Aus: Alzheimer Info 4/15

Gespräch mit dem Biochemiker Christian Haas: Verursacht ein giftiges Peptid die Alzheimer-Krankheit?

Prof. Dr. Christian Haass, Inhaber des Lehrstuhls für Stoffwechselbiochemie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Sprecher des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen entdeckte mit seinem Forschungsteam einen neuen Mechanismus, der für die Entstehung der Alzheimer-Krankheit von großer Bedeutung sein könnte.

Dafür erhielt er im Juli 2015 in Washington D.C. den mit 200.000 $ dotierten Preis der MetLife Foundation for Medical Research. Im Gespräch beantwortet er Fragen zu seinen Forschungsergebnissen und deren Bedeutung für die Therapie der Alzheimer-Demenz.

Herr Prof. Haass, zunächst herzlichen Glückwunsch zu der Auszeichnung. Sie haben ein Peptid, also ein kleines Eiweiß, entdeckt, das als eta-Amyloid bezeichnet wird und möglicherweise eine große Bedeutung für die Entstehung der Alzheimer-Krankheit hat. Bitte erläutern Sie uns das genauer.

Christian Haass: Ob es tatsächlich eine entscheidende Funktion bei der Entstehung der Alzheimer Erkrankung hat, ist nicht ganz klar. Wir gehen im Moment davon aus, dass es eine wichtige Rolle spielt.

Das eta-Amyloid entsteht wie das bekannte beta-Amyloid durch die Schnitte zweier biologischer Scheren (Enzyme) am gleichen Vorläuferprotein. Eta- und beta-Amyloid scheinen aber diametral entgegengesetzte Funktionen auszuüben. Während beta-Amyloid Nervenzellen überaktiviert und damit für Chaos im Gehirn sorgt, hemmt das eta-Amyloid neuronale Aktivität, macht also exakt das Gegenteil. Hier scheint also ein sehr delikates Gleichgewicht vorzuliegen.

Welche Bedeutung haben Ihre Forschungsergebnisse für die Entwicklung neuer Medikamente?

Man versucht zurzeit u. a. die beiden Scheren-Enzyme, die das beta-Amyloid aus seinem Vorläufer herausschneiden, zu blockieren. Das würde in der Tat die Amyloidmenge im Gehirn drastisch reduzieren. Allerdings würde es auch das oben angesprochene Gleichgewicht zwischen neuronaler Stimulation durch beta-Amyloid und neuronaler Hemmung durch eta-Amyloid aus der Balance bringen.

Darüber hinaus fanden wir, dass die Blockade einer der beiden Scheren zu einem erheblichen Anstieg des eta-Amyloids führt und das hat natürlich eine verstärkte Hemmung von Nervenzellen zur Folge. Das heißt aber auch, dass wir diese Scheren niemals vollständig über lange Zeiträume blockieren dürfen. Eine teilweise Blockierung wäre aber durchaus denkbar.

Wir wissen, dass Menschen, die über 100 Jahre alt wurden und niemals an einer Demenz erkrankten, aufgrund einer genetischen Veränderung ca. 20 % weniger beta-Amyloid produzieren, d. h. schon eine geringfügige Reduktion könnte zu einer Verhinderung der Demenz im hohen Alter führen – wir brauchen also keine vollständige Blockade der Scheren.

Vermutlich ist eine sehr frühe Diagnose Voraussetzung für eine solche Therapie?

Ja, das wird unabdingbar sein, da die Erkrankung viele Jahre vor den eigentlichen Symptomen bereits angelegt wird. Fängt man erst beim Auftreten deutlicher Demenz mit der Behandlung an ist das Gehirn bereits irreversibel geschädigt.

Was können wir von neuen Medikamenten erwarten? Werden sie den Verlauf der Erkrankung verzögern, den Ausbruch verhindern, eine fortgeschrittene Erkrankung heilen?

Das sieht gegenwärtig fast so aus, auch wenn man da vor zu großem Optimismus warnen muss. Das am weitesten fortgeschrittenen Therapieverfahren, die Impfung gegen das beta-Amyloid, scheint in zwei kürzlich veröffentlichten Therapiestudien tatsächlich nicht nur zu einer Reduktion der Amyloid-Ablagerungen zu führen, sondern auch das Fortschreiten des Gedächtnisverlusts zu verlangsamen. Ob sich das auch in Langzeitstudien an höheren Zahlen von Patienten bestätigt und ob die lange Behandlung auch nebenwirkungsfrei ist muss sich natürlich erst noch zeigen!

Der britische Premierminister David Cameron hat auf dem Alzheimer-Gipfel der G7 Staaten im Dezember 2013 in London gesagt, dass die Anstrengungen in der Forschung so verstärkt werden müssen, dass bis 2025 „cures or disease modifying therapies“, also heilende oder den Krankheitsverlauf verändernde Therapien, zur Verfügung stehen. Halten Sie das für realistisch? Oder: Was müsste geschehen, um dies zu erreichen?

Mit solchen Vorgaben wäre ich sehr, sehr vorsichtig. Wie oft haben wir in den letzten 25 Jahren gehört, dass die Wissenschaft kurz vor einer Heilung oder einem Durchbruch steht. Es sieht in der Tat hoffnungsvoll aus, aber wie bereits erwähnt gibt es noch sehr viele offene Fragen.

Doch eines scheint nach langer Diskussion endlich klar zu sein: Das beta-Amyloid steht im Zentrum der Erkrankung und eine Therapie, die den beta-Amyloid Spiegel reduziert, greift an einem therapeutisch relevanten Zielmolekül an.

Im Dezember dieses Jahres gedenken wir des 100. Todestages Alois Alzheimers. Wie sehen Sie die Bedeutung seiner Forschung aus heutiger Perspektive?

Prof. Alzheimer war ein Pionier auf dem Gebiet der Neurodegeneration. Seine Erkenntnisse zur Pathologie der Erkrankung bestimmen nach wie vor unsere Arbeit.

Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch!

Das Interview führte
Hans-Jürgen Freter
Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V., Berlin