Aus: Alzheimer Info 3/06

Bei Erreichen der durchschnittlichen Lebenserwartung erkrankt jeder Dritte in Deutschland an einer Demenz, meist an Alzheimer. Zu Recht wird daher die Frage gestellt, ob es Maßnahmen zur Vorbeugung gibt. Eine gezielte Prävention durch bestimmte Medikamente ist heute noch nicht möglich. Dazu sind die Ursachen immer noch nicht genau genug bekannt. Das schließt aber Möglichkeiten einer unspezifischen Vorbeugung nicht aus. Ihre Ziele bestehen darin, die Widerstandsfähigkeit des Gehirns gegen den Krankheitsprozess zu erhöhen, krankheitsbegünstigende Faktoren auszuschalten, und Schädigungen des Gehirns durch Zweiterkrankungen zu vermeiden.

Idealerweise sollten derartige vorbeugende Maßnahmen Verhaltensweisen und Lebensgewohnheiten betreffen, die sich frühzeitig und anhaltend verändern lassen. Der vorliegende Beitrag fasst den derzeitigen Erkenntnisstand über die Vorbeugung gegen Demenz zusammen.

Körperliche Aktivität

Einer der möglichen Schutzfaktoren ist körperliche Aktivität. Mehrere Studien haben gezeigt, dass ausgiebige Bewegung bei älteren Menschen mit einer um bis zu 50 % verringerten Häufigkeit von geistigen Leistungseinschränkungen verbunden ist. Körperliche Fitness fördert natürlich auch die Lebensqualität und trägt zu einer ausgeglichenen Gemütslage bei.

Geistige Regsamkeit

Eine weitere, unter dem Gesichtspunkt der Vorbeugung wichtige Lebensgewohnheit ist geistige Regsamkeit. In einer Studie an 800 Mitgliedern religiöser Ordensgemeinschaften ließ sich nachweisen, dass die regelmäßige Teilnahme an geistig anregenden Tätigkeiten nach einem Beobachtungszeitraum von fünf Jahren mit einem verringerten Auftreten von Demenzerkrankungen verbunden war.

In einer weiteren Untersuchung an fast 500 Personen im Alter über 75 Jahren war die Häufigkeit von Gedächtnisstörungen nach sechs Jahren umso seltener, je intensiver Tätigkeiten wie Lesen, Schreiben, Kreuzworträtsel, Karten- oder Brettspiele, Gruppendiskussionen oder Musizieren ausgeführt wurden. In diesem Zusammenhang ist die Erfahrung interessant, dass passive Freizeitbeschäftigungen wie Fernsehen mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit von Gedächtnisstörungen in Zusammenhang stehen - im Gegensatz zu aktiven Beschäftigungen wie Lesen oder Brettspielen. Es ist nicht auszuschließen, dass der Effekt der geistigen Regsamkeit mit dem individuellen Ausbildungsgrad zusammenhängt. Besser gebildete Menschen neigen eher als weniger gebildete dazu, sich auf geistig anregende Tätigkeiten einzulassen.

Ernährung

Auch von der Ernährungsweise könnten vorbeugende Wirkungen ausgehen. Mehrere Untersuchungen haben Anhaltspunkte dafür ergeben, dass eine reichliche Aufnahme der Vitamine C und E mit der Nahrung mit einem verringerten Krankheitsrisiko verknüpft sein könnte. Von einer Nahrungsergänzung mit Vitamin E ist wegen einer damit verbundenen erhöhten Sterblichkeit jedoch abzuraten. Teilnehmer einer französischen Studie, die mindestens einmal pro Woche Fisch zu sich nahmen, litten nach einem Beobachtungszeitraum von sieben Jahren seltener an einer Demenz als Teilnehmer, die niemals Fisch aßen. In einer anderen Studie war der wöchentliche Verzehr von Fisch mit einem langsameren Fortschreiten von Gedächtnisstörungen verbunden. Man vermutet, dass der möglicherweise protektive Effekt von Fisch durch den Gehalt an Omega-3-Fettsäuren erklärt werden kann. Auch das Verhältnis von mehrfach ungesättigten zu gesättigten Fettsäuren in der Nahrung hat möglicherweise eine vorbeugende Wirkung.

Behandlung von Bluthochdruck

Eine für die Vorbeugung der Demenz wichtige Erkenntnis betrifft die Rolle von Durchblutungsstörungen des Gehirns. Sie sind bei älteren Menschen sehr häufig, auch bei Patienten mit Alzheimer-Krankheit. Wenn neben den feingeweblichen Veränderungen der Alzheimer-Krankheit gleichzeitig Durchblutungsstörungen vorliegen, kommt es rascher zu einer Demenz. Dazu passen die Ergebnisse einer europäischen Studie, wonach die systematische Behandlung des Bluthochdrucks, der den wichtigsten Risikofaktor für Durchblutungsstörungen darstellt, die Häufigkeit von neu diagnostizierten Demenzerkrankungen um die Hälfte senkt.

Bewertung der vorläufigen Erkenntnisse

Die bisher vorliegenden Erkenntnisse über die Möglichkeiten zur Vorbeugung gegen Demenz stammen aus rückblickenden Studien. In der Regel wurden zwei Gruppen von Personen miteinander verglichen, von denen die eine den vermuteten schützenden Faktor aufweist, die andere nicht. Weil die Zuordnung zu den beiden Gruppen nicht durch ein Zufallsverfahren erfolgt, kann es sein, dass eine Ungleichverteilung hinsichtlich anderer Einflussgrößen besteht, die einen Zusammenhang mit dem Demenzrisiko haben. Ein Beispiel: Teilnehmer der oben erwähnten Studie, die mehr Fisch konsumierten, waren auch besser ausgebildet. Man weiß also nicht, ob die bessere Ausbildung oder die im Fisch enthaltenen Nahrungsbestandteile für das geringere Demenzrisiko verantwortlich sind.

Um zweifelsfrei nachzuweisen, dass ein potenziell schützender Faktor tatsächlich eine vorbeugende Wirkung hat, müssen in einer langfristig angelegten Untersuchung zwei Gruppen von Teilnehmern miteinander verglichen werden, von denen nach einem Zufallsverfahren die einen den protektiven Faktor aufweisen, die anderen dagegen nicht, sich sonst aber nicht voneinander unterscheiden. Zielgrößen sind die Zahl der neu auftretenden Fälle von Demenz und der Zeitpunkt ihres Auftretens.

Der einzige Schutzfaktor, der bisher in einer so angelegten Studie nachgewiesen werden konnte, ist die Behandlung des Bluthochdrucks. Sie ist derzeit die einzige wissenschaftlich belegte vorbeugende Maßnahme gegen Demenz. Das sollte uns jedoch nicht daran hindern, geistig, körperlich und sozial möglichst aktiv zu sein und uns gesund zu ernähren.

Prof. Nicola T. Lautenschlager
School of Psychiatry and Clinical Neurosciences, The University of Western Australia, Perth, Australien