Aus: Alzheimer Info 01/2002

Schützt geistige Aktivität vor Alzheimer?

Viele ältere Menschen versuchen, sich durch regelmäßige Aktivität geistig fit zu halten. Dahinter steckt auch die Hoffnung, dass ein "Training" die Widerstandsfähigkeit des Gehirns gegen Alterskrankheiten erhöht, sei es durch die Verbesserung gedanklicher Strategien oder durch die Optimierung der Verschaltung von Nervenzellen.

Bisher gibt es für eine derartige Wirkung des "Hirnjoggings" aber keinen Beweis. Einigermaßen klar ist, dass es zur Steigerung der Leistungsfähigkeit des Gedächtnisses bei Patienten mit Alzheimer-Krankheit nur sehr wenig und vor allem nichts Dauerhaftes beiträgt. Diese Erfahrungen sprechen nicht dagegen, dass geistige Aktivität, über einen längeren Zeitraum ausgeübt, einen schützenden Effekt haben könnte.

Allerdings ist die Frage, ob kognitive Regsamkeit oder auch die Ausbildung in Schule und Beruf eine Vorbeugung gegen die Demenz darstellt, ein heißes Eisen. Ließe sich der Zusammenhang nachweisen, könnte er die Grundlage für den Versuch sein, durch bevölkerungsweite und lebenslange Übungsprogramme langfristig die Zahl der Demenzkranken zu reduzieren. Andererseits aber wird befürchtet, man könnte daraus den Vorwurf ableiten, die Betroffenen seien selbst an ihrer Krankheit schuld, weil sie sich nicht genügend angestrengt hätten. Natürlich ist dieser Vorwurf in keinem Fall gerechtfertigt, weil die Entstehung der Alzheimer-Krankheit im Alter von sehr vielen Umständen abhängt. Im Vergleich beispielsweise zu genetischen Risikofaktoren können geistige Aktivität oder Ausbildung nur einen sehr schwachen Effekt haben. Aus diesem Grund untersucht man diese Einflüsse an Personengruppen, die im Hinblick auf andere Risiken, beispielsweise in der individuellen Lebensführung, möglichst weitgehend übereinstimmen. Dazu gehören Mitglieder geistlicher Orden.

Im Rahmen der "Religious Order Study" wurde die Frage des präventiven Effekts geistiger Aktivität an 801 Schwestern und Brüdern aus mehreren katholischen Orden untersucht (1). Die Teilnehmer mussten 65 Jahre oder älter sein und durften bei Studienbeginn nicht an einer Demenz leiden. Nachuntersuchungen fanden in jährlichen Abständen über einen mittleren Zeitraum von viereinhalb Jahren statt. Dabei wurde jeweils eine aufwendige Testanordnung eingesetzt.

Die geistige Regsamkeit der Teilnehmer wurde bei Studienbeginn mit einem Fragebogen erhoben. Er erfasste 7 Tätigkeiten, die mit Informationsverarbeitung verbunden sind. Dazu gehören Fernsehen, Radio hören, Lesen von Zeitungen, Zeitschriften oder Büchern, Kartenspielen, Schach spielen, Kreuzworträtsel lösen und Museen besuchen. Für die Häufigkeit dieser Aktivitäten wurden Punkte vergeben (täglich: 5 Punkte, mehrmals wöchentlich: 4 Punkte, mehrmals monatlich: 3 Punkte, mehrmals jährlich: 2 Punkte, einmal im Jahr oder seltener: 1 Punkt). Aus den einzelnen Bewertungen wurde ein Mittelwert gebildet. Die Teilnehmer wurden auch nach ihrer körperlichen Aktivität befragt. Dazu zählten Spazierengehen, Gartenarbeiten, gymnastische Übungen, Fahrradfahren und Schwimmen. Es wurde ermittelt, wie viel Zeit die Probanden für diese Tätigkeiten pro Woche aufwendeten.

Drei Jahre nach dem Beginn der Studie war in 111 Fällen die Diagnose einer Alzheimer-Krankheit gestellt worden. Die neu erkrankten Teilnehmer hatten bei Studienbeginn eine geringere Häufigkeit von geistiger Aktivität angegeben als diejenigen, die gesund geblieben waren. Allerdings hatten sie auch deutlich schlechtere Ergebnisse in den Eingangstests erzielt. Daraus wird der Schluss gezogen, dass eine häufigere geistige Aktivität mit einem verminderten Risiko für das Auftreten der Alzheimer-Krankheit verknüpft ist. Dieser Zusammenhang bestand auch dann, wenn diejenigen Teilnehmer ausgeschlossen wurden, die bei Studienbeginn eine besonders niedrige Gedächtnisleistung aufgewiesen hatten, also möglicherweise bereits Symptome der Alzheimer-Krankheit zeigten. Keine Beziehung bestand dagegen zwischen der körperlichen Aktivität und dem Auftreten der Alzheimer-Krankheit.

Die Autoren hüten sich vor der Behauptung, dass eine höhere kognitive Aktivität vor dem Auftreten der Alzheimer-Krankheit schützt. Sie räumen als alternative Erklärung ein, dass die geringere geistige Regsamkeit der später Erkrankten bereits ein Frühsymptom gewesen sein könnte. Für diese Interpretation spricht vor allem die relativ kurze Dauer der Studie. Aus Längsschnittuntersuchungen ist bekannt, dass bei der Alzheimer-Krankheit die erste in Tests messbare Minderung der kognitiven Leistungsfähigkeit schon 5 bis 7 Jahre vor der klinischen Diagnose nachgewiesen werden kann (2),(3). Vor diesem Hintergrund ist wahrscheinlich, dass die geringere kognitive Aktivität bei Studienbeginn eine Folge der bereits bestehenden und nicht ein begünstigender Umstand der später entstehenden Alzheimer-Krankheit war. Als ein erheblicher methodischer Mangel der Untersuchung muss es angesehen werden, dass die Ergebnisse in den Eingangstests nicht in die Analyse aufgenommen wurden.

Eigenartig mutet an, dass in dieser Studie auch Fernsehen und Radiohören als Anzeichen für geistige Regsamkeit galten. In anderen Studien gelten diese Tätigkeiten als Anhaltspunkte für einen passiven Lebensstil und standen vielfach in Beziehung zu einem erhöhten Risiko.

Im Unterschied zu den unkritischen Meldungen in der Tagespresse lässt sich also aus den Ergebnissen dieser Studie nicht ableiten, dass Puzzles gegen Alzheimer helfen. Auch müssen sich die Patienten nicht den Vorwurf gefallen lassen, sie seien zu untätig gewesen.

Prof. Dr. Alexander Kurz, München

Forschungsberichte:
(1) R. S. Wilson et al.: Participation in cognitively stimulating activities and risk of incident Alzheimer disease. JAMA 287: 742­748, 2002
(2) R. T. Linn et al.: The "preclinical phase" of probable Alzheimer´s disease. A 13­year prospective study of the Framingham cohort. Arch Neurol 52: 485­490, 1995
(3) N C Fox et al: Presymptomatic cognitive deficits in individuals at risk of familial Alzheimer?s disease. A longitudinal prospective study. Brain 121: 1631­1639, 1998

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