Aus: Alzheimer Info 1/11

Stress – ein ständiger Begleiter im Alltag pflegender Angehöriger

Wer die Betreuung und Pflege eines Demenzkranken übernimmt hat meist die Vorstellung, bei körperlichen Beschwerden Unterstützung zu leisten, im Haushalt zu helfen und für das Essen zu sorgen. Auf die besonderen Anforderungen aufgrund einer Demenzerkrankung sind die Pflegenden in der Regel nicht vorbereitet. Am Alzheimer-Telefon der Deutschen Alzheimer Gesellschaft erzählen sie davon: „Am meisten belastet mich, dass mein Mann immer meine Nähe sucht. Kaum dass ich aus der Türe gehe, ruft er schon nach mir.“

Wenn das Gedächtnis nicht mehr funktioniert, Orientierungsstörungen und Veränderungen der Persönlichkeit hinzu kommen, kann der Alltag schnell aus den Fugen geraten. Eingespielte Tätigkeiten und Abläufe müssen neu organisiert werden. Eine andere Angehörige sagt: „Mein Mann war früher Elektriker. Er konnte alles. Wenn ich ihm heute sage, er soll die Glühbirne wechseln, verzweifelt er daran. Es stimmt mich traurig, mit anzusehen, was aus ihm geworden ist.“ Die Forschung hat herausgefunden, dass pflegende Angehörige von demenziell erkrankten Menschen stärker unter Stress und Depressionen leiden als andere Pflegende.

Was ist Stress?

Zum besseren Verständnis des Belastungserlebens wird vielfach das Stressmodell des Psychologen Richard Lazarus (1981) herangezogen. Er geht davon aus, dass Stress die Folge einer wechselseitigen Beziehung zwischen der Person und externen Ereignissen (z. B. in der Pflege) oder zwischen der Person und inneren Anforderungen (z. B. Ziele, Werte, Aufgaben) ist. Stress entsteht dann, wenn die Anforderungen, die z. B. durch die Krankheit entstehen, die Anpassungsfähigkeiten oder Ressourcen einer Person zu stark beanspruchen oder übersteigen. Dabei ist für das Stresserleben nicht alleine die Situation an sich von Bedeutung, sondern auch die Art und Weise wie die Person die Situation verarbeitet und bewertet. Menschen sind unterschiedlich anfällig für stressauslösende Situationen. Was für den einen schon Stress bedeutet, wird von einem anderen (noch) nicht als Stress empfunden. Bei der Betreuung und Pflege von Demenzkranken wird schnell die höchste Stressstufe erreicht.

In Projekten zur Angehörigenberatung an der Universität Leipzig (Wilz, Adler, Gunzelmann 2001) benannten Angehörige folgende Stressoren als besonders belastend:

• Einschränkung persönlicher Freiräume („Ich habe kein eigenes Leben mehr.“)

• Verlust von Kommunikationsfähigkeiten („Die Mutter ist kein Ansprechpartner mehr“)

• Desorientiertheit („Sie möchte immer nach Hause, obwohl sie doch da ist.“)

• Fehlende Einsichtsfähigkeit („Sie ist keinen Vernunftgründen zugänglich.“)

• Aggressivität („Wutanfälle, Schlagen, Kneifen.“)

• Inkontinenz („Er hat mich angekackt.“)

Der Grad der Belastung und damit das Wohlbefinden und die Gesundheit der Angehörigen stehen in engem Zusammenhang mit der Situation, in der die Pflege stattfindet, besonders Alter und allgemeiner Gesundheitszustand der Pflegenden, der persönlichen Beziehung zu dem Gepflegten und der privaten und professionellen Unterstützung. Ferner spielen die Bewältigungsstrategien der Pflegenden eine wichtige Rolle.

Wie kann Stress bewältigt werden?

Wenn es Angehörigen gelingt, die Pflegesituation immer wieder neu zu bewerten und ihr Augenmerk auf das zu richten, was noch möglich ist, hat dies positive Auswirkungen auf die Pflege. Hilfreich dabei ist:

• Sich zu informieren: Informationen zu sammeln über die Krankheit, über die Möglichkeiten des besseren Umgangs mit den Erkrankten, über Unterstützungsmöglichkeiten, oder auch spezielle Schulungen für Angehörige von Demenzkranken zu besuchen, etwa die Schulungsreihe „Hilfe beim Helfen“, die von den örtlichen Alzheimer-Gesellschaften angeboten wird.

• Sich auszutauschen mit anderen pflegenden Angehörigen, z. B. in Selbsthilfegruppen, um sich gegenseitig zu entlasten und Tipps zu bekommen, die den Alltag erleichtern, um zu erleben, dass man in dieser Situation nicht allein ist.

• Sich individuell beraten zu las- sen. Manchmal entwickelt sich daraus eine andere Sicht auf die Situation, man fühlt sich nicht mehr so hilflos, und es kann gelingen, sich wieder für anderes zu öffnen und mehr auf sich zu achten.

• Sich Unterstützung zu organisieren: im privaten Umfeld (Familie, Freunde, Nachbarn), durch Ehren- amtliche (Helferinnenkreis, Betreuungsgruppen) oder durch ambulante oder stationäre Angebote.

Tipps von Angehörigen für Angehörige zum Stressabbau

In einer Gruppe von Angehörigen wurden folgende Tipps genannt:

• Rechtzeitig um Hilfe bitten.

• Offen mit der Krankheit umgehen – anderen die „Veränderungen“ erklären.

• Auch anderen etwas zumuten – nicht nur sich selbst.

• Immer wieder mal tief durchatmen.

• Sich selbst etwas Gutes tun (Bummeln gehen, sich mit einer Massage oder beim Friseur verwöhnen lassen).

• In der Küche das Radio anstellen und dazu tanzen.

• Kleine Dingen bewusst wahrnehmen und sich daran erfreuen (etwa an Blumen, Tieren, Bäumen).

• Humor: Immer wieder aus vollem Herzen lachen.

• Einen Film anschauen, ein spannendes Buch lesen und so in eine andere Welt eintauchen.

• Körperlich aktiv sein (Spazieren gehen, die Natur erleben, schwimmen gehen, Fahrrad fahren).

• Nicht mit dem Kranken diskutieren – manchmal hilft es, aus der Situation zu gehen.

• Gewohnte Muster durchbrechen.

Darüber hinaus gibt es zahlreiche Möglichkeiten Ruhe und Entspannung zu finden, die z. T. in Kursen vermittelt werden. Etwa die Methode der Progressiven Muskelentspannung nach Jacobson, Autogenes Training, Yoga. Auch homöopathische Mittel können unterstützend wirken. Bei Belastungen durch Stress, Ängste oder Depression kann psychotherapeutische Unterstützung hilfreich sein, die ärztlich verordnet werden kann. Jeder sollte das wählen, was ihm individuell entspricht und wozu er einen Zugang findet.

Helga Schneider-Schelte
Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V., Berlin

Literatur:

  • Lazarus, R. S. Streß und Streßbewältigung – Ein Paradigma. In: Filipp, S.-H. (Hrsg.). (1981). Kritische Lebensereignisse. München: Urban und Schwarzenberg, S. 198-232.
  • Wilz, G.; Adler, C., Gunzelmann, Th. (2001) Gruppenarbeit mit Angehörigen von Demenzkranken. Ein therapeutischer Leitfaden. Göttingen: Hogrefe-Verlag.