Aus: Alzheimer Info 3/11

Vor Kurzem wurde der Barmer GEK Arzneireport 2011 veröffentlicht. Wie in den Vorjahren wird beschrieben, dass bei einem Drittel der Patienten mit Demenz, die ohnehin schon unter erhöhter Multimorbidität leiden, die sehr problematische Arzneimittelgruppe der Neuroleptika verabreicht wird. Bei Menschen mit Demenz ist ihre Wirksamkeit fraglich.

Bisher gibt es noch keine zufriedenstellende medikamentöse Behandlung für die BPSD („Behavioral and Psychological Symptoms in Dementia“), der nicht-kognitiven Störungen bzw. des „herausfordernden Verhaltens“ (z. B. Unruhe, Sinnestäuschungen oder wirklichkeitsferne Überzeugungen) bei Menschen mit Demenz, die bei 50-80 % im Verlauf der Erkrankung auftreten. Die Auswirkungen auf das Gedächtnis und andere Hirnleistungen sind ebenso unklar wie die Folgen bei einer Langzeitgabe.

Zudem gibt es Hinweise auf das vermehrte Auftreten von Schlaganfällen sowie auf eine erhöhte Sterblichkeitsrate. Die Autoren betonen, dass diese Verordnungspraxis trotz der mehrfachen Warnhinweise der Arzneimittel-Zulassungsbehörde in den USA weiter besteht. Aufgezeigt wird, dass die Verordnungen der herkömmlichen Neuroleptika (sie rufen unerwünschte Wirkungen besonders im Bewegungsapparat hervor) in den letzten Jahren sinken, die der neuen Neuroleptika jedoch steigen (bei ihnen sind die unerwünschten Arzneimittelwirkungen im Bereich des Bewegungsapparats geringer, dafür treten vermehrt Blutbildstörungen und Gewichtszunahme auf).

Die Verordnungshäufigkeit der Neuroleptika bei Menschen mit Demenz nimmt mit dem Lebensalter zu (für das Jahr 2009: 65- bis 74-jährige: 28 %, 75- bis 84-jährige: 31 %, über 85-jährige: 39 %). Dabei liegt der Anteil der Verordnungen bei Frauen (2009: 35 %) grundsätzlich erheblich höher als bei Männern (2009: 30 %). Mit zunehmender Pflegestufe werden Neuroleptika vermehrt eingesetzt.

Im Jahr 2009 erhielten 11 % der Menschen mit Demenz, die keine Pflegestufe hatten, Neuroleptika, 35 % bei Pflegestufe I, 53 % bei Pflegestufe II und 58 % bei Pflegestufe III. Angesprochen wird die bekannte Tatsache, dass die Verabreichung von Neuroleptika bei Heimbewohnern höher ist als im häuslichen Bereich. Die Angaben hierfür liegen zwischen 20 % und 44 %.

Verdeutlicht man sich, dass auch andere Psychopharmaka in Heimen verabreicht werden wie z. B. Beruhigungs- und Schlafmittel, so geht aus anderen Studien für Deutschland hervor, dass die Häufigkeit zwischen 56 % und 75 % liegt. Neuroleptika mit Beruhigungsmitteln oder anderen Psychopharmaka auszutauschen ist keine Lösung, da diese ebenfalls unerwünschte Wirkungen haben. Leider werden Neuroleptika, trotz dringenden Empfehlungen von Absetzversuchen u. a. immer noch zu lange, manchmal ohne große Hinterfragung, gegeben.

In der Literatur, aber auch in den Behandlungsleitlinien der medizinischen Fachgesellschaften, wird darauf hingewiesen, dass nicht-medikamentöse Verfahren vor medikamentösen Therapien eingesetzt werden sollen bzw. zumindest gleichzeitig. Diese reichen von psychotherapeutischen, psychoedukativen, supportiven sowie ergo- und milieutherapeutischen Maßnahmen bis zur Validation und Dementia Care Mapping.

Gibt es auch zahlreiche Untersuchungen über deren Wirksamkeit, so ist ihre Evidenz immer noch nicht eindeutig nachgewiesen. Akzeptiert wird, dass es zumindest Hinweise hierfür gibt. In der Praxis ist allerdings zu beobachten, dass beziehungs- und milieufördernde Maßnahmen bemerkenswerte positive Veränderungen bewirken.

Leider stehen solche Therapiemaßnahmen keineswegs in allen teilstationären oder stationären Behandlungs- und Pflegeeinrichtungen zur Verfügung, nicht zuletzt wegen des dafür erforderlichen hohen Personalaufwands. Erstaunlich ist, dass unter „Behandlung“ meist immer noch ausschließlich „Medikamente“ verstanden werden und diesen von vielen Ärzten, Pflegeberuflern und Angehörigen eine unrealistische Wirkung zugesprochen wird.

Kurzfristig können Neuroleptika bei Menschen mit Demenz eine Hilfe sein; vor allem sind sie zur Milderung oder Behebung von besonders ausgeprägten und akuten Verhaltensauffälligkeiten unverzichtbar. Bei einem langfristigen Einsatz besteht aber die Gefahr, dass die gesundheitlichen Risiken den Nutzen dieser Medikamente überwiegen. Bekanntlich sollen Neuroleptika bei Menschen mit Demenz höchstens sechs Wochen gegeben werden und Absetzversuche die Regel sein.

Es ist auch erstaunlich und sogar empörend, dass seit Jahren ähnliche Befunde und Warnungen wie im „Barmer GEK Arzneireport 2011“ kaum eine nachhaltige Auswirkung auf eine veränderte Einstellung und Umgangsweise haben bzw. diesbezügliche Voraussetzungen geschaffen werden. So stimmt „Pille statt Beziehung“ weiterhin. Dies aber den Ärzten und Pflegeberuflern allein anzulasten, wäre zu einseitig. Es bedarf eines Sinneswandels zur Begegnung mit Menschen mit Demenz.

Prof. Dr. Dr. Rolf D. Hirsch
LVR-Klinik, Bonn