Aus: Alzheimer Info 2/19

„Erst wenn ich etwas verstehe, kann ich angemessen damit umgehen“

Frauen und Männer mit einer Demenz sind Menschen wie Sie und ich. Wer von uns mag es schon, bloßgestellt zu werden, zugeben zu müssen, etwas vergessen oder falsch gemacht zu haben? Und wie wichtig ist es im menschlichen Miteinander, dass wir uns verstanden fühlen – mit unseren Anliegen, Bedürfnissen und Wünschen? Auch, wenn das unserer Umgebung gerade nicht so angenehm ist. Und wie geschickt sind wir oft, um unsere Fassade zu wahren. Zu unserer Welt gehört es dazu, Fehler auch mal zu überspielen, Mauscheleien nicht zugeben zu müssen.

Demenzerkrankte Frauen und Männer verhalten sich zumeist ganz ähnlich. Nur eben in ihrer „ver-rückten“ Welt. Sie bestreiten Missgeschicke und versuchen, die Fassade zu wahren, wollen verstanden werden und zeigen dabei manches Mal ein für ihre Umgebung nicht so angenehmes Verhalten.

Wir – deren Gehirn (noch) gesund ist – sind clever. Als unverständlich, herausfordernd oder gar inakzeptabel erleben und bewerten wir immer wieder Aussagen oder Verhaltensweisen der Erkrankten. Und reagieren: verständnislos. Wir versuchen mit Argumenten zu erklären, zur Einsicht zu bewegen, werden wohl auch manchmal ärgerlich und ungeduldig. Unsere Reaktionen sind nachvollziehbar – sie helfen uns aber nicht weiter.

In der Begleitung demenzerkrankter Frauen und Männer stehen wir vor der Aufgabe, unser Gehirn „um-zu-trainieren“. Die Erkrankten können dies ihrerseits nicht mehr. Unsere Pflicht ist es, sie mit ihrer subjektiv veränderten Welt verstehen zu lernen: ihre unterschiedliche Art, sich auszudrücken. Ihre persönlichen Möglichkeiten, sich verständlich machen zu wollen. Warum sie die – dringend notwendige – Hilfe ablehnen. Was hinter ihren – uns befremdenden – Aktivitäten steckt. Voraussetzung dafür ist unser „Detektiv-Sein“. Um die individuelle Logik im Tun und Lassen demenzerkrankter Frauen und Männer zu erkennen und ihnen nicht Un-Sinn zu unterstellen.

Für eine gelingende (non-)verbale Kommunikation mit den Erkrankten akzeptieren Sie bitte die Begeisterung am „Detektiv-Sein“ als unerlässliche Voraussetzung.

Das Motto für unser darauf aufbauendes Verhalten lautet „Gefahrlosigkeit von Begegnungen“. Für die Erkrankten sollten wir – ihre Umwelt – so wenig bedrohlich wie möglich wirken. Dies können wir durch unseren Verzicht auf rationale Erklärungen oder beschämende Vorwürfe erreichen. Vertrauensaufbauend wirken Äußerungen, die die augenblickliche Befindlichkeit oder Bedürfnislage der Erkrankten ernst nehmen. Die bekannte Methode der Validation bedarf der Übung. Papageienhaftes Wiederholen der Aussagen meines Gegenübers oder ein lapidares „Ich verstehe Sie“ bewirken nicht selten das Gegenteil von Vertrauens-Aufbau. Wenn Ihnen in schwierigen Situationen passende Worte nicht einfallen, bieten Floskeln wie „Oh weh“ oder „Ach herrjeh!“, ein mitfühlender Seufzer oder ein energischer Ausruf eine gute Alternative. Lassen wir den Erkrankten ihre Fassade, geben wir ihnen durch ergebnis-freie Angebote zur Tagesgestaltung das Gefühl, nützlich und wirksam zu sein – getreu dem Leitspruch „Ich bin noch wer!“

Denken Sie bitte daran, sich kurz zu fassen und Zeit zu geben. Ein demenzerkranktes Gehirn kann vielfach noch einen Input, eine Information verarbeiten. Ein „Zuviel“ führt zu Abwehr, zum „Weg-wollen“ oder zu innerer Emigration.

In der Gestaltung einer „Gefahrlosigkeit von Begegnungen“ dürfen wir die demenzbedingte Realität nicht vergessen und müssen mögliche Grenzen all unserer Bemühungen akzeptieren. Nicht immer führt unser „Detektiv-Sein“ zu einem erhellenden Ergebnis. Nicht immer haben wir ausreichend Zeit. Und manchmal geraten wir einfach über den Rand unserer Belastbarkeit hinaus. Neben aller verstehenden Kommunikation verlangt ein Demenz-Prozess – die fortschreitende Zerstörung des Gehirns – nach Klarheit und Orientierung. Notwendig ist unsere Übung in „herzlicher Autorität“. Dahinter verbergen sich ein bestimmendes Wort, ein resolutes Eingreifen oder nachdrückliche Anweisungen, wenn nun einmal eine Aktion durchgeführt – oder auch unterlassen – werden muss. „Herzliche Autorität“ meint aber ein geplantes, souveränes Handeln, freundlich und zugewandt. Es meint nicht, dass wir erst einen entschlossenen Tonfall an den Tag legen können, wenn uns selbst „die Nerven durchgehen“.

Das Um-Trainieren unseres Gehirns wird uns leichter fallen, wenn wir uns realistische Ziele setzen. Es kann und wird nicht immer alles perfekt gelingen. Dies zu akzeptieren, ist vielleicht der wichtigste Schritt für einen gelingenden Umgang.

Sabine Tschainer-Zangl
Inhaberin und Geschäftsführerin des Instituts aufschwungalt in München
Autorin des Buches „Demenz ohne Stress – Demenzerisch® lernen für einen leichteren Umgang mit Demenzkranken“