem Traualtar gegebene Versprechen eine große Rolle spielen.

Gezielt ausgewählte Übungen helfen, die Sinne zu öffnen und zu schärfen. So wird die Wahrnehmungswelt wieder reicher. Einfache Entspannungsübungen sind gleichzeitig auch Hilfen, um später zu Hause auf die eine oder andere Situation anders zu reagieren oder kleine Zeitzwischenräume schaffen zu können, ehe man antwortet oder handelt. Für die Seele erschließen speziell angepasste und geführte Meditationen innere Räume, die auch im heimischen Umfeld bestehen bleiben und Sicherheit bieten.

Wichtig für die Angehörigen ist auch die Gelegenheit für einen Austausch untereinander – meist ergibt sich das beim gemeinsamen Mittagessen. Allerdings sollten diese Gespräche nicht zu sehr vom Ziel des Tages ablenken – hier ist Moderation meinerseits gefragt. Der anschließende Spaziergang an der frischen Luft lässt die Teilnehmerinnen durchatmen – tief durchatmen. Und so bekommt der Körper durch das Gehen auch Gelegenheit, Stresshormone abzubauen.

Am Ende des Tages wissen die Angehörigen mehr über sich und ihre innere Welt, und sie haben bestenfalls kostbare Momente erlebt, in denen sie sich selbst spürten. Vergessene Ressourcen und Interessen hatten die Gelegenheit, aus der Erinnerung aufzutauchen. Es werden Ideen für kleine oder große Veränderungen mit nach Hause genommen. So wird ein einziger Oasentag zu einer wohltuenden, kostbaren Auszeit – auch wenn es „nur“ ein Tag ist.

Doris Kettner, Augsburg/Schongau
Heilpraktikerin für Psychotherapie, Therapeutische Demenzbegleiterin