Aus: Alzheimer Info 3/15

Die Arbeit der ambulant betreuten Wohngemeinschaften ist in den Bundesländern sehr unterschiedlich geregelt. Hier erklärt Ulrike Petersen, Leiterin der Hamburger Koordinationsstelle für Wohn-Pflege-Gemeinschaften, die Regelungen im Rahmen des Hamburgischen Wohn- und Betreuungsqualitätsgesetzes.

Welche Rolle spielen die Angehörigen in den „Wohn-Pflege-Gemeinschaften in Selbstverantwortung“?

Ulrike Petersen: In den selbstorganisierten WGs gestalten die Mieter bzw. deren Angehörige als rechtliche Vertreter das Leben in der WG – nicht der Pflegedienst. Sie wählen den ambulanten Pflegedienst aus und entscheiden über die Aufteilung und Gestaltung der Räume. Sie befinden auch darüber, wer einzieht oder wann jemand ausscheidet.

Eine WG ist ein anspruchsvolles Unternehmen. Da kommen vielfältige Aufgaben auf die Angehörigen zu.

Ja. Ich kenne keine WG in Hamburg, die allein von Angehörigen gegründet wurde. Alle haben Beratung, Begleitung und fachliche Unterstützung in Anspruch genommen. Bei der Beratung versuchen wir erstmal, verständlich zu machen, dass eine WG kein Heim ist. Vielmehr ist es eine kleine Gemeinschaft, in der die Mieter bzw. deren Angehörige den Hut aufhaben und Mitverantwortung tragen. Die Angehörigen müssen wissen, was auf sie zukommt, und überlegen, ob es das richtige Wohnkonzept ist, ob sie bereit sind, Zeit und Kraft einzubringen.

Wer sind die Angehörigen?

Meist sind es die erwachsenen Kinder, Töchter oder Söhne. Sie sind überwiegend berufstätig, haben eigene Familien und wenig Zeit. Wenn es Ehepartner sind, sind sie oft im fortgeschrittenen Alter und eventuell gesundheitlich beeinträchtigt. Wenn es keine Angehörigen gibt, sind Berufsbetreuer zuständig, die in der Regel nicht die Zeit haben, um im Angehörigengremium oder sonstigen WG-Aktivitäten mitzuwirken.

Wie werden WGs in Hamburg unterstützt?

Nach meiner Erfahrung funktioniert es nur dann gut, wenn die Angehörigen sich engagieren und wenn es schon beim Aufbau der WG Begleitung, Beratung, Moderation von außen gibt. Keine Abschottung, sondern verbunden mit bürgerschaftlichem Engagement.

In Hamburg gibt es eine gute Zusammenarbeit der Wohngemeinschaften mit unserer Koordinationsstelle, der Alzheimer Gesellschaft Hamburg, die ehrenamtlich tätige „WG-Begleiter“ und „Wohnpaten“ ausbildet, und der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz.

Die „WG-Begleiter“ unterstützen beim Aufbau der WG, bei den Treffen der Angehörigen und vermitteln, wenn es z.B. Unzufriedenheit mit dem Pflegedienst oder Meinungsverschiedenheiten unter den Angehörigen gibt. Die „Wohn-Paten“ begleiten jeweils einen Mieter, wenn er oder sie keine Angehörigen hat, die das übernehmen können. Um zukünftig noch mehr Freiwillige zu gewinnen, haben wir 2015 die neue „Fachstelle für Bürgerschaftliches Engagement in Wohn- und Versorgungsformen“ gestartet, die wir in Kooperation mit der Alzheimer Gesellschaft Hamburg umsetzen.

Gibt es Kontakte der WGs untereinander?

Ja, unsere Koordinationsstelle organisiert vierteljährliche Treffen, zu denen die WG-Angehörigensprecher und WG-Begleiter kommen, um sich über Erfahrungen, Probleme und Lösungen auszutauschen. Das sind immer sehr lebendige Treffen.

Bitte fassen Sie abschließend noch kurz zusammen: Worauf kommt es an, damit das Leben in einer Wohn- und Pflegegemeinschaft so gut wie möglich gelingt?

Entscheidend ist für ein gedeihliches Miteinander, dass Angehörige, Pflegedienst und Vermieter vertrauensvoll miteinander kommunizieren.

Vielen Dank für die Erläuterung der Regelungen und der Praxis in Hamburg!

Das Interview führte
Hans-Jürgen Freter
Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. Selbsthilfe Demenz, Berlin