Aus: Alzheimer Info 2/18

Die Räume, in denen wir leben, haben großen Einfluss auf unsere Stimmung und unser Verhalten. Das gilt auch für Menschen mit Demenz. Eine passende Architektur kann ihre Orientierungsschwierigkeiten mindern und ihre vorhandenen Alltagsfähigkeiten fördern. Sie kann dafür sorgen, dass sie sich selbstständig bewegen können und mit anderen Menschen Kontakt haben. Wenn Pflegeheime ihre Räumlichkeiten dementsprechend gestalten, verringern sie Unruhe und herausforderndes Verhalten bei ihren demenzkranken Bewohnern. Von den Erkenntnissen der Pflegeheime können auch die Krankenhäuser lernen.

Um sich räumlich zu orientieren, erschaffen Menschen eine kognitive Karte in ihrem Kopf. Diese Karte zeigt unter anderem, wo sie selbst sich im Verhältnis zu einem bestimmten Ort befinden. Dadurch können sie den Weg zur Küche finden, ohne dass sie in diesem Moment die Küche sehen können. Diese Fähigkeit geht durch eine Demenz zunehmend verloren.

Menschen mit Demenz brauchen deshalb eine überschaubare Umgebung, in der sie sich auch ohne kognitive Karte zurechtfinden können. In Pflegeheimen sind kleinere Wohngruppen mit kurzen Wegen und einem zentralen Gemeinschaftsbereich besonders geeignet. Dieser Gemeinschaftsbereich ist ein wichtiger Ankerpunkt für Menschen mit Demenz. Dort findet das Leben statt, dort können sie sich aufhalten und haben Kontakt zu anderen Bewohnern und Pflegekräften. Studien zum Thema haben gezeigt, dass auch Menschen mit einer fortgeschrittenen Demenz diesen zentralen Raum selbstständig auffinden. Ein Problem entsteht aber häufig, wenn sie zurück in ihr Zimmer möchten. Deshalb sind hier Hilfestellungen nötig, zum Beispiel farbige Markierungen oder vertraute Bilder und Gegenstände an der Zimmertür. Ideal ist eine Sichtachse zwischen Gemeinschaftsbereich und Bewohnerzimmer.

Die Forschung hat gezeigt, dass besonders gerade Flure die Orientierung erleichtern. Hier haben Menschen mit Demenz alles im Blick und sind nicht darauf angewiesen, dass sie sich vorstellen können, was hinter der nächsten Ecke liegt. Rundwege, sogenannte „Endlosflure“ sind dagegen eher verwirrend. In diesen Fluren werden die Bewohner im Kreis geführt und gelangen immer wieder zurück an den Ausgangspunkt. Eine Zeitlang galten sie als besonders geeignet für unruhige Menschen mit Orientierungsschwierigkeiten, weil sie immer weiter gehen konnten ohne sich zu verlaufen. Tatsächlich scheinen diese Flure aber eher die Unruhe zu verstärken, weil sie nicht zu überblicken sind und dazu auffordern, immer weiter zu laufen.

Bei der Gestaltung der Räume spielen Farbkontraste und gute Beleuchtung eine große Rolle. Die meisten älteren Menschen haben eine verminderte Sehfähigkeit. Das sollte bei der Einrichtung der Räume bedacht werden. Ungeeignet sind zum Beispiel Türen, die sich nicht von der Wandfarbe abheben, oder Bäder mit weißen Fliesen und weißer Keramik.

Damit Menschen mit Demenz erkennen können, wo sie sich befinden, muss die Funktion der Räume einfach zu erfassen sein. Die Bewohnerzimmer, der Gemeinschaftsbereich, die Küche und das Bad sollten daher möglichst wohnungsähnlich angeordnet und gestaltet sein. Menschen mit Demenz erinnern sich besonders gut an Dinge, die mit ihrer eigenen Vergangenheit verbunden sind. Daher sollten Möbel und andere Einrichtungsgegenstände diese biografische Normalität abbilden. Für Pflegeeinrichtungen ist das nicht immer einfach umzusetzen. Die Ausstattung muss auch für die Pflege funktional sein und es müssen bestimmte Standards eingehalten werden, zum Beispiel in Bezug auf Hygiene und Brandschutz.

Doch nur, wenn die Funktion der Räume eindeutig erkennbar ist, können sich Menschen mit Demenz sicher sein, wo sie sich befinden. Außerdem erhalten die Räume dadurch einen Aufforderungscharakter, der es demenzkranken Menschen leichter macht, ihre Fähigkeiten zu nutzen. Die Wohnküche, in der gemeinsam die Mahlzeiten vorbereitet werden, ist ein gutes Beispiel für einen Raum mit Aufforderungscharakter.Hier können sich Menschen mit Demenz sehr einfach an alltäglichen Aufgaben beteiligen.

Die positive Wirkung von demenzsensibler Architektur ist ausführlich erforscht und wird von vielen Pflegeheimen in Deutschland praktisch genutzt. Aktuell müssen sich die Krankenhäuser besser auf Menschen mit Demenz einstellen. Besonders Akutkrankenhäuser sind oft noch so gestaltet, dass sie Orientierungsschwierigkeiten und Unruhe eher verstärken. Die Erkenntnisse aus der demenzsensiblen Gestaltung von Pflegeheimen lassen sich zu großen Teilen auf Krankenhäuser übertragen.

Prof. Dr. Gesine Marquard
Institut für Gebäudelehre und Entwerfen an der Technischen Universität Dresden