Aus: Alzheimer Info 3/19

Wie kann ich helfen, wenn Vater und Mutter nicht nebenan leben?

Wenn die eigenen Eltern älter und damit oft auch hilfebedürftiger werden, ist das für die meisten Menschen eine schwierige und gewöhnungsbedürftige Situation. Leben Mutter oder Vater dann auch noch weit entfernt, wird es kompliziert – wie können Söhne und Töchter aus der Entfernung die nötige Unterstützung geben? Es beginnt für viele eine Zeit großer Sorgen und Schuldgefühle. Natürlich lassen auch entfernt lebende erwachsene Kinder alles stehen und liegen und reisen an, wenn beispielsweise ein Elternteil ins Krankenhaus kommt – aber gerade, wenn zusätzlich noch eigene Kinder zu versorgen sind, ist das nicht immer leicht und der Arbeitgeber ist auch nicht begeistert über die plötzlichen und ungeplanten Fehlzeiten.

Noch ein wenig schwieriger wird es, wenn Angehörige merken, dass Mutter oder Vater langsam anfangen, immer mehr zu vergessen, und Schwierigkeiten haben, ihren Alltag zu organisieren. Wie gestaltet sich die Situation vor Ort? Denkt der Vater an den anstehenden Arzttermin – und findet er den Arzt überhaupt noch? Kauft die Mutter regelmäßig ein – oder kauft sie womöglich immer wieder die gleichen Dinge? Klappt das Autofahren noch? Es ist oft schwer, aus der Ferne verlässliche Informationen zu erhalten.

„AniTa“ sorgt für Vernetzung und Begleitung vor Ort

An diesem Punkt setzt „AniTa“ an, eine Tauschbörse für entfernt lebende Angehörige und ihre unterstützungsbedürftigen Familienmitglieder. Mit „AniTa“ können sich entfernt lebende Angehörige über eine Online-Plattform vernetzen und Fürsorge und Begleitung „tauschen“.

Konkret bedeutet das: Wer an „AniTa“ teilnimmt, unterstützt am eigenen Wohnort einen älteren Menschen, der noch zu Hause oder in einer stationären Pflegeeinrichtung lebt. Derweil übernimmt eine andere Person dieselbe Art von Begleitung für die eigenen, entfernt lebenden Eltern.

Wie kann eine solche Tauschbeziehung gestaltet werden? Die Projektleiterin Prof. Dr. Susanne Busch erklärt: „Wir empfehlen allen Teilnehmenden, dass die Beteiligten sich persönlich treffen und kennenlernen, damit sich ein Vertrauensverhältnis entwickeln kann. Unser Ziel ist es, dass die älteren Menschen am Leben um sie herum teilhaben können. Jede kleine Lösung ist da schon ein großer Gewinn.“

Gerade bei Menschen mit einer beginnenden Demenz ist es wünschenswert, dass jemand vor Ort ist, der Veränderungen frühzeitig mitbekommt und sensibel darauf reagieren kann. Menschen im Frühstadium einer Demenz kommen in ihrem eigenen vertrauten Umfeld oft noch gut zurecht. Aber wenn beispielsweise die Arztpraxis in neue Räumlichkeiten umzieht oder der Wochenmarkt zu veränderten Zeiten stattfindet, brauchen sie gelegentlich Hilfe und Orientierung. Die jeweiligen Tauschpartnerinnen und Tauschpartner sollen nichts kontrollieren, sie sollen auch keine pflege- oder hauswirtschaftlichen Tätigkeiten übernehmen. Aber sie können mit regelmäßigen Besuchen Struktur in den Alltag bringen, kleinere Unterstützungen anbieten oder bei Aktivitäten begleiten. Gerade auch Pflegeheimbewohner profitieren davon, wenn sie Besuch erhalten, der sie beispielsweise zum Sommerfest der Einrichtung begleitet. Darüber hinaus erhalten sie – dank der Ortskenntnis der Begleiter – Hinweise zu Unterstützungsangeboten, die dem entfernt lebenden Angehörigen vielleicht unbekannt geblieben wären.

Informationen zum Projekt

„AniTa – Angehörige im Tausch“ ist ein Forschungsprojekt der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg, das in der Erprobungsphase vom Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen gefördert wird. Betroffene Angehörige können sich und ihre Eltern seit November 2018 bei „AniTa“ anmelden. Die Zahl der Teilnehmenden wächst stetig, die ersten Tauschpatenschaften konnten mittlerweile vermittelt werden. Auch Menschen, die gerne unterstützen wollen, (momentan) aber keine Unterstützung brauchen, sind schon dabei und ebenfalls herzlich willkommen. Für angehende Tauschpartner wird darüber hinaus eine Handreichung zur Verfügung gestellt, die durch die ersten Schritte über die Anbahnung des Kontaktes, das Kennenlernen bis hin zur eigentlichen Tauschpatenschaft begleitet. Die Projektmitarbeiterinnen helfen gerne weiter, wenn Fragen rund um die Unterstützungssituation entstehen.

Kristina Woock, Nele Mindermann, Susanne Busch
Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg