Aus: Alzheimer Info 3/08

Krankheiten, die zum Zustand der Demenz führen, können heute in einem Stadium festgestellt werden, in dem nur geringgradige Symptome vorliegen. Patienten in dieser Krankheitsphase bemerken zunächst nur leichte Einschränkungen ihrer geistigen Leistungsfähigkeit, jedoch bereiten ihnen die damit zusammen hängenden Veränderungen ihres Lebensgefüges große Sorge. Besonders leiden sie darunter, dass sie bisher gewohnte Tätigkeiten nicht mehr wie früher ausführen können und in zunehmendem Maße auf Hilfe durch ihre Nächsten angewiesen sein werden. Sie hoffen, ihre Eigenständigkeit, ihren persönlichen Lebensstil und ihre zwischenmenschlichen Bindungen so lange wie möglich aufrecht erhalten zu können.

Zur Verwirklichung dieser Ziele tragen die gegenwärtig verfügbaren Medikamente wenig bei. Sie verzögern zwar das Fortschreiten der Symptome, ändern aber grundsätzlich nichts am Krankheitsverlauf. Im Frühstadium der erwähnten Krankheiten können die Betroffenen neue Strategien für die Lösung der im Alltag auftretenden Schwierigkeiten erlernen, ihr Verhalten an die verminderte Leistungsfähigkeit anpassen sowie neue Quellen der persönlichen Identität und des Selbstwertgefühls erschließen. Um diese Fähigkeiten auszuschöpfen und die Patienten bei der Auseinandersetzung mit der Krankheit zu unterstützen, bedarf es der Entwicklung psychologischer Hilfen.

Formen der psychologischen Hilfe

Psychologische Hilfen für Demenzkranke verfolgen unterschiedliche Zielsetzungen. Das kognitive Training zielt darauf ab, geistige Leistungen wie Konzentration, Aufmerksamkeit oder Gedächtnis durch regelmäßiges Üben zu verbessern. Im Gegensatz dazu ist die kognitive Rehabilitation darauf gerichtet, die Alltagsfertigkeiten trotz eingeschränkter Merk- und Konzentrationsfähigkeit aufrecht zu erhalten oder sogar zu verbessern. Die Verhaltenstherapie versucht, durch angenehme und nicht überfordernde Aktivität dem Auftreten von Depressivität, Angst, Antriebslosigkeit und Rückzug entgegen zu wirken. Behandlungsformen, die der Erinnerungstherapie nahe stehen, stärken die persönliche Identität und das Selbstwertgefühl durch die Beschäftigung mit der persönlichen Lebensgeschichte.

Kognitives Training

Übungsprogramme zu Aufmerksamkeit, Konzentration, Gedächtnis, Sprache, Rechnen oder logischem Schlussfolgern (?kognitives Training? oder ?Hirnjogging?) mit Papier und Bleistift oder am Computerbildschirm, sind zur Aufrechterhaltung der geistigen Leistungsfähigkeit für Menschen ohne Krankheitssymptome entwickelt worden. Bei Patienten im Frühstadium von Demenzerkrankungen können regelmäßige Übungen zu einer Steigerung der trainierten Leistung führen; außerdem verbessern sie das Wohlbefinden der Patienten und geben ihnen das Gefühl, selbst etwas gegen ihre Erkrankung unternehmen zu können. Leider sind aber die Wirkungen gering ausgeprägt und wirken sich nicht auf die Bewältigung von Alltagsaufgaben aus. Auch darf nicht mit anhaltenden Effekten gerechnet werden, weil das Training gegen die fortschreitende Verschlechterung der geistigen Fähigkeiten im Krankheitsverlauf ankämpfen muss.

Kognitive Rehabilitation

Das Ziel der kognitiven Rehabilitation besteht darin, die Alltagsfähigkeiten der Patienten trotz des herabgesetzten geistigen Leistungsvermögens zu verbessern oder zumindest aufrecht zu erhalten. Hierzu werden bestimmte Strategien eingesetzt wie die Aufteilung von Aufgaben in einfache Schritte, die Strukturierung der täglichen Abläufe, das Einüben von fest stehenden Verhaltensroutinen oder der systematische Einsatz von Gedächtnishilfen. Zur Wirksamkeit der kognitiven Rehabilitation bei Menschen mit leichtgradiger Demenz gibt es bisher nur wenige Untersuchungen. Sie zeigen aber, dass Verbesserungen der Alltagsfertigkeiten und der subjektiven Lebensqualität möglich sind.

Verhaltenstherapie

Ein häufig angewandtes verhaltenstherapeutisches Verfahren ist die Förderung von angenehmen Tätigkeiten, die den Betroffenen weder über- noch unterfordern. Es wird häufig ergänzt durch das Üben von sozialen Fertigkeiten, beispielsweise das Äußern von Wünschen und Bedürfnissen, das Ausdrücken von Gefühlen oder das Vertreten der eigenen Meinung. Bei Menschen mit Demenz führen diese Techniken zu einem Rückgang von Depressivität, Angst, Antriebslosigkeit und Rückzug und leisten damit einen wichtigen Beitrag zum psychischen Wohlbefinden.

Selbst-Erhaltungs-Therapie

Bei dieser Form der psychologischen Hilfe geht es vornehmlich um die Wahrung der persönlichen Identität und um die Stärkung des Selbstwertgefühls. Wichtige Arbeitsweisen sind die Erweiterung des Selbstwissens und das Schöpfen von Selbstwert aus dem Rückblick auf die eigene Biographie. Untersuchungen am Alzheimer-Therapiezentrum in Bad Aibling haben belegt, dass die Selbst-Erhaltungs-Therapie zu einer Abnahme depressiver Verstimmung und zu einer Steigerung der Alltagsbewältigung führt.

Fazit

Für Patienten im Frühstadium von Demenzerkrankungen gibt es eine Reihe von psychologischen Hilfsmöglichkeiten. Ihre Ansatzpunkte sind entweder die Schwierigkeiten der Betroffenen auf Grund ihres verminderten Leistungsvermögens oder die emotionale Bewältigung der krankheitsbedingten Verluste und Veränderungen. Das Potenzial der psychologischen Behandlungsformen wurde bisher weit weniger gründlich erforscht als das der medikamentösen Therapie. Es ist sehr zu begrüßen, dass die Bundesregierung jetzt begonnen hat, neben der Grundlagenforschung auch wissenschaftliche Vorhaben auf diesem Gebiet zu unterstützen.

Prof. Dr. Alexander Kurz
Zentrum für Kognitive Störungen, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Technische Universität München München