Aus: Alzheimer Info 1/13

Immer wieder taucht es auf, dieses Thema der besonders schwierigen herausfordernden Verhaltensweisen Demenzkranker. Ich setzte eine These dagegen: Nur ein sehr geringer Anteil der Betroffenen zeigt solche Verhaltensweisen! Und auch dafür gibt es Ursachen, die meist in ungünstigen Rahmenbedingungen für das Leben der Betroffenen zu suchen sind.

So ist grundsätzlich festzustellen, dass Demenzkranke mit einem herausfordernden Verhalten einen Ort zum Leben brauchen, an dem sie auch leben können.

  • Nicht ein freier Pflegeplatz ist zu belegen, sondern der Betroffene mit seinem Verhalten ist dort willkommen und kann dieses ausleben.
  • An diesem Ort weiß man konzeptionell, was Demenz für ein Krankheitsbild ist und wie man damit umgehen kann.
  • Die dort Arbeitenden haben die Bedingungen, das Wissen und die menschlichen Voraussetzungen, um mit dem Betroffenen leben zu können.

Entscheidender ist: Diese theoretisch klingenden Aussagen müssen täglich mit Leben erfüllt werden, mit Optimismus, Freude, Kreativität, Phantasie – aber auch mit dem Setzen von Grenzen, einem Selbstschutz, um nicht auszubrennen.

Immer wieder stellt sich die Frage, was überhaupt herausforderndes Verhalten ist. In dem einen Heim ist Unruhe ein herausforderndes Verhalten, im anderen wird die gleiche Unruhe als normale Lebensäußerung des Betroffenen angesehen.

Fallbeispiel 1:

Eine Tochter sucht uns ständig auf und bittet, dass ihre Mutter aus einem wunderschönen Einzelzimmer eines optisch tollen Heimes zu uns umziehen darf – in ein Dreibettzimmer. Das Problem: Die Mutter ruft ununterbrochen „Hallo!“. In der Gemeinschaft ist dies nicht zu ertragen, bei Separierung im Einzelzimmer verstärkt sich das Rufen – stört dann aber nicht mehr! Das ist für die Tochter keine Lösung.

Nach dem Umzug ertragen wir das „Hallorufen“, führen einen ständigen Wechsel von kurzen Gemeinschaftsaufenthalten durch, bis der (verständliche) Unmut anderer Bewohner aufkommt und wir Einzelbetreuung durchführen. Vielleicht hatten wir nur Glück – aber nach vier Wochen wird das „Hallo!“ deutlich weniger, nach drei Monaten ist es verschwunden.

Das ist auch noch heute so. Die Bewohnerin ist praktisch nie allein, sie muss nicht auf sich aufmerksam machen, vielleicht sind Ängste zurückgegangen. Eine sinnhafte Kommunikation mit ihr ist dazu nicht möglich. Und doch entdecken wir – Tochter und Mitarbeiter gemeinsam – in ihrer sehr fortgeschrittenen Demenz noch vorhandene und zu reaktivierende kognitive Fähigkeiten. Das Ergänzen von Sprichwörtern und Liedertexten klappt hervorragend – man muss sich ihr nur widmen.

Fallbeispiel 2:

Eine bei uns lebende Bewohnerin entwickelt ein Rufen. Sie gibt ständig lautstark unflätige Ausdrücke von sich. Die individuelle Zuwendung und validierende Versuche bringen nur für Sekunden eine Beruhigung. Die Fallbesprechungen mit Tochter, Neurologen und Mitarbeitern enden mit drei Maßnahmen: Versuch einer medikamentösen Umstellung – wie immer mit dem Ziel, keine umhauende Sedierung durchzuführen; andere Bewohner schützen; Mitarbeiter müssen das aushalten. Doch die Medikamentenumstellung bringt nichts. Wir müssen die Bewohnerin separieren.

Die Tochter ist oft anwesend, sie leidet auch sehr unter dem Verhalten ihrer Mutter, da dies früher in keiner Weise ihre Art war. Beim Einsatz des Snoezelenwagens gelingt ihr mit Lavendelduft ein Erfolg – für etwa eine Stunde tritt Ruhe ein. Alle atmen auf.

Die Bewohnerin stirbt nach eineinhalb Jahren – bis zuletzt bei wenig Atem immer wieder ihre Schimpfworte wiederholend. Zuletzt hatten sich alle daran gewöhnt, das herausfordernde Verhalten war keines mehr – es war vielmehr Bestandteil unseres Lebens. Also Ansichtssache!

Dieses zu Hause ununterbrochen zu ertragen wäre unmöglich. Auch bei uns ist solches Verhalten extrem anstrengend – aber lernend und akzeptierend doch zu ertragen. Wir können uns schützen, indem wir uns ablösen. Jeder bekommt seine „Dosis“, der eine kann besser damit umgehen und mehr ertragen, der andere hat schneller seine Grenzen erreicht und muss sich zurückziehen, um z. B. nicht aggressiv zu werden. Aber das ist wieder ein anderes Thema, dem man sich in diesem Zusammenhang widmen muss.

Andreas Rath
Gerontopsychiatrisches Seniorenheim Splitt-Fennert / Tagespflegestätte Haus Tannenbergallee, Berlin