Aus: Alzheimer Info 2/05

Die Psychoanalyse begreift Altern als einen lebenslangen Entwicklungsprozess, der auch bei einer geistigen Krankheit wie Alzheimer bestehen bleibt. Veränderte Bewältigungsmechanismen von Verlust und Trauer schließen Demenzkranke nicht von den Therapien aus, sondern erfordern von den TherapeutInnen ein an die Krankheit angepasstes Herangehen. In der Kunsttherapie gewinnt dieses theoretische Modell eine praktische Dimension.

Wie geht die Kunsttherapie vor und was bewirkt sie?

Die Kunsttherapie stellt eine Kommunikation zwischen PatientIn und TherapeutIn über das Medium Bild oder Gestaltung her. In der Gruppe oder einzeln und auf der Basis von gegenseitigem Vertrauen und Wertschätzung begeben sich Menschen, die nicht selten zuletzt in der Schulzeit einen Pinsel in die Hand genommen haben, auf eine Reise in das Land der Farben und Formen. Sie entdecken sich neu, sie lernen dazu. Der Schaffensprozess steht im Mittelpunkt und damit die Begegnung des Menschen mit sich selbst und mit anderen. Im Malen und Gestalten entstehen neue Äußerungsmöglichkeiten.

Kreatives Malen - entspannt, motiviert, stärkt und verbessert die kognitiven Fähigkeiten

Die Kunsttherapie erreicht Demenz-Patienten auf der emotionalen Ebene. Sie arbeitet auf der non-verbalen Ebene mit dem Medium Bild als "Übergangsobjekt". Sie hat viele Mittel, Demenz-Kranke zu beruhigen, zu motivieren und Ressourcen zu entdecken. Das Selbstvertrauen der Kranken wird gestärkt. Dadurch verhindert Kunsttherapie, dass Menschen in die Phase des "Vegetierens" kommen. Durch ihre Werke fühlen sich die Patienten nützlich und wertvoll. Sie können sich mit ihren Mitteln ausdrücken und bis zuletzt schöpferisch tätig sein.

Kunsttherapie sollte in jedem Alten- und Pflegeheim ebenso wie in Reha-Einrichtungen angeboten werden. Die Erfahrungen in der Selbsterhaltungstherapie (SET) im Alzheimer Therapiezentrum der Neurologischen Klinik Bad Aibling bestätigen das eindrucksvoll. SET ist ein umfassendes Konzept, das von Barbara Romero entwickelt wurde (siehe Literaturtipps). Es beinhaltet auch die Arbeit mit Angehörigen, die die Kranken begleiten. Für sie werden ebenfalls Kunsttherapie, psychologische und medizinische Gespräche einzeln und in der Gruppe sowie Entspannungstechniken angeboten. Die Kosten für die Maßnahme können von der Krankenkasse erstattet werden.

Elisabeth Seidel
APAKT - Arbeitsgemeinschaft psychoanalytische Kunsttherapie

 

Literaturtipps:

  • Bau, H.: Behandlungskonzepte der analytischen Psychologie. In: Radebold, H./Hirsch, R.D. (Hg.): Altern und Psychotherapie. Bern, Huber, 1994, 55 - 62
  • Ganß, M., Linde, M. (Hg.): Kunsttherapie mit demenzkranken Menschen. Dokumentation des Symposiums "KunstTherapie in der Altenarbeit - künstlerische Arbeit mit Demenzerkrankten". Frankfurt, Mabuse, 2004
  • Menzen, K.H.: Kunsttherapie mit altersverwirrten Menschen. München, Reinhart, 2004
  • Radebold, H.: Behandlungskonzepte der Psychoanalyse. In: Radebold, H./Hirsch, R.D. (Hg.): Altern und Psychotherapie. Bern, Huber, 1994, 43 - 54
  • Romero, B., Wenz, M.: Konzept und Wirksamkeit eines Behandlungsprogramms für Demenzkranke und deren Angehörige, Ergebnisse aus dem Alzheimer Therapiezentrum Bad Aibling. Zeitschrift Gerontol Geriat, 2002, 35, 118 - 128