Aus: Alzheimer Info 4/13

Die bisherigen Prognosen sind düster

Die geburtenstarken Jahrgänge des „Baby-Booms“ nach dem 2. Weltkrieg stehen vor dem Eintritt ins Alter. Aufgrund dessen wird die Altenbevölkerung in den kommenden Jahrzehnten stark anwachsen. Die weiterhin steigende Lebenserwartung wird diesen Trend noch verstärken und zu einer noch nie dagewesenen Anzahl von hoch- und höchstbetagten Menschen führen. Weil die Häufigkeit von Demenzerkrankungen eng an das Alter der Bevölkerung gekoppelt ist, wird die Zahl der von einer Demenz Betroffenen auf lange Sicht dramatisch ansteigen. Nach Schätzungen auf der Basis der derzeitigen Verhältnisse nimmt in Deutschland die Zahl der älteren Menschen mit Demenz jährlich um etwa 40.000 zu und wird bis zum Jahr 2050 von gegenwärtig rund 1,4 Millionen auf mehr als 3 Millionen anwachsen. (1)

Hoffnung aus neuen Studien

Die Ergebnisse zweier aktueller Untersuchungen nähren indessen die Hoffnung, dass die bisherigen Vorausberechnungen überhöht sein könnten. Vor allem wurden in den neuen Resultaten Hinweise dafür gesehen, dass der Zusammenhang zwischen dem Lebensalter und der Demenzhäufigkeit durch geeignete Maßnahmen abgeschwächt werden könnte.

In Dänemark wurden landesweit sämtliche Überlebenden der beiden Geburtsjahrgänge 1905 und 1915 im Alter von 90 Jahren miteinander verglichen. Dabei zeigte sich, dass die geistigen Leistungen und die Alltagsfähigkeiten bei den später geborenen Studienteilnehmern im hohen Alter weitaus besser waren als bei den zehn Jahre zuvor auf die Welt gekommenen. Zu diesen Unterschieden könnten längere Ausbildungszeit, bessere medizinische Versorgung, günstigere Lebensbedingungen und gesündere Lebensweise der später Geborenen beigetragen haben. Sollten die Ergebnisse einen allgemeinen Trend anzeigen, so bestünden berechtigte Hoffnungen auf künftig sinkende Krankenzahlen.Allerdings hat sich die dänische Studie nicht mit der Häufigkeit von Demenzerkrankungen befasst, so dass Rückschlüsse von der durchschnittlich verbesserten geistigen Leistung der 90-Jährigen auf schrumpfende Zahlen von Demenzerkrankungen unzulässig sind. (2)

In einigen ausgewählten geografischen Regionen Großbritanniens wurde im Abstand von 20 Jahren (1991 und 2011) die Häufigkeit von Demenzerkrankungen in der Bevölkerung im Alter von 65 Jahren und darüber ermittelt. 1991 ergab sich dabei – hochgerechnet auf ganz Großbritannien – eine Gesamtkrankenzahl von 664.000. Von dieser Zahl und von dem Anstieg der Zahl der älteren Menschen ausgehend erwartete man für das Jahr 2011 884.000 Erkrankte. Tatsächlich wurde jedoch nach der Untersuchung von 2011 eine Krankenzahl von nur 670.000 für das ganze Land errechnet. Diese Zahl liegt um 25 % unter der Vorausschätzung.

Als mögliche Gründe für das Aufsehen erregende Ergebnis nennen die Autoren mehrere Faktoren, die das individuelle Risiko für die Entstehung einer Demenz beeinflussen und sich innerhalb des Zeitraums von 20 Jahren geändert haben könnten. Dies sind insbesondere die geringere Verbreitung des Rauchens, bessere Vorbeugung gegen Durchblutungsstörungen und höherer allgemeiner Bildungsgrad. (3)

Zwischen den beiden Untersuchungswellen gibt es aber bedeutende methodische Unterschiede, die Zweifel daran wecken, ob die Resultate ohne weiteres verallgemeinert werden können. Vor allem hatten an der Studie von 2011 viel weniger der dafür ausgewählten Personen mitgewirkt, und der Anteil von Heimbewohnern war erheblich geringer.

Uneinheitliche Studienlage

Die beiden neuen Untersuchungen sind nicht die einzigen, die sich in den letzten Jahren mit Veränderungen der Häufigkeit von Demenzerkrankungen beschäftigt haben. Leider zeichnen die Ergebnisse jedoch kein einheitliches Bild. In Stockholm beispielsweise nahm zwischen 1987 und 2004 die Zahl der Demenzkranken zu. Diese Zunahme ist aber nicht auf einen Anstieg der altersbezogenen Häufigkeit zurückzuführen, sondern war durch die Veränderungen des Altersaufbaus der Bevölkerung bedingt. Da sich die Überlebensdauer der Betroffenen verlängert hatte, was letztlich eine höhere Krankenzahl bewirkt, schließen die Autoren vielmehr, dass sogar ein leichter Rückgang von Neuerkrankungen eingetreten sein könnte. (4)

Aus Nordschweden hingegen wird für Hochbetagte in dem kurzen Zeitraum von nur acht Jahren zwischen 2000 und 2007 ein Anstieg von Demenzerkrankungen berichtet. (5) In einem Überblick über drei Studien aus den USA fand sich zwar kein eindeutiger Trend. (6) Die Verfasser glauben dennoch, Anhaltspunkte für eine günstigere Entwicklung ausgemacht zu haben, während nach einer japanischen Untersuchung die alters- und geschlechtsbezogene Häufigkeit von Demenzerkrankungen zwischen 1985 und 2005 bedeutsam anstieg. (7)

Jeder kann etwas gegen Demenz im Alter tun

Bei dem gegenwärtigen Stand der Erkenntnis ist es nach wie vor eher eine Hoffnung als eine Gewissheit, dass die Zahl der Demenzerkrankungen weniger stark zunehmen wird, als auf Grund der Verschiebungen im Altersaufbau der Bevölkerung zu befürchten ist. Gleichwohl erscheint ein verhaltener Optimismus gerechtfertigt, dass durch Veränderungen einer Reihe von Faktoren der zu erwartende Anstieg abgemildert werden kann. Zu den Einflussgrößen, die dem Auftreten einer Demenz im Alter entgegen wirken können, zählen vor allem hohe Bildung, geistige und körperliche Aktivität, vernünftige Ernährung, Einstellung von Blutdruck und Blutzucker, Vermeiden des Rauchens und Kontrolle des Körpergewichts. Durch Beachtung dieser Faktoren wird sich der steile Anstieg der Krankenzahlen womöglich abflachen lassen. Es wird jedoch keinen Rückgang der Krankenzahlen geben, da auch Erfolge in der Vorbeugung nicht mit dem rasanten Wachstum der Altenbevölkerung Schritt halten können.

Hinweise auf sinkende Krankheitsrisiken sind sehr erfreulich, weil sie zeigen, dass man selbst zu Aufschub und Vermeidung der Erkrankung beitragen kann. Sie dürfen jedoch nicht zu nachlassenden Anstrengungen in der Betreuung und Versorgung der Betroffenen und ihrer Familien führen, denn die Krankenzahlen werden auf absehbare Zeit steigen und eine wachsende gesellschaftliche Herausforderung darstellen.

Dr. Horst Bickel und Prof. Dr. Alexander Kurz
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Klinikum rechts der Isar Technische Universität München

Literatur

(1) Deutsche Alzheimer Gesellschaft (2012) Das Wichtigste 1. Die Epidemiologie der Demenzen.

(2) K. Christensen et al. (2013) Physical and cognitive functioning of people older then 90 years: a comparison of two Danish cohorts born 10 years apart. Lancet, 11. Juli

(3) F.E. Matthews et al. (2013) A two- decade comparison of prevalence of dementia in individuals aged 65 years and older from three geographical areas of England: results of the Cognitive Function and Ageing Study I and II. Lancet, 16. Juli

(4) C. Qiu et al. (2013) Twenty-year changes in dementia occurrence suggest decreasing incidence in central Stockholm, Sweden. Neurology 80: 1888-1894

(5) J. Matthillas et al. (2011) Increasing prevalence of dementia among very old people. Age & Ageing 40: 243-249

(6) W. A. Rocca et al. (2011) Trends in the incidence and prevalence of Alzheimer´s disease, dementia, and cognitive impairment in the United States. Alzheimers & Dementia 7: 80-93

(7) A. Sekita et al. (2010) Trends in the prevalence of Alzheimer‘s disease and vascular dementia in a Japanese community: the Hisayama Study. Acta Psychiatrica Scandinavica 122: 319- 325