Aus: Alzheimer Info 2/05

In unserer Tagespflege hat die Biografie unserer Tagesgäste eine besondere Bedeutung für unsere Arbeit. Damit meinen wir zum einen die persönliche Lebensgeschichte unserer Tagesgäste, aber auch die Auseinandersetzung mit der politischen und psychosozialen Wirklichkeit der Zeit, in der sie groß geworden sind, die für sie eine Bedeutung hat.

So kamen wir über das Thema Schule auf die Sütterlinschrift (eine besondere Ausprägung der deutschen Schrift), die bis Mitte des letzten Jahrhunderts geschrieben und in den Schulen gelehrt wurde. Es entstand dabei die seltene Situation, dass die älteren Menschen diese Schrift lesen konnten, während sie uns Jüngeren unbekannt war: Sie sind kompetent auf einem Gebiet, das ihren "Helfern" nicht vertraut ist.

Auch die demenziell erkrankten Tagesgäste können diese Schrift lesen - selbst wenn sie sie nicht mehr schreiben können - und mich auf Fehler aufmerksam machen, z.B. bei der unterschiedlichen Nutzung des langen und runden s an Wort- und Silbenenden.

So begann ich, diese Schrift des Öfteren einzusetzen und Übungen zu entwickeln, die den Tagesgästen Spaß machen, sie herausfordern und Türöffner sind für Gespräche über die Zeit, die ihnen wichtig und vertraut ist. Die Sütterlinschrift kann man als Schriftart auf den PC laden und so gibt es unbegrenzte Möglichkeiten, Übungen zu entwickeln, Texte und Lesestoffe zu erstellen bzw. zu modifizieren.

Das Besondere und Wichtige beim Einsatz der Sütterlinschrift ist das Gespräch, das den Blick weiter macht für die Zeit, als der Tagesgast noch ein Kind war. Trotz möglicher heutiger Einbußen erzählt er z.B. aus der Dorfschule, in der mehrere Klassen in einem Raum saßen und die Kinder ein Stück Holz für den Ofen mitbringen mussten, damit sie es warm hatten.

Auf diesem Wege ist auch das Sütterlin-Lesespiel entstanden, das insbesondere für die Gruppenarbeit geeignet ist. Es kostet 49 € und kann bezogen werden über die Alexianer-Werkstätten Münster, Tel: 025 01 - 96 62 52 01 oder https://shop.alexianer.de.

Durch das große Interesse, das die Beschäftigung mit der Sütterlinschrift (und eine kleine Ausstellung) auch bei Angehörigen und Besuchern des Hauses ausgelöst hat, ist die "Kleine Sütterlin-Schule" entstanden. Bisher haben sechs Schreibkurse mit über 100 Schülern stattgefunden, die entweder ihre Kenntnisse aufgefrischt, oder die Schrift neu erlernt haben.

Wer an einem Erfahrungsaustausch und Übungen interessiert ist, kann sich gern bei mir melden.

Annette Mandelartz
Gerontopsychiatrisches Zentrum Münster

 

Kontakt:
E-Mail: amandelartz[at]alexianer.de