Aus: Alzheimer Info 2/09

In Deutschland werden viele Demenzkranke und andere Pflegebedürftige von Hilfskräften zu Hause betreut, die aus Osteuropa kommen. Alzheimer Info sprach mit Klaus Schumann (55, Name geändert), der sich für diese Lösung entschieden hat.

Herr Schumann, in welcher Situation haben Sie sich dafür entschieden, Ihre Mutter von einer Hilfskraft aus Polen betreuen zu lassen?

Klaus Schumann: Meine Mutter lebte seit gut 40 Jahre in ihrem Haus in Niedersachsen. Die letzten 20 Jahre, nach dem Tode meines Vaters, wohnte sie allein. Vor etwa vier Jahren, da war sie 89, bemerkte ich, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Im Haus sah es nicht mehr so ordentlich aus wie früher. Von Nachbarn erfuhr ich, dass sie manchmal mitten in der Nacht bei ihnen klingelte und offenbar unter großen Ängsten litt. Das ging wohl schon einige Zeit so.

Es war klar, dass sie nicht mehr alleine leben konnte. Mein Bruder und ich, wir leben beide etwa 400 km entfernt, beschlossen, sie abwechselnd jeweils eine Woche zu betreuen. Sonst gab es niemand in der Verwandtschaft, der hätte helfen können.

Haben Sie einen Arzt aufgesucht?

Ja, der diagnostizierte eine Demenzerkrankung. Der Gutachter der Pflegekasse stellte die Pflegestufe 1 fest. Uns war klar, dass wir die Betreuung aus familiären und beruflichen Gründen nicht auf die Dauer leisten konnten.

Hatten Sie sich nach einem ambulanten Pflegedienst erkundigt?

Ja, aber der hätte das Problem nicht lösen können. Sie brauchte vor allem jemand an ihrer Seite, wenn sie nachts Angst bekam. Für eine Betreuung rund um die Uhr verlangte der Pflegedienst eine utopische Summe. Da erfuhren wir, dass im Ort eine Polin lebte, die einen Kranken einige Jahr gepflegt hatte und nach seinem Tod eine neue Tätigkeit suchte. Wir kamen mit ihr überein, und sie wohnte fortan in einer separaten kleinen Wohnung im Haus meiner Mutter. Die war zunächst nicht begeistert, aber dann fand sie sie ganz nett und war froh, nicht allein zu sein.

Wie war es mit der Bezahlung?

Sie bekam 900€ im Monat, also 30€ pro Tag und freie Verpflegung. Sie hatte ein Touristenvisum und musste alle drei Monate ausreisen, um das Visum zu erneuern. In dieser Zeit sorgte sie für eine andere Helferin. Ich weiß, dass diese Regelung nicht im Einklang mit den rechtlichen Vorschriften ist. Aber eine Rund-um-die-Uhr Betreuung durch einen ambulanten Dienst war einfach nicht finanzierbar.

War die Frau für ihre Tätigkeit qualifiziert?

Sie sprach nicht gut deutsch und wusste auch nichts über Demenzerkrankungen. Wir besorgten ihr Informationsmaterial in polnischer Sprache. Auf ihre warmherzige Art machte sie eine gute soziale Betreuung. Krankenpflege brauchte meine Mutter ja nicht, und bei der Körperpflege wollte sie sich nicht helfen lassen. Zwei Jahre ging es zu unserer Zufriedenheit, dann stürzte meine Mutter und zog sich einen Oberschenkelhalsbruch zu. Durch den Schock, die Operation und die Narkose verschlechterte sich ihr Zustand sehr, und sie brauchte lange, bis sie sich wieder einigermaßen erholt hatte.

Konnte sie danach wieder zu Hause leben?

Nein, es war bald klar, dass es zu Hause nicht mehr gehen würde. Wir haben dann ein Heim mit einem Wohnbereich für Demenzkranke gefunden. Das Personal ist sehr qualifiziert und freundlich. Sie ist dort gut aufgehoben.

Wäre es aus heutiger Sicht besser gewesen, wenn Sie Ihre Mutter gleich nach Auftreten der Demenz in einem Heim untergebracht hätten?

Nein, es war gut, dass sie mit Hilfe der Betreuerin noch zwei Jahre in ihrem Zuhause wohnen konnte. Sie hat dort ihr halbes Leben verbracht, fühlte sich wohl in der vertrauten Umgebung und war glücklich, wenn sie im Garten arbeiten konnte.

Vielen Dank für das offene Gespräch!

Die Fragen stellte
Hans-Jürgen Freter
Deutsche Alzheimer Gesellschaft e. V. Selbsthilfe Demenz, Berlin