Zum Umgang einer marokkanischen Familie mit dem demenzerkrankten Vater

Al Hadi Ulad Mohand ist Filmemacher und stammt aus Marokko. Sein Vater war an Alzheimer erkrankt. Im Interview spricht er darüber wie seine mittellose Familie mit der Krankheit umging und über den autobiografischen Film, den er dazu gedreht hat.  

Die Journalistin Viola Gräfenstein hat ein intensives Interview mit ihm geführt, das sie uns freundlicherweise zur Verfügung stellt. Wie auch im Film erzählt Al Hadi Ulad Mohand im Interview davon, wie seine mittellose Familie mit der Krankheit umging und wie ihre Liebe zum Vater dabei eine tragende Säule bildete.

Der Film „La vie me va bien“ ("Das Leben läuft gut für mich") ist bisher leider noch nicht in den deutschen Kinos zu sehen. Einen ersten Eindruck vermittelt der Trailer zum Film: https://vimeo.com/754726490?share=copy

Al Hadi, Sie haben Ihren Vater als Jugendlicher plötzlich als sehr seltsam empfunden. Was war passiert?

Al Hadi Ulad Mohand: Ich war 13 Jahre alt, als mein 50-jähriger Vater, der als Telefontechniker bei der Post arbeitete, die ersten Zeichen einer Alzheimer Erkrankung zeigte. Er verhielt sich seltsam. Er vergaß Dinge, Situationen und Namen. Zu dieser Zeit wussten wir nicht, was mit meinem Vater los war. Ich dachte, er würde schauspielern. Ich hatte zuvor noch nie etwas von der Alzheimer Krankheit gehört. Es brauchte eine gewisse Zeit, bis wir ihn dann wirklich zu einem Arzt nach Tanger brachten. Die Diagnose Alzheimer war für alle ein Schock. Es gab kein Medikament dafür, und das hat sich bis heute nicht geändert.

Sie beschlossen Arzt zu werden und wurden schließlich Filmemacher?

Al Hadi Ulad Mohand: Mein Vater und ich standen uns sehr nah. Ich wusste, dass ich meinen Vater verlieren würde und wollte etwas tun, deshalb wollte ich zunächst Arzt werden. Das klappte nicht. Schließlich wollte ich etwas Künstlerisches machen. Deshalb wurde ich Filmemacher. Der Film „La vie me va bien“ war später mein Weg zu zeigen, wie Betroffene mit dieser Krankheit umgehen können und insbesondere, wie wir als Familie damit umgegangen sind. Auch wenn es erst Jahre später war, habe ich das Gefühl, mit diesem Film ein eigenes Heilmittel gegen diese Krankheit gefunden zu haben. Mit dem Film habe ich selbst auch nochmal meine Trauer bewältigt.

Der Film erzählt die Geschichte einer Familie, die ein einfaches Leben führt und sich selbst findet. Welche Botschaft wollten Sie mit dem Film vermitteln?

Al Hadi Ulad Mohand: Ich wollte nicht nur über die Alzheimer Krankheit aufklären, sondern auch das Thema „Liebe und Menschlichkeit“ in den Mittelpunkt rücken. Es war die Liebe unserer Familie und vor allem meiner Mutter, die meinen Vater und uns mit wenig Geld aufopfernd neun Jahre lang bis zu seinem Tod durch diese Zeit getragen hat. Es gab sehr viel Schmerz, den wir erlebt haben. Meine Mutter war sehr traurig, aber durch den Schmerz sind auch eine Art von Zusammenhalt und Liebe geboren. Die Liebe hat den Schmerz verdrängt.

Sie waren in einem Krankenhaus mit Ihrem Vater. Gab es dort für ihn keine Hilfe?

Al Hadi Ulad Mohand: Es gab kein Heilmittel gegen Alzheimer. Liebe und Menschlichkeit sind für mich wie ein Heilmittel. Wir waren zwar arm, es war hart und anstrengend, jeder tat das, was er mit seinen Mitteln konnte, aber zugleich war das Leben durch die Liebe, die in unserer Familie herrschte, sehr reich. Jedes Familienmitglied hat sich in dieser Zeit selbst gefunden. Ich bin dadurch stärker geworden.

Es war sicherlich nicht leicht, in die Stadt Ihrer Kindheit zurückzukehren und dort den Film zu drehen?

Al Hadi Ulad Mohand: Auch wenn es schwer war, weil mich vieles an meinen Vater erinnerte, wollte ich unbedingt in meiner Heimatstadt Assilah in Marokko drehen, weil es dort so schöne Plätze und ein wunderbares Licht gibt. Mein Kameramann kannte das schöne Licht und wusste, an welchen Plätzen wir am besten drehen sollten.

Warum sind die Bilder ein starker Kontrast zur Geschichte?

Al Hadi Ulad Mohand: Damit wollte ich die Schwere des Themas auflockern. Ich zeige den Vater im Bett umgeben von einem Käfig am Strand. Das sind Bilder, die es so noch nicht gab und Humor zeigen. Zusammen mit der wunderschönen Musik von Niki Reiser wurde es ein poetischer Film über eine Familie, die mit einer schweren Krankheit umgehen muss. So ein Film wurde in Marokko noch nie gedreht.

Der Film hat Ihnen internationale Preise eingebracht. Hätten Sie damit gerechnet?

Al Hadi Ulad Mohand: Damit habe ich nicht gerechnet und ich bin sehr froh darüber. Die zahlreichen Preise zeigen, dass dieser Film beim Publikum und den Kritikern gut ankommt. Darüber bin ich sehr glücklich. Mein Vater wäre es sicherlich auch. Die Krankheit Alzheimer ist eine schwierige Erkrankung, aber es gibt Wege, damit umzugehen. Deswegen möchte ich diesen Film mit so vielen Menschen wie möglich teilen. Ich hoffe, dass wir eines Tages ein Mittel gegen Alzheimer finden werden und dass wir die Liebe in den Mittelpunkt stellen, denn für mich ist Liebe wie ein Heilmittel. Die Sprache der Liebe ist überall gleich. Es geht um die Liebe, die Nationalität zählt nicht.

Ihre Eltern sind für Sie ein großes Vorbild. Was schätzen Sie an ihnen?

Al Hadi Ulad Mohand: Meine Eltern waren für die damalige Zeit sehr modern. Mein Vater heiratete damals meine Mutter, die schon ein Kind von einem anderen Mann hatte. Das ist in unserer Gesellschaft sehr außergewöhnlich. Beide waren sehr offene, kulturell interessierte Menschen und immer füreinander da. Als mein Vater erkrankte, gab meine Mutter ihm mit ihrer Liebe alles zurück. Das finde ich wunderbar.

Lubna Azabal hat die Rolle Ihrer Mutter gespielt. Wieso haben Sie sie ausgewählt?

Al Hadi Ulad Mohand: Alle Schauspielerinnen und Schauspieler in diesem Film waren einfach großartig. Lubna Azabal hat sogar den Preis der besten Schauspielerin auf dem arabischen Filmfestival in Rotterdam gewonnen. Ich konnte mir für diese einfühlsame Rolle keine bessere Schauspielerin als Lubna Azabal wünschen. Der Film soll sowohl eine Hommage an meine Mutter sein, aber zugleich auch alle Frauen ehren, die täglich so viel leisten. Ich wollte diese Geschichte mit der ganzen Welt teilen.

 

Weitere Informationen zum Film:

Mit seinem Debutfilm „La vie me va bien” hat der marokkanische Filmemacher Al Hadi Ulad Mohand zahlreiche Preise und Ehrungen erhalten. Der Film handelt von einem Mann, der in den 1990er Jahren an Alzheimer erkrankte und erzählt zugleich in poetischen Bildern die Geschichte einer Familie, die sich auf ihre ganz eigene Art liebevoll um den Vater kümmert.

Der Film „La vie me va bien/Life suits me well” wurde auf 50 Festivals weltweit präsentiert, u.a. in China, Ost- und Mitteleuropa.  2021 erhielt er den Red Sea Fund sowie elf weitere Preise. In Deutschland ist er noch nicht in den Kinos zu sehen.

In den Hauptrollen: Samir Guesmi, Lubna Azabal (Preis für die beste Darstellerin), Sayyid El Alami.

Musik: Niki Reiser. Kamera/Fotos: David Quesemand. Produktion: Karim Debbagh. Eine Kasbah Filmproduktion.

Copyright Fotos: David Quesemand

Interview: Viola Gräfenstein (2023), www.viola-graefenstein.de