Aus: Alzheimer Info 1/11

Gespräch mit Gabriele Tammen-Parr von der Berliner Beratungsstelle Pflege in Not

Pflege in Not ist eine Beratungs- und Beschwerdestelle bei Konflikt und Gewalt in der Pflege älterer Menschen. Seit 1999 werden vor allem pflegende Angehörige beraten, überwiegend telefonisch. Träger der Berliner Beratungsstelle ist das Diakonische Werk Berlin Stadtmitte e. V. Gabriele Tammen-Parr leitet die Einrichtung, in der drei hauptamtliche und zwei ehrenamtliche Mitarbeiterinnen tätig sind. Pflegen in Not hat im Februar 2011 den Berliner Gesundheitspreis bekommen.

Frau Tammen-Parr, wer wendet sich an das Beratungstelefon Pflege in Not?

Gabriele Tammen-Parr: Zwei Drittel der Ratsuchenden sind Angehörige, die zu Hause pflegen. Die anderen Anruferinnen sind Angehörige von Heimbewohnern, sowie Mitarbeiterinnen aus Heimen und ambulanten Diensten. Zu 80% erfolgt unsere Beratung telefonisch. Aber wir bieten auch persönliche/psychologische Beratung sowie Mediation an. Wir erhalten etwa 150 Anrufe pro Monat. Die Mehrzahl der Anruferinnen sind pflegende Ehefrauen und Töchter im Alter zwischen 50 und 75. Viele pflegen schon sehr lange, viele acht aber auch mehr als fünfzehn Jahre. Sie rufen an, weil sie sich überlastet fühlen, an ihre Grenzen stoßen, körperlich wie auch emotional oder weil es Konflikte gibt. Mit Sätzen wie: „Ich halte es nicht mehr aus!“ oder „Ich habe meine Mutter gerade wieder angeschrien!“ beginnen sie ein Gespräch bei Pflege in Not.

Welche Rolle spielen dabei Demenzerkrankungen?

Bei ca. 60% der Beratungen spielt Demenz eine Rolle. Mit einer Demenz werden Betreuung und Pflege häufig noch schwieriger. Von den Angehörigen wird vor allem die emotionale Belastung ganz besonders betont. Die Veränderungen des Partners oder Elternteils führen in der Zeit vor der Diagnosestellung zu vielen Konflikten und Aggressionen. Die veränderten Verhaltensweisen lösen Unverständnis wie auch Angst und Verunsicherung aus. Speziell für pflegende Ehefrauen und Ehemänner ist der Verlust des vertrauten Lebens- und Gesprächspartners häufig mit Einsamkeit verbunden.

Welche Lösungen können Sie den Anrufern vorschlagen?

Einige Probleme lassen sich durch praktische und organisatorische Maßnahmen lösen. Wenn z. B. die Ehefrau Probleme hat, ihren übergewichtigen Mann morgens zu duschen und in dieser Überforderungssituation laut wird, dann kann man durch Einsatz eines ambulanten Pflegedienstes dieses Problem rasch lösen. Häufiger allerdings werden die Atmosphäre und der Pflegealltag durch Beziehungskonflikte geprägt. Unverziehene und unverarbeitete Konflikte aus der gemeinsamen Geschichte werden nochmal angestoßen. Wenn die oder der Pflegende manchmal ärgerlich ist und auch mal laut wird, ist das ganz normal. Wenn aber der ganze Tag von Gereiztheit, Vorwürfen und Streitereien bestimmt wird, sollte man über die Situation nachdenken und möglichst mit jemandem sprechen. Wichtig ist, sich nicht für das zu schämen was man tut oder denkt, sondern ein Gespräch zu suchen, um die Situation nicht entgleisen zu lassen. Alles was wir verbergen blüht ja im Verborgenen weiter. In unserer Beratung geht es immer um Unterstützung, nicht um Schuldzuweisungen.

Was kann hinter diesen Beziehungskonflikten stecken?

Oft werden alte Konflikte aktualisiert. Verletzungen und Kränkungen, die nicht besprochen oder geklärt wurden. Das sind manchmal Eheprobleme mit einer langen Vorgeschichte. Auch Konflikte zwischen Geschwistern werden durch die Pflege der Eltern plötzlich sehr deutlich. Etwa wenn die Tochter, die sich schon immer benachteiligt fühlte, jetzt pflegen soll. Die Pflege eines Familienangehörigen stellt häufig das gesamte Familiensystem noch mal auf den Prüfstand.

Was kann man tun, um eine Überlastung zu vermeiden?

Bei der Übernahme der Pflege sollte man sich fragen: Will ich die Pflege wirklich übernehmen? Kann ich das mit meinen beruflichen, familiären und sonstigen Verpflichtungen vereinbaren? Kann ich das körperlich und seelisch verkraften? Kann ich dabei mit Unterstützung rechnen? Ideal ist ein klärendes „Familiengespräch“, bei dem alle Familienmitglieder zusammen kommen und besprechen: Wer will und kann sich in welchem Umfang an Betreuung und Pflege beteiligen? Wer kann sich nur finanziell beteiligen? Mit wem ist nicht zu rechnen?

Wie ist es mit professioneller Hilfe?

Ganz wichtig ist natürlich, dass die Pflegenden sich über gute professionelle Hilfen, z. B. durch ambulante Pflegedienste und Tagespflege beraten lassen, ebenso über ehrenamtliche Hilfen. Ferner sollte man sich über das Krankheitsbild und den Umgang mit den Kranken informieren. Schließlich gibt es Gesprächsgruppen für Angehörige und Kursangebote wie „Hilfe beim Helfen“ der Alzheimer-Gesellschaften.

Oft steht im Hintergrund das Versprechen: „Ich werde Dich niemals in ein Pflegeheim geben.“

Ja, solche Versprechen belasten viele Angehörige. Man sollte dabei stets sagen: „Ich verspreche das, solange es geht.“ Die häusliche Pflege gerade durch ältere Ehepartner kann durch solche Versprechen zu extremen Pflegesituationen führen. Etwa wenn die 80-jährige Ehefrau, die selbst krank und am Ende ihrer Kräfte ist, den 85-jährigen Ehemann pflegt. Dann kann der Umzug ins Heim für alle Beteiligten die beste Lösung sein. Damit gibt man ja die Verantwortung nicht ab und kann trotzdem intensiv im Kontakt bleiben.

Was empfehlen Sie, wenn jemand in einer schwierigen Situation das Gefühl hat „Ich raste gleich aus“?

Man sollte sich eine „Notbremse“ überlegen, z. B. den Raum verlassen, an die Luft gehen, ein Bad nehmen. Aber auch ein Gespräch mit einer neutralen Person suchen, die meine Gedanken und Handlungen nicht bewertet, sondern hilft bei der Suche nach den Ursachen und Auslösern der konflikthaften Situation.

Gibt es genug Beratungsmöglichkeiten?

Nein, leider nicht. In jeder Stadt sollte es Pflege in Not geben. Aber das ist zurzeit wohl noch unrealistisch. Wichtig wären generell Alten- und Angehörigenberatungsstellen und zumindest in jedem Bundesland eine neutrale Anlaufstelle zum Thema Gewalt in der Pflege älterer Menschen. Pflegende Angehörige leisten Enormes für unsere Gesellschaft. Sie haben unser aller Wertschätzung und Unterstützung verdient!

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

Das Interview führte
Hans-Jürgen Freter
Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V., Berlin

Kontakt:
Pflege in Not
Bergmannstr. 44
10961 Berlin

Beratungstelefon: 030 - 69 59 89 89

Die Broschüre „Gewalt in der Pflege älterer Menschen. Informationen, Rat und Hilfe“ (74 Seiten) kann für 3,50 € bestellt werden bei:

Diakonisches Werk Berlin-Brandenburg
Frau Michel
Paulsenstr. 55-56
12163 Berlin

Tel: 030 - 820 97 20
E-Mail: michel.r[at]dwbo.de