Aus: Alzheimer Info 4/17

In diesem November wird der Nobelpreis für Medizin für Forschung über die innere Uhr des Menschen vergeben. Was nachts im Schlaf passiert ist aber noch immer nicht aufgeklärt. Man weiß, dass zu wenig Schlaf das Leistungsvermögen am Tag mindert und langfristig körperlichen Erkrankungen Vorschub leisten kann, etwa Herz-Kreislauf-Störungen. Mehr als ein Drittel älterer Menschen und rund drei Viertel der Menschen mit Demenz leiden unter Schlafstörungen.

Ursache klären

Will man der Ursache von Schlafstörungen auf die Spur kommen, sind sowohl körperliche Erkrankungen, wie Schilddrüsenfunktionsstörungen, Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen oder auch Atemwegserkrankungen, als auch die Einnahme bestimmter Medikamente, wie beispielsweise Antibiotika, Kortison, Antidepressiva oder Schilddrüsenhormone, stets zu beachten und als Ursache auszuschließen. Auch Diuretika (Ausschwemmmittel) können infolge des erhöhten Harndrangs in der Nacht Schlafstörungen nach sich ziehen. Eine bereits bestehende Demenz muss nicht immer zugleich auch die einzig mögliche Ursache der Schlafstörungen sein.

Vorkommen und Art der Symptome

Störungen des Schlafes können in jedem Stadium einer Demenz vorkommen, in mittleren und schweren Krankheitsabschnitten treten nicht selten auch Störungen des Tag-Nacht-Rhythmus hinzu. Die wichtigsten demenzbedingten Veränderungen des Schlafes sind:

  • abendliche/nächtliche Unruhezustände („Sundowning“-Phänomen)
  • gehäufte Atemunregelmäßigkeiten
  • zunehmende Unterbrechung der gesunden Schlafphasen
  • verminderte Gesamtschlafzeit mit längeren Wachphasen und kürzeren Zeiträumen von Tiefschlafphasen
  • ansteigende Tagesmüdigkeit, gehäufte „Nickerchen“ am Tage

Eine besondere Form der Schlafstörung ist die bei Parkinson- und Lewy-Körperchen-Demenz vorkommende Schlafverhaltensstörung, die in der Traumphase (REM-Schlafphase) auftreten kann. Hierbei werden geträumte Handlungen unbewusst tatsächlich motorisch ausagiert, d.h. die oder der Betroffene wälzt sich nicht nur unruhig hin und her, sondern greift, hält fest, schlägt oder tritt. Hier besteht also eine Verletzungsgefahr für die betroffene Person selbst und für ihre Bettpartnerin oder ihren Bettpartner.

Folgen für Betroffene und Bezugspersonen

Bestehende Schlafstörungen führen bei demenzkranken Menschen zu einer Leistungsabnahme am Tag und einer Minderung des Wohlbefindens. Hinzu kommen häufig vermehrte Gereiztheit, Stimmungsschwankungen und mangelnde Kooperationsbereitschaft. Fehlhandlungen im Alltag können zunehmen, die Tagesstrukturierung wird erschwert. Auch die Anfälligkeit gegenüber Infekten wächst. Pflegende Angehörige sind den ganzen Tag gefordert, also 24 Stunden, und damit auch in der Nacht. Meist erleben sie die Schlafstörungen des Demenzkranken unmittelbar mit, da sie aufgesucht, um Hilfe gebeten werden oder weil auftretende Geräusche sie am Weiterschlafen hindern und in der Nacht mögliche Gefährdungsmomente für den Kranken überprüft werden müssen. Das damit für die Bezugsperson allmählich entstehende Schlafdefizit führt bei der Mehrzahl der Pflegenden am Tage zu Ruhelosigkeit, Reizbarkeit, Erschöpfung, Müdigkeit und Verschlechterung eigener körperlicher Erkrankungen. Wenn diese Situation lange andauert, greifen manche von ihnen selbst zu Schlafmitteln – mitunter nicht ohne Risiko für die eigene Gesundheit.

Nichtmedikamentöse Behandlungsmaßnahmen

Unabhängig vom Vorhandensein körperlicher oder psychischer Erkrankungen sollten für alle von Schlafstörungen Betroffenen die bewährten Regeln der Schlafhygiene gelten:

  • Meiden von Genussmitteln (zum Beispiel Alkohol, Kaffee) am Nachmittag
  • Keine Schlafphasen am Tag (allenfalls kurzer (30 min) Mittagsschlaf)
  • Keine körperlich schweren Arbeiten am Nachmittag
  • Keine großen Mahlzeiten abends
  • Regelmäßige Schlafens- und Aufstehzeit
  • Vermeiden langer Liegezeiten im Bett ohne zu schlafen
  • Angenehme und schlaffördernde Umgebung

Die Umsetzung dieser Regeln für Menschen mit Demenz soll an einigen Beispielen erläutert werden. Zunächst ist ein gleichmäßiger und stabiler Tagesrhythmus zu empfehlen mit

  • Verlässlichen Mahlzeiten
  • Zeitlich angepasstem Flüssigkeitsangebot von etwa 1,5 – 2 Liter Wasser bis zum frühen Abend, nicht bis kurz vor der Bettruhe, um nächtlichen Harndrang zu vermeiden
  • Ausreichenden sozialen Kontakten mit geistiger Anregung und Austausch mit anderen Menschen
  • Einer nach Möglichkeit täglichen körperlichen Aktivierung über 20-30 Minuten.

Für demenzkranke Menschen sind zudem klare Abgrenzungen von Hell-Dunkel-Phasen wichtig. In der dunkleren Jahreszeit bedeutet dies eine Sicherstellung von rund 300-500 Lux in den meisten Stunden des Tages (Beratung in jedem Leuchtmittelfachgeschäft), ferner eine Aktivitätsphase am Tag im Freien, wo selbst in Wintertagen noch eine Lichtstärke von bis zu 3.000 Lux gemessen wird. Für die Dunkelphase der Nacht sind schwach leuchtende Steckdosenlichter empfehlenswert, damit Betroffene im Falle des Erwachens ihre Orientierung behalten. Abends können warme Getränke zur Unterstützung der aufkommenden Müdigkeit gereicht werden, etwa, sofern verträglich, warme Milch (Achtung: mögliche Verschleimung im Hals) mit Honig oder auch Tee (Inhaltsstoffe zum Beispiel Melisse, Fenchel, Hopfen, Baldrianwurzel). Manche Menschen mit Demenz reagieren entgegen der allgemeinen Empfehlungen für ältere Menschen mitunter auch positiv auf koffeinhaltigen Kaffee vor der Nachtruhe. Bei der Schaffung einer schlaffördernden Umgebung ist bei älteren Menschen die Absenkung der sogenannten „akustischen Weckschwelle“ zu beachten. Damit ist eine höhere Empfindlichkeit im Schlaf gegenüber selbst leiseren Geräuschen gemeint. Im einfachsten Fall können Ohrstöpsel hier rasch Abhilfe schaffen.

Medikamentöse Behandlungsmaßnahmen

Der Nutzen der aufgeführten Regeln zur Schlafförderung ist belegt, allerdings bei demenzbedingten Störungen des Schlafes oftmals nicht ausreichend. Dann sind in Absprache mit Haus- oder Fachärztin bzw. Facharzt geeignete medikamentöse Maßnahmen zu ergreifen. Diese sollten beim Arztbesuch erfragt werden. Zu den möglichen Medikamentengruppen, die bei Schlafstörungen von Demenzkranken mit stets möglichst niedriger Dosierung zum Einsatz kommen können, sofern die nichtmedikamentösen Maßnahmen unwirksam oder zu wenig erfolgreich sind, gehören:

  • Antidementiva mit sog. cholinerger Wirkung: In der Regel besteht neben dem Kerneffekt einer Stabilisierung der kognitiven Einbußen eine regulierende und verbessernde, aber in der Stärke begrenzte Wirkung auf den Schlaf, die sich erst nach Wochen einstellt. Bei Alzheimer-Demenz zugelassen: Donepezil, Galantamin, Rivastigmin. Letzteres ist auch bei Parkinson-Demenz zugelassen.
  • Antidepressiva: Einige Substanzen haben eine schlaffördernde, rasch eintretende Wirkung, wie Mirtazapin oder Trazodon; andere Substanzen, wie Doxepin, Trimipramin oder Amitriptylin, haben ähnliche Effekte, jedoch zusätzlich unerwünschte Wirkungen auf die Erregungsleitung am Herzen und auf die Kreislaufstabilität.
  • Neuroleptika: Risperidon fördert die Tageswachheit und damit indirekt den Schlaf, sollte aber wegen möglicher motorischer Bewegungseinschränkungen nur sehr behutsam dosiert werden; Dipiperon oder Quetiapin fördern direkt den Schlaf über ihre entspannenden und beruhigenden Effekte, können aber am Vormittag einen Überhang mit Mattigkeit, niedrigem Blutdruck oder etwa Benommenheit nach sich ziehen.
  • Schlafmittel (Benzodiazepine): Sie sind für eine gelegentliche Bedarfsgabe oft sehr hilfreich (zum Beispiel Zolpidem, Zopiclon bei Einschlafstörungen), bringen aber zu hohe Risiken für eine dauerhafte Therapie mit. Nach rund 3-4 Wochen regelmäßiger Einnahme treten häufig Tagesmüdigkeit, Koordinationsstörungen, Muskelschwäche und Sturzgefahr auf; daher ist die Indikation für die Verordnung eines Schlafmittels grundsätzlich sehr genau abzuwägen.

Pflanzliche Mittel für den Schlaf, die meist verschiedene beruhigende Substanzen kombinieren, wie etwa Neurexan oder Sedariston, können im Einzelfall durchaus hilfreich sein, ihre Wirkung ist aber im Allgemeinen schwach. Bei gesunden älteren Menschen mit Schlafstörungen wird häufig Melatonin eingesetzt. Nach der aktuellen Studienlage wirkt Melatonin bei Menschen mit Demenz allerdings nicht.

Priv.-Doz. Dr. Martin Haupt, Neuro-Centrum Düsseldorf;
Lehrpraxis der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

E-Mail: m.haupt[at]alzheimer-praxis-duesseldorf.de 

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