Literaturhinweise
Die hier gesammelten Buchbesprechungen stellen ausgewählte Bücher zum Thema Demenz vor. Sie verstehen sich als Empfehlungen und Diskussionsbeiträge zu Büchern, die unsere Aufmerksamkeit gefunden haben. Die Auswahl erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und bietet keinen umfassenden Überblick über aktuelle Veröffentlichungen, sondern darf als Inspiration und Anregung für die weitere Beschäftigung mit dem Thema Demenz dienen. Besprechungen veröffentlichen wir regelmäßig in unserem Vereinsmagazin "Alzheimer Info".
Viel Freude beim Entdecken!
Besprochene Bücher 2026
Alzheimer. Arschloch. Algarve.

Ein (un)vergesslicher Roadtrip“. So lautet der Untertitel dieses unterhaltsamen und zutiefst berührenden Buches. Autor Oliver Kneip ist seit Jahren mit seinem Van in Europa unterwegs. Im Mai 2023 unternimmt er einen Roadtrip der besonderen Art mit seinen Eltern von Deutschland nach Portugal – „als letzte Chance, bevor sie eine solche Reise nicht mehr schaffen würden“. Der Vater ist körperlich eingeschränkt und die Mutter ist an Alzheimer erkrankt. Das bringt viele Herausforderungen mit
sich, nicht zuletzt braucht es unendliche Geduld, wenn die Mutter auf der Rückbank sitzend immer und immer wieder ihren Schmuck durchzählt: „Eins, zwei, drei, vier, fünf – und sechs? Wo ist die Sechs?!“ Oder wenn sie sich nach Tagen im Auto bei hohen Temperaturen nicht duschen will. Zum Glück ist Humor in dieser Familie tief verwurzelt und viele Situationen lassen sich durch Wortspiele und alte Redewendungen wieder ins Positive wenden. Oliver Kneip beschönigt nichts. Alzheimer verändert das Leben drastisch und schmerzhaft. Aber es gelingt ihm mit seinem Buch Mut zu machen, Dinge in Angriff zu nehmen, die man „irgendwann mal machen wollte“. Immer wieder flicht er auch Erinnerungen aus anderen Reisen ein, beschreibt die Orte und besondere Restaurants, Cafés und Hotels der gemeinsamen Reise und zeigt wie wichtig es ist, jeden einzelnen Moment wirklich wahrzunehmen
Susanna Saxl-Reisen, DAlzG
„VergissDeinNicht“

Corinna Schells biografische Erzählung ist eine berührende und ehrliche Auseinandersetzung mit dem Leben ihrer Mutter, die 1928 geboren wurde. Diese Frau, die bereits als zwölfjähriges Kind einem Wehrmachtssoldaten die Stirn bot und ihr Leben lang für Gerechtigkeit einstand, heiratete, bekam sechs Kinder
und begann erst mit 57 Jahren ihr eigenes, unabhängiges Leben. Dann die dramatische Wendung: Mit 72 Jahren wird bei der Mutter Demenz diagnostiziert. Schell schildert eindringlich, wie Angehörige zunächst die Realität verdrängen und eine „Wahrnehmungsschutzbrille“ tragen, bevor sie lernen, das Mitleiden in ein echtes Mitfühlen zu verwandeln. Die Autorin wirft dabei existenzielle Fragen auf: Was nimmt das Vergessen? Was schenkt es? Was bleibt? Der Erzählstil ist besonders: Im ersten Teil spricht die Tochter über ihre Mutter, im zweiten Teil wendet sie sich direkt an sie, was dem Leser einen tiefen Einblick in beide Seelenwelten gewährt. Dieses 340 seitige Buch ist mehr als eine Biografie; es ist ein Stück Sachbuch, das Mut macht, sich auf demenzerkrankte Angehörige einzulassen, und zur eigenen Vorsorge motiviert. Ein kraftvolles Leseerlebnis.
Hanna-Petra van Bruinehsen, Kiel
Opa Bär und die Schuhe im Kühlschrank

Als meine siebenjährige Tochter das Buch auf meinem Schreibtisch entdeckte, habe ich sie aufgefordert selber mal zu versuchen den Titel zu lesen. Mit Erstleser-Manier machte sie sich an das Silben-Lesen. Sie musste so herzlich über den Titel lachen, dass wir das Buch natürlich sofort aufgeschlagen und angefangen haben zu lesen, um herauszufinden, was das mit den Schuhen im Kühlschrank auf sich hat. Bereits nach den ersten Seiten waren wir beide ganz in die Geschichte eingetaucht.
Wir erfahren, dass Bennys Opa in letzter Zeit häufiger merkwürdige Sachen macht. Manchmal gibt es richtig Streit, wenn Benny ihn auf sein falsches Verhalten anspricht. Schritt für Schritt erkennen wir und auch Benny aber, dass hinter diesem Verhalten eine Krankheit steckt, die dazu
führt, dass Opa immer mehr vergisst oder verwechselt: die Wochentage, die richtigen Wörter oder dass die Schuhe im Kühl- statt im Schuhschrank landen. Die Geschichte von Benny und seinem Opa erzählt auf liebevolle und kindgerechte Weise vom Vergessen und davon, wie sich der Alltag verändert, wenn ein geliebter Mensch an Demenz erkrankt. Ein schönes Büchlein. Es lässt sich gut – auch für Erstklässler – lesen und vorlesen. Auf wunderbare Weise alltagsnah und kindertauglich
geschrieben.
Jessica Dinter, DAlzG
Ich denk nicht dran. Ein Vermächtnis zu Lebzeiten von Jo Failer

Als Mensch, der selbst mit einer Demenzerkrankung lebt, habe ich Jo Failers Buch mit besonderem Interesse gelesen. Vieles, was er beschreibt, ist mir sehr vertraut – nicht, weil jeder Verlauf gleich ist, sondern weil die Gefühle, die Fragen und die Hoffnung sich oft ähneln.
„Ich denke nicht dran“ ist ein ehrliches, mutiges und lebensbejahendes Buch. Es zeigt, dass eine Demenzdiagnose nicht das Ende eines wertvollen Lebens bedeutet. Hinter der Krankheit bleibt der Mensch mit seiner Würde, seinen Gefühlen, seinen Beziehungen und seiner Lebensgeschichte.
Jo Failer macht uns Mut offen und detailliert. Damit trägt er auch dazu bei Ängste abzubauen und Verständnis für diese Krankheit und damit auch den Abbau des Stigmas zu vermitteln.
Dieses Buch baut Brücken auf zwischen Verständnis und Unverständnis bei Angehörigen, Freunden und allen, die bereit sind, hinzusehen.
Der Titel seines Buches „Ich denk nicht dran“ ist aber auch als Botschaft zu verstehen wie……
Ich denk nicht dran aufzugeben
Ich denk nicht dran mich zurück zu ziehen
Ich denk nicht dran mich nicht über meinen selbstgemachten Expresso zu erfreuen
Ich denk nicht dran Freundschaften abzubrechen
Ich denk nicht dran meine Familie zu vernachlässigen
Rainer Heydenreich, Beirat "Leben mit Demenz" der DAlzG
Eine ganz besondere Reise von Emma Heming Willis

Emma Heming Willis, die Ehefrau des US-amerikanischen Schauspielers Bruce Willis, nimmt ihre Leserinnen und Leser tatsächlich mit auf eine Reise. Das Buch richtet sich vor allem an Angehörige von Menschen mit Demenz - an Pflegepartnerinnen und –partner, wie sie es nennt. Es umfasst die Aufklärung über verschiedene Demenzformen, den herausfordernden Pflegealltag und die Schwierigkeit, Frontotemporale Demenz (FTD) zu diagnostizieren. Es ist sowohl Fachbuch und Ratgeber als auch Anleitung zur Selbsthilfe mit wertvollen Tipps. Gleichzeitig ist es eine sehr berührende Familiengeschichte voller Liebe und Hingabe.
Willis legt großen Wert auf die eigene Selbstfürsorge, denn wenn man einen Menschen mit Demenz pflegt, »braucht man ein ganzes Dorf«, schreibt sie. Hilfe von außen und ein gutes Netzwerk, die Unterstützung von Freunden und der fachliche Rat von Expertinnen und Experten sind absolut entscheidend. Emma Willis‘ Botschaft ist klar: Nur, wenn ich mich selbst gut pflege, kann ich andere pflegen, denn »Selbstfürsorge ist keine 'Alternative', sondern eine wesentliche Grundvoraussetzung.«
Die beiden gemeinsamen Kinder von Emma und Bruce Willis sind zum Zeitpunkt der Diagnose acht und zehn Jahre alt. Emma Willis schildert eindrücklich die Herausforderungen, aber auch die Kraft, die sie aus der Liebe und Achtsamkeit untereinander zieht. Sie gibt außerdem wertvolle Tipps, wie Eltern auch mit jüngeren Kindern über die Krankheit, drohenden Verlust und Tod sprechen können.
Ein informatives, persönliches und ermutigendes Buch.
Almut Koch, DAlzG
Lebensmut trotz(t) Demenz von Dr. Sarah Straub

Sarah Straub gelingt es in ihrem Buch, fundiertes medizinisches Wissen mit persönlicher Nähe zu verbinden. Beinahe mühelos vermittelt sie verständlich aufbereitetes Wissen zu unterschiedlichen Formen der Demenz und bringt den Leserinnen und Lesern auf berührende Weise nah, wie Betroffene und Angehörige mit der Erkrankung leben und wie sie dabei empfinden. Die fachlichen Erläuterungen schaffen Orientierung und helfen, die geschilderten Erfahrungen einzuordnen.
Besonders die vielen persönlichen Geschichten von Menschen mit Demenz berühren, machen demütig und wirken zugleich inspirierend.
Nora Landmann, DAlzG
Besprochene Bücher 2025
Leergut von Jörg Maurer

Frankfurt am Main 2024, 304 Seiten, 22 €
"Leergut“ von Jörg Maurer ist ein eindrucksvoller Roman, der sich auf unkonventionelle Weise mit
den Auswirkungen von Alzheimer auf das Leben des Protagonisten Daniel Koch auseinandersetzt. Inspiriert durch eine wahre Begegnung des Autors, begleitet die Leserschaft Daniel durch die verschiedenen Stadien seiner Erkrankung – von der ersten Diagnose bis hin zum Leben
im Heim. Der Autor schafft es, den komplexen Verlauf der Krankheit verständlich und gleichzeitig emotional packend
darzustellen. Die Erzählung ist wie eine Schnipseljagd, in der sich Daniel, aber auch die Lesenden, durch Erinnerungsfetzen und Verwirrungen navigieren müssen. Dabei wird das Erleben eines Demenzerkrankten auf eindrucksvolle Weise
nachvollziehbar. Durch indirekte Verweise auf die Deutsche Alzheimer Gesellschaft und ihre Mitgliedsgesellschaften sowie auf den Nutzen von Verständniskärtchen finden auch wir uns als Organisation in diesem Buch wieder. „Leergut“ ist ein berührendes, lehrreiches Buch, das zur Auseinandersetzung mit dem Thema Demenz anregt und zum Nachdenken über den Umgang mit Betroffenen einlädt.
Silvia Starz, ehm. DAlzG
Zwitterland von Brigitte Samson

"Zwitterland“, so nennt der Ehemann der Autorin die andere Welt, in die er sich im Laufe seiner Erkrankung immer häufiger zurückzieht. Manchmal scheint er sehr bewusst wahrzunehmen, dass die Demenz ihn gleich wieder in dieses andere Land hineinziehen wird.
Brigitte Samson begleitete ihren Mann zwölf Jahre lang auf der Reise in und durch das Zwitterland. Sie berichtet davon, wie sie sich mit schier endloser Geduld und Selbstaufgabe auf die immer neuen Anforderungen der Krankheit einstellte. Sei es, indem sie nächtelang mit ihrem Mann unterwegs war, der die verschiedenen Plätze seiner Kindheit aufsuchen wollte, sei es, dass sie sich Unterstützung von fremden Personen suchen musste, weil ihr Mann sie gerade nicht als seine Ehefrau erkannte und vor ihr flüchtete. In diesem sehr persönlichen Buch erzählt sie in kurzen Texten von ihren Erfahrungen. Ergänzt werden diese Texte von Gedichten, Fotos, Aquarellen und sogar einigen Musikstücken der Autorin. Es ist ein Buch, das zutiefst berührt, wenn man sich darauf einlässt, mit auf die Reise zu gehen.
Susanna Saxl-Reisen, DAlzG
Demenz. Nicht Jetzt! von Prof. Dr. med. Klaus Fließbach und Dr. Katrin Wolf

Demenz. Nicht Jetzt!“ von Professor Dr. med. Klaus Fließbach und Dr. Katrin Wolf ist ein äußerst aufschlussreicher und gleichzeitig ermutigender Ratgeber für Betroffene, Angehörige und Pflegende. Er ist ein Mutmacherbuch. Die beiden Experten im Bereich Neurologie und Psychiatrie verstehen es, die komplexen medizinischen Fachbegriffe so zu übersetzen, dass die Leserschaft trotz des schwierigen Themas eine positive Lektüre erlebt. Fließbach und Wolf legen großen Wert darauf, die Leserinnen und Leser zu motivieren, das Leben trotz der Diagnose weiterhin aktiv zu gestalten, und vermitteln, dass auch mit der Erkrankung ein erfülltes Leben möglich ist. Sie bieten zahlreiche konkrete Vorschläge, um geistig und körperlich fit zu bleiben, wie regelmäßige Bewegung, soziale Aktivitäten und geistige Übungen. Darüber hinaus betonen sie die Bedeutung einer guten Ernährung und ausreichender Flüssigkeitszufuhr. Zudem wird das Thema der Unterstützung durch das soziale Umfeld und Fachkräfte behandelt, um ein selbstbestimmtes Leben so lange wie möglich zu führen.
Ein besonders wertvoller Aspekt des Buches ist die Behandlung der Überforderung. Fließbach fordert dazu auf, die eigene Belastung anzuerkennen und sich gegebenenfalls Unterstützung zu holen – nicht nur für die an Demenz erkrankte Person, sondern auch für An-und Zugehörige.
Das Buch kombiniert wissenschaftlich fundiertes Wissen mit einer positiven, hoffnungsvollen Botschaft. Es bietet einen praktischen Leitfaden und ist ein Mutmacher für alle, die mit Demenz konfrontiert sind. •
Wolfgang Bornemann, Bonn
Als meine Oma beschloss zu vergessen von Rosa Schaberl

beschloss zu vergessen. VfmK Verlag
für moderne Kunst GmbH, Wien 2024,
28 Seiten, 20 €
Ein Buch ohne bunte Bilder oder Illustrationen muss ich gar nicht erst hervorholen – und so wurden die 28 Seiten von meiner sechsjährigen Tochter erst einmal genau inspiziert, um sie als vorlesetauglich abzusegnen. Doch zum Glück konnte auch die Geschichte überzeugen: Die spannenden Abenteuer, von denen die Enkelin erzählt, in denen sie und ihre „super richtig mega uralte Oma“ zu Froschschwimmerinnen und Königinnen mit Kronen aus Wildblumen werden oder ein anderes Mal auf auf der Suche nach Maroni als Wildschweine durch die Wälder streifen und plötzlich das ganze Haus vor lauter Vanillekipferln aus den Nähten zu platzen droht, gehen ans Herz und berühren tief. Wie eine Kleinigkeit scheint es, als die Großmutter zu vergessen beginnt … wie viele Vanillekipferl sie schon gebacken hat, wie sie den Weg nach Hause findet – und plötzlich sogar ihre Enkelin. Doch auch hier findet die liebevoll und kindgerecht erzählte Geschichte eine versöhnliche Lösung: Die Enkelin ruft sich durch die Erzählung der gemeinsamen Erlebnisse in die Erinnerung ihrer Großmutter zurück. Bei uns zu Hause hat das Vorlesen nicht dazu geführt, dass meine Tochter dabei eingeschlafen ist, sondern dass sie mit großer Spannung bis zum Schluss durchgehalten hat. Denn diese Sammlung von Alltagserlebnissen ist besonders warmherzig erzählt. Dass sie aus der Perspektive der Enkelin erzählt wird, macht die Geschichten noch einfühlsamer und berührender.
Jessica Dinter, DAlzG