Aus: Alzheimer Info 2/02

"Dementia Care Mapping" (DCM), zu Deutsch "Abbildungen der Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz", wurde in England mit dem Ziel entwickelt, Menschen mit Demenz eine eigene Stimme zu geben und ihrem Erleben und Empfinden eine zentrale Rolle in der Qualitätsbeurteilung zuzumessen. Dazu verfasste Susanna Re in Alzheimer Info 4/2001 einen Artikel, zu dem ich Stellung beziehen möchte:

1. Eine gute Pflege und Betreuung führt sehr oft dazu, dass Menschen mit Demenz relativ zufrieden leben können.

Orientierung an Lebensgeschichte, Körperkontakt und Wertschätzung zusammen mit einer zulassenden, suchenden Grundhaltung unterstützen Menschen mit Demenz, sich selbst als Person zu erfahren. Ob dies gelingt oder nicht, ist am relativen Wohlbefinden einer Gruppe von Menschen mit Demenz über einen Tag hinweg durchaus beobachtbar. Dies wäre an zahllosen Fallgeschichten mühelos zu illustrieren: Alleingelassene, "verlassene" Damen in einem Aufenthaltsraum im Rollstuhl sitzend, ausdruckslos auf den Boden starrend, dem Geplärr eines Radios wehrlos ausgesetzt - ­es bedarf keiner umfassenden Studien, um plausibel anzunehmen, dass es diesen Personen nicht gut geht und ihre Verfassung Ausdruck massiver Vernachlässigung und damit schlechter Pflege (nicht schlechter MitarbeiterInnen!) ist.

Strukturen und Milieubedingungen dagegen sind weder hinreichende noch notwendige Bedingung für gute Pflege und Betreuung: Unter armseligsten Umständen wird oft vorzügliche Beziehungsarbeit geleistet. Wohlbefinden bildet das hinreichende und notwendige Schlüsselkriterium und ist in erster Linie abhängig von der Haltung, der Beziehungs­- und Kommunikationsfähigkeit des sich "kümmernden" Umfelds, nicht von den "harten", leicht messbaren Faktoren. "Wohlergehen", nicht kognitive Fähigkeiten oder Abnahme von "Problemverhalten" bildet das entscheidende Ergebnismaß und erfüllt am besten die gegenwärtigen psychosozialen Verständnismodelle zur Thema Demenz.

2. Psychologische Begriffe wie "Wohlergehen" unterliegen einer komplexen Logik

Das Wohlergehen anderer ist ein Zustand, der nur über Intuition und Empathie zugänglich wird. Einfühlungsvermögen auf dem Boden einer gründlichen Ausbildung, möglichst in Abgleich mit anderen Personen, bildet den angemessenen Erkenntnisweg. Das Dementia Care Mapping­-Verfahren rechnet mit den intuitiven und empathischen Kompetenzen von professionellen "Kümmerern".

In der Regel haben wir als soziale Wesen eine relativ sichere Intuition für das Wohlergehen anderer. Empathie und Affektansteckung beruhen auf Bewegungsimitation, also dem Hineinfühlen in die eigene motorische Nachahmung des wahrgenommenen Gegenübers (Körner 1998). Ein Mensch mit Demenz kann zudem ab einem bestimmten Schweregrad nicht mehr versuchen, anders zu erscheinen, als es ihm/ihr geht. Intuition und Empathie sind erlernbar und werden im DCM­Instrument stark vereinfacht. In zunehmendem Maße finden Materialien zur nonverbalen Kommunikation und Körpersprache Eingang in das Training. Sehr detaillierte Beispiele im Handbuch sowie Rollenspiele geben Gelegenheit, sich mit der 6­stufigen Skala des Wohlergehens (die sich auf +3,+1,­-1,­-3 reduziert) vertraut zu machen. In der Beobachtung muss immer wieder neu erspürt werden, wie die individuelle affektive Ausgangslage (+1) der beobachteten Person beschaffen ist (Lawton 2000).

Einschätzungen des Wohlergehens sind notwendigerweise subjektiv, nicht aber willkürlich oder nicht nachvollziehbar. Entgegen der Darstellung von Frau Re erfolgt die DCM­-Schulung mit weltweit einheitlichem Schulungsmaterial und gibt Verfahren vor, um die Übereinstimmung in der Einschätzung verschiedener Beobachter zu objektivieren. Ein Beurteilungsverfahren stellt sicher, dass die Grundlagen des Verfahrens verstanden werden.

3. Dementia Care Mapping leidet unter einem nicht immer sorgfältig genug vermiedenen Missverständnis.

Es geht in der DCM-­Methode um die Auseinandersetzung des Betreuungsteams mit dem begründeten, aber subjektiven Blick und Standpunkt eines geschulten Beobachters, der mindestens einen Tag lang versucht hat, "in den Schuhen" von Menschen mit Demenz eines Bereiches zu gehen. Erst die Rückmeldung im Team bestätigt oder widerlegt die Beobachtungen, indem es sich diese aneignet oder zurückweist. Die beobachtete Realität entsteht durch Konsens über zentrale Wahrnehmungen. In diesem Verständnis zielt das Verfahren im Kern darauf, vertiefende Fragestellungen für die professionelle Arbeit an Menschen zu entwickeln und die Praxis zu verbessern. DCM ist eine der Supervision vergleichbare Methode der Teamentwicklung.

4. Die von Frau Re beklagten unscharfen Definitionen zentraler Begriffe kann ich nicht nachvollziehen.

In den Veröffentlichungen Kitwoods ­- besonders seinen Aufsätzen ­- werden sie umfassend beschrieben und mit zahllosen Beispielen illustriert.

5. Es ist nahe liegend, Instrumente aus dem angelsächsischen Bereich zu übernehmen

Nachdem ich 1997 in das Verfahren eingeführt worden war, habe ich in mehreren Schreiben forschende Personen und Institutionen in Deutschland gebeten, sich mit dem Verfahren wissenschaftlich auseinander zu setzen. Bis heute ist nicht eine fundierte empirische, wissenschaftliche Untersuchung vorgenommen worden. Während im angelsächsischen Sprachraum ein umfassender Bestand an Assessment­- und Evaluationsverfahren im Pflege­- und Betreuungsbereich entwickelt wurde, ist im deutschsprachigem Raum nicht ein einziges, praktisches, relevantes und leicht erlernbares Instrument zur Einschätzung des Wohlbefindens von Menschen mit Demenz auf die Beine gestellt worden. Daher ist es nahe liegend, nicht auf die deutsche Wissenschaft zu warten, sondern Instrumente aus dem angelsächsischen Bereich zu übernehmen, in der Hoffnung, dass sie hier fort­-, weiter-­ bzw. neu entwickelt werden. Dies zu tun, wäre eine zentrale Aufgabe der Pflegewissenschaft und Gerontologie.

Christian Müller­-Hergl
Approved DCM­-Trainer, Dortmund