Aus: Alzheimer Info 1/17

Das Stadtdomizil ist eine Altenpflegeeinrichtung in Hamburg Altona mit 200 Plätzen und einem pflegerischen Schwerpunkt für Menschen mit Demenz. Insgesamt 115 demenzkranke Bewohnerinnen und Bewohner leben dort verteilt auf fünf Wohnbereiche. Es gibt eine Demenz-WG und eine Pflegeoase. Seit 2013 bewirtschaftet die Einrichtung mit ihren Bewohnern einen Kleingarten.
Im Interview mit dem Alzheimer Info erklärt Pflegedienstleiter Holger Carstensen, wie der Garten dafür sorgt, dass die demenzkranken Bewohner wacher und aktiver sind.

Woher kam die Idee, einen Kleingarten zu pachten?

Holger Carstensen: Das Leben in einer stationären Einrichtung hat für Menschen mit Demenz Nachteile: Sie haben wenig Bewegung, wenig Abwechslung und kommen selten an die frische Luft. Menschen mit Demenz verkümmern in so einem Umfeld schnell. Wir machen viele Spaziergänge im Stadtteil, auch mal einen Ausflug ins Theater oder ins Museum. Aber wir wollten ein dauerhaftes Angebot schaffen, an dem möglichst viele Bewohner teilnehmen können.

Wie oft geht es in den Garten?

In den Sommermonaten, von April bis Oktober fahren wir unter der Woche jeden Tag in den Garten. Nur bei durchgängig schlechtem Wetter machen wir eine Ausnahme. Wir haben fünf Wohnbereiche und jeden Tag der Woche ist ein anderer Wohnbereich dran. Welche Bewohner mitfahren, entscheiden wir meist nach dem Frühstück – je nach Tagesform.

Bis alle vom Hof kommen, ist es meist 10 Uhr. Wir haben zwei Kleinbusse, mit denen wir in den Garten fahren können. Bis zu 15 Bewohner können mit, abhängig von der Anzahl der Rollstuhlfahrer, in Begleitung von 3-4 Mitarbeitern. Manche Bewohner wissen schon, dass es in den Garten geht und fahren gern mit, andere muss man überzeugen. Zwei Bewohner möchten jeden Tag in den Garten und stehen schon früh zur Abfahrt parat.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter planen die Tage der Gruppe und dem Wetter entsprechend. Sie können Essen aus dem Stadtdomizil mitnehmen. Es gibt aber auch einen Grill und eine Küche in der Gartenlaube. Es kann also im Garten gekocht werden. Die Bewohner können helfen, das Essen vorzubereiten, sie können in der Sonne sitzen, einen Spaziergang machen oder im Garten arbeiten.

Was ist im Garten zu tun?

Wir haben Blumen, Gemüse und ein Treibhaus. Es gibt viele Bewohner, die sich gut an Gartenarbeit erinnern und gern etwas tun. Der Garten wirkt auf sie wie eine Aufforderung, aktiv zu werden. Das gilt auch für Bewohner, die wegen ihrer Demenz sonst zu allem angeleitet werden müssen: Ein Mann sieht den Besen an der Hausecke stehen und fängt an, den Weg zu kehren. Andere sehen eine Reihe Gemüse und wissen genau: Jetzt muss der Boden gehackt werden. Das ist besser als jedes Beschäftigungsangebot, das wir in der Einrichtung machen können.

Bisher ist dieses Projekt eine echte Ausnahme. Sie gehen davon aus, dass Sie eine von zwei Einrichtungen mit Kleingarten in Deutschland sind. Warum ist das so?

Ein Kleingarten muss von einer einzelnen juristischen Privatperson gepachtet werden. Eine Einrichtung, zum Beispiel eine gGmbH kann deshalb nicht als Pächterin auftreten. Zum Glück hat sich unsere Chefin bereit erklärt, den Garten persönlich zu pachten. Ich weiß nicht, wie viele Leitungskräfte dazu bereit sind. Außerdem hat die Geschäftsführung der Frank Wagner Holding, zu der wir gehören, Geld in die Hand genommen und in den Garten investiert. Die Gartenlaube musste abbezahlt und renoviert werden, wir haben Gerätschaften gekauft und ein neues Auto, um die Bewohner in den Garten zu fahren.

Aber auch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter engagieren sich sehr für den Garten. In jedem Wohnbereich ist eine Person Gartenbeauftragte. Die treffen sich auch außerhalb der Arbeitszeit im Garten und erledigen die schweren Arbeiten, zum Beispiel Beete anlegen, den Kompost umsetzen oder den Garten winterfest machen.

Wie haben die Nachbarn im Kleingartenverein reagiert?

Wir sind sehr freundlich aufgenommen worden. Der Gartenvorstand hat uns nicht als Problem, sondern als Bereicherung gesehen. Unsere Mitpächter waren von dem Projekt so begeistert, dass sie uns angeboten haben, ein Stück Land gegenüber von unserem Garten zusätzlich unentgeltlich zu nutzen.

Zu unseren Nachbarinnen und Nachbarn haben wir guten Kontakt: Man leiht sich Werkzeug, fachsimpelt gemeinsam über das Gemüse – ganz normal. Unser Garten ist sehr gepflegt und wir tun viel für die Allgemeinheit. Zum Beispiel mähen wir die Vereinswiese. Das tun die beiden Bewohner, die jeden Tag im Garten sind. Beide sind körperlich fit und sehr aktiv. Zweimal im Jahr feiern wir ein großes Gartenfest und laden auch unsere Nachbarn ein. Die sagen: „Wenn ich mal ins Heim muss, will ich zu Euch, dann komme ich wieder in den Garten.“

Sehen Sie eine Veränderung bei den Bewohnern mit Demenz durch den Garten?

Ziel des Gartenprojektes ist, dass unsere Bewohner draußen sind und schöne Tage erleben. Aber wir sehen ganz deutlich eine positive Wirkung: Die Bewohner, die viel im Garten sind, haben mehr Appetit und schlafen besser. Der Garten ist ein überschaubarer Ort, an dem sie sich wohl fühlen, mit anderen in Kontakt sind und sich bewegen. Dadurch sind sie wacher, aktiver und zufriedener. Die Beziehungen untereinander und zu den Mitarbeitern werden intensiver. Wir sehen auch Verbesserungen bei Alltagsfähigkeiten, Bewegung, Gleichgewichtssinn, Sprache und Merkfähigkeit. Seit wir den Garten haben, geben wir insgesamt weniger Psychopharmaka und Schlaftabletten.

Wir möchten, dass unsere Bewohner nicht nur herumsitzen und vor sich hindämmern. Menschen mit Demenz brauchen Anregung, damit sie nicht früher als nötig in eine schwere Demenz rutschen. Ich denke, viele stationäre Einrichtungen könnten hier mehr tun. Ich freue mich immer, wenn ich bei uns zur Tür rein komme und sehe, wie braun gebrannt und wach unsere Bewohner sind.

Das Interview führte
Astrid Lärm
Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. Selbsthilfe Demenz, Berlin

 

Kontakt:
Stadtdomizil Altenpflege-Zentrum GmbH
Tel: 040 - 432 81 0
www.stadtdomizil.com