Aus: Alzheimer Info 2/09

Wir können in Deutschland seit einigen Jahren beobachten, dass in der häuslichen Betreuung und Versorgung von Demenzkranken Betreuende aus osteuropäischen Ländern eine zunehmende Rolle spielen. Meist handelt es sich um Frauen, die sich als Pendlerinnen zwischen Heimat- und Einsatzland bewegen. Die öffentliche Diskussion um diese grenzüberschreitenden Pflegearrangements wird meist aus dem Blickwinkel der Pflegebedürftigen geführt. Die folgende Schilderung basiert auf einem Interview mit einer polnischen Betreuungskraft, die im Haushalt einer Demenzkranken eine 24-Stunden Versorgung übernimmt.

Ella (Name geändert) ist Mitte 50, verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Ihr Mann und die Kinder leben in Polen. Sie ist zur Krankenschwester ausgebildet, hat lange Zeit auf einer Krankenhausstation gearbeitet und ist nun Frührentnerin. Über eine Freundin hat sie von der Möglichkeit gehört, in Deutschland als Betreuerin in einem Pflegehaushalt zu arbeiten und zusätzlich zu ihrer geringen Frührente Geld zu verdienen. Seit drei Jahren pendelt sie zwischen ihrem Heimatort in Niederschlesien und ihrem Einsatzort in einer westdeutschen Kleinstadt. Dort versorgt sie in einem dreimonatigen Wechsel mit einer anderen Betreuerin die über 80-jährige verwitwete Frau Müller (Name geändert).

Gerade die Anfangszeit in einem fremden Haushalt und einer fremden Stadt war für sie mit Ängsten und Unsicherheiten verbunden: „Kann ich ihnen vertrauen? Wie werde ich von der Familie behandelt?“ waren Fragen, die ihr immer wieder durch den Kopf gingen. Es hat einige Zeit gebraucht, bis sie zu Frau Müller und ihren Angehörigen Vertrauen gefunden hatte.

Wenn sie die derzeitige Arbeit mit ihrer früheren Arbeitsstelle in einem polnischen Krankenhaus vergleicht, hatte sie dort auf der Station des Krankrenhauses viel mehr Stress, da sie viele Patienten gleichzeitige versorgen musste. Im Privathaushalt in Deutschland kann sie sich intensiv um die Versorgung von Frau Müller kümmern. Ihre Tätigkeit ist nicht so hektisch und sie arbeitet eigenständig, da die Kinder von Frau Müller in einer entfernten Stadt wohnen und selten vorbeischauen. Auf der anderen Seite erlebt sie diese Autonomie jedoch auch als belastend, da sie vielfach das Gefühl hat, die alleinige Verantwortung für Frau Müller zu tragen. In ihrer früheren Tätigkeit auf der Krankenhausstation konnte sie sich stets mit Kollegen austauschen, wenn es Probleme gab.

Was ihr besonders zu schaffen macht, ist ihre immer wieder aufkommende Einsamkeit und das damit verbundene Heimweh nach ihrem gewohnten Umfeld. Da sie sich fast ausschließlich allein mit Frau Müller im Haus aufhält, fehlt ihr der Austausch mit Freunden oder Familie. Zwar trifft sie sich manchmal mit einer Freundin zum Spazierengehen, die ebenfalls eine ältere Frau betreut, auch telefoniert sie regelmäßig abends mit ihrer Familie, wenn Frau Müller bereits schläft. Diese wenigen Kontakte gleichen jedoch ihre gefühlte Isolation nicht aus. Deshalb sieht Ella ihre Tätigkeit im Pflegehaushalt lediglich als Übergangslösung an. Sie hat vor, die Versorgung von Frau Müller noch bis zu deren Tod zu übernehmen.

Anschließend möchte sie wieder zu Hause, in Polen, mit ihrer Familie leben. Ob ihr dies gelingen wird, hängt von ihrer finanziellen Situation ab.

Johanna Krawietz, Hildesheim
Universität Hildesheim, Institut für Sozial- und Organisationspädagogik, DFG- Graduiertenkolleg „Transnationale soziale Unterstützung“