Aus: Alzheimer Info 3/05

Ursula Christopeit-Mäckmann betreut seit fünf Jahren ihren demenzkranken Vater. Jetzt wird er im Haus der Familie eine eigene Wohnung beziehen. Im Folgenden wird zuerst die Sicht ihrer beiden Töchter vorgestellt, dann die der Mutter.

Amelie (12): "Viele Vorteile, wenn Opa zu uns zieht"

Eigentlich finde ich es ganz gut, dass mein Opa zu uns zieht. Meine Mutter ist in letzter Zeit immer bei meinem Opa gewesen, um nach ihm zu schauen, zu kochen und zu waschen und um bei ihm zu sein. Ich glaube, es hat viele Vorteile, wenn Opa zu uns zieht. Meine Mutter muss nicht immer extra mit dem Auto zu meinem Opa fahren, nur um zu gucken, ob er schon was gegessen oder getrunken hat. Sie kann einfach mal eben zu ihm hoch gehen, statt so lange unterwegs zu sein. Für mich ist es auch schön, wenn er zu uns zieht, denn ich plaudere einfach mal gerne mit ihm oder mache mit ihm Kreuzworträtsel.

Auch wenn mein Opa eine Demenz hat, kann er gut zuhören. Mein Opa versteht, was ich meine und gibt mir auch immer Kommentare aus seiner Sicht dazu. Mein Opa weiß viel über die Natur und ich höre ihm gerne zu. Jetzt kann er bald draußen mit uns im Garten sitzen. Manchmal kann mein Opa auch sehr anstrengend sein und meiner Mutter den letzten Nerv rauben. Er verlegt alle Sachen wie Schlüssel, Geld und wichtige Papiere. Aber da muss man ihn dann einfach in Ruhe lassen, Hektik machen und Suchen bringt nichts.

Lisa (14): "... es wird auch Probleme geben"

Einerseits freue ich mich, dass Opa zu uns zieht, aber ich glaube, es wird auch Probleme geben. Mama hat dann sozusagen ein drittes Kind zu versorgen. Schön ist, dass wir eben nur zu ihm hochgehen müssen, um nach ihm zu schauen und er merkt, dass er nicht alleine ist. Angst macht mir, dass Opa immer öfter wegläuft - auch nachts - obwohl er ganz schlecht laufen kann und keiner so recht weiß, wo er ist. Er lebt in seiner Vergangenheit und ist immer auf der Suche nach seinem richtigen Zuhause. Hoffentlich akzeptiert er bei uns zu wohnen und meckert Mama nicht an, wie er es immer macht, wenn ihm etwas nicht passt oder er mit der Situation nicht klarkommt.

Ich hoffe auch, dass, wenn Opa bei uns wohnt, er sich wieder an einen normalen Tag-Nacht-Rhythmus gewöhnt und nicht bis in die Nacht den Fernseher und zwei Radios auf voller Lautstärke an hat. Ich weiß ja, dass Opa schwerhörig ist, aber das würde mich wirklich nerven, wenn wir alle nicht mehr schlafen könnten. Für uns alle ist die Aufnahme unseres Opas ein großes und unberechenbares Experiment, wie Mama sagt. Aber ich finde es von Mama toll, dass sie Opa holt und er nicht ins Heim muss und dass Papa Mama dabei unterstützt.

Ursula (47): "Die Kinder kennen die geheimen Regeln"

Mein Vater war in meiner Familie immer derjenige, dem ich mich anvertrauen konnte, mit dem ich über alles reden konnte, der mich immer verstand. Er hat mir als kleines Kind das Schwimmen beigebracht, später das Zeichnen und noch viel später das Autofahren. Er war immer mein "Verteidiger" in der Familie. Vor fünf Jahren, nach dem Tod seiner 2. Ehefrau, begann bei ihm eine auffallende dementielle Entwicklung. Er konnte beim Autofahren nicht mehr rückwärts einparken und gab spontan mit den Worten "da hätte ich ein Kind totfahren können" sein Auto ab. Alles schien vernünftig zu sein. Es folgten ein schwerer Treppensturz auf einer Rolltreppe mit nachfolgendem leichtem Herzinfarkt.

Die Diagnosen lauteten "Hydrocephalus" und "Parkinson". Nach den Krankenhausaufenthalten fand er sich zu Hause überhaupt nicht mehr zurecht und er wollte immer zurück zu dem Haus, in dem er als Kind gelebt hatte. Auch heute ist diese Erinnerung ein wichtiger Anker für ihn. Als Familie machten wir uns Gedanken, wie es weitergehen sollte und wir beschlossen, ihn zu uns ins Haus zu nehmen, da unsere Mieter die Dachgeschosswohnung gekündigt hatten. Mein Vater war zunächst gar nicht begeistert und fand viele Argumente dagegen, bei uns einzuziehen. Nach einem weiteren schlimmen Krankenhausaufenthalt willigte er dann ein. Meiner Familie hatte ich gesagt, dass wir uns auf ein großes, unberechenbares Experiment einlassen, wenn wir den Großvater zu uns nehmen.

Da ich selbst seit zehn Jahren in einer Alzheimerberatungsstelle arbeite, kenne ich die Sorgen und Nöte von Erkrankten und Angehörigen ... dachte ich. Selbst involviert zu sein bedeutet, sich von der rationalen Ebene zu lösen und sich auf die Ebene des Irrationalen einzulassen - einzutauchen in die verworrenen Gedankengänge des erkrankten Familienmitgliedes. Mir fehlten oft die Antworten auf die Fragen meines Vaters. Die Kinder schafften diesen Sprung viel leichter als ich und können meinen Vater mit ihren kindlichen Fragen dort abholen, wohin er sich gerade gedanklich "verlaufen" hat. Sie "spielen" mit und kennen die "geheimen" Regeln. Ich lerne gerade "mitzuspielen", an die biographischen Anker meines Vaters anzuknüpfen, statt die verlorenen Schlüssel und Rentenunterlagen für wichtig zu nehmen.

Mein Mann ist der Organisator an meiner Seite, der mir hilft, die alte Wohnung aufzulösen, Ämterschreibkram übernimmt und mir den Rücken freihält, damit ich mich um meinen Vater kümmern kann. Er ist aber auch mein Warner, der Stopp sagt, wenn ich zuviel mache. Meine größte Sorge war, dass ich durch die Betreuungszeiten bei meinem Vater die Kinder vernachlässige und die Kinder in der Schule schlecht würden. Aber die Kinder belehrten mich eines Besseren. Sie wuchsen mit dieser familiären Aufgabe und lernten, sich selbst zu organisieren. Die Schulnoten waren besser denn je.

Gelernt habe ich in dieser Zeit, dass ich meine Wünsche und Aktivitäten nicht zurückstellen darf. Mir geht es besser, wenn ich z. B. zuerst meinen Hobbys nachgehe und dann meinen Vater versorge. Vater wartet und ich bin entspannter, wenn ich vorher etwas für mich getan habe. Gestern haben wir zusammen gekocht und mein Vater sagte unvermittelt: "Ich freue mich schon auf den Salat aus unserem eigenen Garten." - Das Experiment läuft!